Test Nikon D90:
Filmwunder für geschickte Hände

Im Alltags-Test für Video schlägt sich die mit Lorbeeren überhäufte Nikon D90 Spiegelreflex mit HD-Videokapazität ordentlich. Bloss die Handhabung ist sehr gewöhnungsbedürftig: Die Kamera sorgt für hochwertige Videos, der Kameramann schnell für eine Wackel-Partie.

Testvideos im Original am Posting-Ende (Anmerkung: Zwei weitere folgen im Lauf des Tages – ich bin am Hochladen: Die Dinger sind heftig gross)

In der Regel ist bei Geräten, die für einen Zweck gebaut wurden und als Dreingabe noch einen anderen beherrschen, meist auch in dieser Reihenfolge von den Eigenschaften die Rede.

Nicht so im Falle der Nikon D90. Die Prosumer-Spiegelreflex weist als Fotokamera zwar einige äusserliche Vereinfachungen gegenüber dem Semiprofi-Modell D300 auf, von dem sie abstammt. Technisch aber, und vor allem in Sachen Bildqualität, ist sie praktisch mit der grösseren Schwester identisch, wenn man den Testberichten der Fachmagazine glaubt. Aber sie kann etwas mehr:

Sie nimmt Video auf.

Wir wollten sie natürlich wegen dieser Zusatzeigenschaft unter die Lupe nehmen, mit der die Nikon seit dem Tag ihres Erscheinens Aufsehen erregt hat: Sie ist nicht nur Foto-, sondern auch Videokamera – sie nimmt in HD 720p (1280* 720 Pixel bei 24Bildern pro Sekunde) auf.

Leider hatte ich einmal mehr nur sehr wenig Zeit, um mit dem Testgerät von Nikon Feldversuche zu machen – aber für einige ausgiebige Spaziergänge hats gereicht, und dabei wollte ich logischerweise rausfinden, wie sich das Videografieren anfühlt und ob ich als D90-Besitzer nur noch filmen und nicht mehr fotografieren würde.

Diese Frage ist ganz leicht zu beantworten: Nein, denn Video ist ein ganz anderes Medium als Fotografie. Will heissen: Ein Auge für stille Bilder garantiert noch lange nicht, dass man auch halbwegs brauchbare Videos schiesst.

Egal: Der normale Freizeitfotograf, der nicht jede Dämmerung auf der Fotopirsch verbringt und Videos vor allem als bewegte Erinnerung an Babys erste Schritte machen will, für den ist die Kombination einer hochwertigen Spiegelreflex wie der Nikon D90 mit einer ebenso hochwertigen Videokamera zweifellos ein Preisvorteil.

Das stimmt, aber mit Einschränkungen. Die Nikon D90 ist zwar das beste, was ich an Camcorder je in den Händen gehalten habe – wenn es um die Bildqualität geht. Das liegt aber nur zu einem Teil an der Kamera; wesentlicher ist dabei das Glas, das vornedran steckt. Die Objektive, mit denen man mit der Nikon D90 filmen will, machen logischerweise viel aus.

Gehen wir zunächst auf die Vorteile ein: Kaum ein Camcorder von üblicher Faustgrösse und mit einem briefmarkengrossen Objektiv erreicht – trotz meistens enormer Zoomfaktoren von 10 und mehr – die Schärfentiefeneffekte, welche mit hochwertigen Nikkor-Objektiven auf der D90 zu erzielen sind. Ausserdem werden – eine entsprechende Sammlung an Objektiven vorausgesetzt – die Möglichkeiten weitaus grösser: Vom ultra-Weitwinkel bis Fischauge und Supertele mit 600mm Brennweite stehen dem Nikon D90-Filmer alle Möglichkeiten offen.

Da sind wir dann aber auch gleich wieder bei den Nachteilen: Im Set mit dem üblichen 18-70mm Objektiv gekauft, steht dem D90-Besitzer zwar ein Weitwinkel, aber ein verhältnismässig schwaches Tele zur Verfügung, nicht einmal ein 4fach-Zoom also. Wer neben deftigen Schwenks auch Tiefenzooms machen will, sollte mindestens ein 18-200mm von Nikon oder Sigma mit der Kamera kaufen.

Das sind zwar durchaus gute Allround-Objektive, mit zunehmendem Anspruch in der Fotografie könnten sie allerdings bald überholt sein – und können dann aber nicht einfach durch teurere Festbrennweiten ersetzt werden, ohne dass die Videofunktionalität beschränkt wird.

Ich bin allerdings bei den paar Testaufnahmen zum Schluss gekommen, dass diese Fähigkeit der Nikon D90 aller Qualität zum Trotz ohnehin ist. Denn die D90 ist nun mal eine reinrassige Spiegelreflex-Fotokamera mit dem Look-and-Feel ebensolcher Geräte.

Als solche wird die Kamera – trotz Live View zumindest in nächster Zeit – ans Gesicht gehoben, und es wird durch den Sucher fokussiert. Im Videomodus allerdings steht die Nikon D90 automatisch auf Live View, das heisst, man streckt die kilogrammschwere Kamera wie eine Kompakte weit von sich weg, um auf dem (extrem hochwertigen) Monitor auf der Rückseite das Bild zu kontrollieren. Das ist für eine besonder ruhige Bildführung nicht gerade dienlich, und die Verzögerungen bei der Darstellung auf dem Monitor helfen bei schnell bewegten Objekten auch nicht grade, den idealen Bildausschnitt zu finden.

Je nach Zoom-Objektiv kommt jetzt für das Live-Zoomen eine relativ komplexe Aktion hinzu, wenn der Kameramann mit der linken Hand den Zoomring am Objektiv drehen muss – was ebenfalls, beim Videografieren aus freier Hand, zu Holprigkeiten führt.

Zu guter Letzt – und das machte mir eindeutig am meisten zu schaffen – stellt sich das Problem der Scharfstellung. Die Kamera fokussiert zwar mit der Live View-Kontrastmessung und Autofokus, aber nach meiner Erfahrung nur vor einer Aufnahme. Das führt dazu, dass der Filmer bei einem Schwenk mit gleichzeitigem Ein- oder Auszoomen und einem Distanzwechsel zum neuen Motiv mit der Rechten die Kamera halten und mit der Linken zwei Einstellringe am Objektiv gleichzeitig bedienen müsste – was vielleicht irgendwelche Akrobaten mal hinkriegen, mir wollte es aber nicht gelingen, und beim verspäteten Scharfstellen habe ich dann auch noch oft zuerst in die falsche Richtung gedreht.

Nicht ganz klar war mir, ob der Bildstabilisator im Videomodus funktioniert oder ob er nicht ausgeschaltet werden sollte (das Handbuch fehlte bei der Testkamera). In einzelnen Fällen mit Kameraschwenks und zugleich bewegten Motiven sind mir in den Beispielfilmen sichtabere Wellen im Video aufgefallen, die aussehen, wie wenn eine TV-Produktion der sechziger einen Betrunkenen imitieren wollte.

Nicht sehr bequem, wenn auch leicht erklärbar, ist das Videoformat der D90 mit Motion-JPG. Dass es sich um ein gegenüber MPG4 und anderen Kompressionsverfahren veraltetes Format handelt, weiss ich nur aus der Theorie; dass die wenigsten einfachen Schnittprogramme damit zu Rande kommen aus Erfahrung.

Mein Fazit: Ein tolles neues Gimmick an Spiegelreflex-Fotokameras (auch bei Canon), das ich in meiner D300 gerne auch hätte – aber wirklich benutzen würde ich es wohl sehr selten (wie schon die Videofunktion an der Kompakten Canon).

Und wenn, dann geplant, gescriptet und mit Stativ inklusive Flusskopf für weiche Schwenks – aber das wären dann auch schon grössere Freizeitprojekte. dass Die Kamera für hochwertzige Videos nutzbar wäre, davon bin ich überzeugt. Ob sie mich zum begeisterten Videofilmer machen würde, davon sehr viel weniger.

Nikon D90 Body: rund 790 Euro (Affiliate-Link) Nikon D90 Kit mit 18-55mm VR-Objektiv: rund 990 Euro (Affiliate-Link)

Video 1, ohne Sound, herannahendes Tram (26s, 70MB)
Video 2, ohne Sound, Fahrt im Tram (39s, 85MB)
Video 3, mit Sound (und Windgeknatter), Familie spielt im Park (2min, 300MB)

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6 Kommentare

  1. FishermansFriend
    schrieb am 6. Januar 2009 um 15:36 Uhr (#)

    Besten Dank für den ganzen Erfahrungsbericht inklusive den beiden Videos!

    Ich bin zwar der Meinung dass eine DSLR einfach keine Videofunktion braucht. Aus meiner Sicht ist Filmen und Fotografieren ein riesengrosser unterschied.

    Nichtsdestotrotz, die beiden Videos haben eine wirklich erstaunliche Qualität! Hat mich fast aus den Socken gehauen. Aber das Problem mit dem fokussieren sieht man im Tram mit dem Hund sehr gut.

    Was auch kommen will; ich bleibe Fotograf.

    Besten Dank für deinen Einblick!

  2. martin
    schrieb am 6. Januar 2009 um 21:59 Uhr (#)

    interessanter bericht – und ich bleibe demnach auch erstmal beim “nur” fotografieren!

    aber hätte man die videos nicht etwas mehr “web 2.0″ anbieten können? so ist’s doch etwas sehr umständlich!

  3. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
    schrieb am 7. Januar 2009 um 10:58 Uhr (#)

    Martin, was meinst Du mit Web 2.0? Auf Youtube? Es geht ja nicht um den Inhalt der Videos, sondern um das Format – ich wollte Interessenten Zugang zu 1:1-Videos aus der Kamera bieten. Ich wollte die Dinger ja noch stückeln, aber find mal etwas kostenloses, was M-JPEG schneidet ohne es danach neu zu codieren.
    Ich hätt einfach 10sekündige Videos machen sollen. Hab ich aber leider nicht…

  4. martin
    schrieb am 7. Januar 2009 um 20:51 Uhr (#)

    peter, da gebe ich dir durchaus recht! aber ich wollte mir eigentlich nur schnell einen eindruck machen, wie gut die qualität der videos ist – da hätte auch schnell ein youtube-dings gereicht, ohne gleich 70mb runterzuladen müssen..

    naja, vielleicht entsteht hier gerade die idee für ein neues blogwerk-blog zum digitalen filmen!? :)

  5. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
    schrieb am 8. Januar 2009 um 07:54 Uhr (#)

    @martin: Hähä, ich glaube nicht, dass das das nächste Blogwerk-Blogthema sein wird…
    Ich meine, dass Youtube-Kompression und Flash kaum mehr Aussagen über die Videoqualität zulassen würden.

  6. Swonkie
    schrieb am 6. März 2009 um 22:50 Uhr (#)

    MJPEG codecs gibts auch gratis im netz. einmal installiert sollten eigentlich die meisten videoprogramme mit den filmen arbeiten können (ich nehme an die kamera speichert im .avi format?).

    auf jeden fall weiss ich, dass virtualdub (gratis und guter linearer editor) es problemlos beherrscht.
    und der vorteil von MJPEG ist, dass es nur aus keyframes besteht – man kann also superschnell hin und her scrollen.

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