Die Krähe:
Foto Noir

Die Annäherung an bestimmte Genres der Fotografie oder des Films ist eine ideale Methode, um rasch Effekte und ihre Ursachen zu erkennen.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Johannes Senn).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Johannes Senn).

Kommentar des Fotografen:

Dieses Bild habe ich bei einer kleinen Fototour in Böblingen gemacht. Unter dem Baum lag Fallobst, das die Krähen gefressen haben, dann musste ich nur noch so lange warten bis die Krähe an der perfekten Stelle war.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Johannes Senn:

Die Zwischensequenz aus einem Film Noir. So wirkt dieses Bild auf mich, und das ist zweifelsohne, was seinen Reiz ausmacht:

Wir alle kennen diese triste Stimmung, hören die Krähen Krächzen und den Wind leise säuseln, während die Dämmerung über den Friedhof herabs.. – oha. Nun, es ist kein Friedhof. Aber der Stimmung nach könnte es einer sein.

Drei Dinge machen das Bild motivseitig aus: Krähe, einsamer Baum, Acker. Keines dieser Elemente allein würde eine Aussage ergeben:

Alle drei zusammen wirken wahrscheinlich auch noch ziemlich falch – aber mit der richtigen Tonalität und der Perspektive von unten mit einem nichtsagenden, aber ebenso tristen Herbstgras-Vordergrund ergibt sich diese typische Stimmung, wie man sie aus den Schwenks der Hollywood-Schwarzweissfilme aus den vierziger Jahren und später gewissen Comics kennt.

Du hast den Eindruck deutlich gestärkt durch den dunklenm Verlauf im Himmel, der wie das drohende Unheil wirkt, ausserdem die gedämpften Farben und eine leichte Unterbelichtung. Was für eine klassische Film-Noir-Aufnahme fehlt, ist das Low-Key Element (Schwarz-Überhang und harter Kontrast) und die schlagenden Schatten, die alelrdings vor allem in den typischen Stadt-Krimis eine Rolle spielen.

Technisch finde ich die Aufnahme sehr gut, abgesehen davon, dass der Verlauf im Himmel durch die Kompression (Picasa?) als eine Serie von Stufenbändern sichtbar wird.

Inhaltlich stören mich die Tannenwipfel im Hintergrund unter dem Baum: Sie wirken wie eine Unachtsamkeit des Fotografen und werden nicht in die Komposition einbezogen. Den rabenschwarzen Waldrand zu integrieren, hätte dem Bild vielleicht zusätzlich Stimmung verliehen; ich vermute indes eher, dass damit die Einsamkeit des Baums verloren gegangen wäre.

Die tiefe Perspektive aus dem Gras heraus – der Sicht eines eben von einer Kugel niedergestreckten Mannes im Trenchcoat vielleicht – unterstützt die ganze Stimmung nämlich enorm mit dem leeren, hoffnungslosen Horizont: Das ist das Ende der Welt, und ausser einer Krähe und einem Baum ist hier nichts zu finden ausser dumpfer, frisch aufgebrochener Erde und modrigem Gras.

Was ich weniger passend finde, ist der quadratische Bildschnitt. Statt einer Mittelformat-Aufnahme würde ich bei dieser Stimmung ja eher eine Anlehnung an den Film und damit ein Querformat erwarten, das, nebenbei gesagt, viel Negativraum auf der linken oder rechten Seite haben dürfte. Ich hab mal ganz schnell und dreckig ein paar Dinge umgesetzt:

Breitformat, S/W, Baumwipfel entfernt, Kontrast gestärkt und Helligkeit gesenkt. Voilà.

Breitformat, S/W, Baumwipfel entfernt, Kontrast gestärkt und Helligkeit gesenkt. Voilà.

Die Anlehnung an ein Genre wie den Film Noir finde ich sehr interessant, weil sie eine Herausforderung mit speziellem benefit darstellt. Wir können, wenn wir solche Experimente gezielt umsetzen, auf eine ganze Reihe von Konstanten zurückgreifen (was natürlich voraussetzt, dass sich der Fotograf oder die Fotografin mit den Trends und den künstlerischen Richtungen der Vergangenheit auseinandergesetzt hat). Im Film Noir sind das wie erwähnt die langen Schatten, Low-Key Aufnahmen, hohe oder tiefe Perspektiven und dergleichen Merkmale. Es gibt also ein bestimmtes Regelwerk, mit dem man arbeiten kann. Mit Herumprobieren lässt sich schnell herausfinden, welche Komponente für welchen Effekt verantwortlich ist, und diese Erkenntnisse können danach isoliert anderswo wieder angewandt werden.

Natürlich braucht man dazu nicht unbedingt ein Genre – Du kannst Dir auch ein eigenes Regelwerk zusammenstellen und in einem so klar definierten Rahmen Dinge ausprobieren. Die Kopie der Genres hat aber den Vorteil, dass wir wissen, wie das Resultat grundsätzlich aussieht und deswegen die Auswirkungen von Veränderungen schneller erkennen können. den effekt kennen wir alle: Man guckt sich ein eben gemachtes Bild an und findet “das sieht doch aus wie…” – die Frage ist, warum es so aussieht, und die Antwort ist vielfach ein Aha-Erlebnis.

Auf Flickr gibts Gruppen, die sich mit Genres befassen – mehrere darunter haben sich dem Film Noir verschrieben und bieten tolle Arbeiten und grossartiges Anschauungsmaterial.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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4 Kommentare

  1. Ich finde das Bild einfach ganz große Klasse. Applaus (und danke für die Inspiration)!!!

  2. das bild könnte links mehr raum brauchen, aber die farbstimmung finde ich sehr schön, s/w brauchts das nicht.

  3. danke dass mein bild so schnell veröffentlicht wurde. schade dass die kritik sich auf ein filmgenre konzentriert hat anstatt auf die fotografie.
    für die genannten kritikpunkte bin ich dankbar und ich glaube die veröffentlichung hier hat mir auch etwas gebracht.

  4. Lieber Herr Sennhauser, Sie haben jetzt drei Naturaufnahmen in Serie besprochen, wie sie nicht unterschiedlicher sein könnten: Zuerst der Wald als Tapete, dann das nasse Maro-Blatt, jetzt der Baum mit Krähe. Ich bin gespannt, was als nächstes kommt! Bei so einer Serie sieht man, was alles möglich ist. Ich finde übrigens sehr schön, wie Sie Ihre Assoziation zum Krähenbild ausführten. Oft denken wir ja: Das erinnert mich irgendwie an, äh, öhm, Dingsda. Sie bringen es sehr gekonnt auf den Punkt. Thx.

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