Belichtungszeit sechs Monate:
Die Sonne über Bristol

Justin Quinnells Bilder könnten einen Fantasy-Roman illustrieren. Mit einer Belichtungszeit von sechs Monaten zeichnet der Engländer die Sonnenbahnen über seiner Heimatstadt Bristol auf.

Justin Quinnell: The Clifton Suspension Bridge, Bristol. 17. Dezember 2007 bis 21. Juni 2008

Justin Quinnell: The Clifton Suspension Bridge, Bristol. 17. Dezember 2007 bis 21. Juni 2008

Für das Bild der Clifton Suspension-Brücke begann Justin Quinnell die Belichtung am 21. Dezember zur Zeit der Wintersonnenwende und belichtete bis zum Sonnenhöchststand am 21. Juni. Quinnells Kamera ist eine Lochkamera.

Das Ergebnis sieht aus wie mit einem Fisheye-Objektiv aufgenommen. Schemenhaft ist in Türkisfarben die Brücke zu sehen und am Himmel zeichnen sich die Sonnenbahnen von sechs Monaten ab, jeweils von Sonnenaufgang bis zu ihrem abendlichen Untergang. Sechs Monate Belichtungszeit klingt etwas unglaublich, aber Justin Quinnell erklärt uns auf seiner Website genau, wie er das macht. “Slow Light” – langsames Licht, so nennt er diese Methode. Die Bauanleitung kann jeder selbst nachvollziehen und merkt dabei, dass es eigentlich ganz einfach ist – “Low Tech” im besten Sinne.

Justin Quinnell: Saint Mary Redcliffe

Justin Quinnell: Saint Mary Redcliffe

Das Prinzip folgt dem der altbewährten Lochkamera. Als Kamerakörper verwendet der Engländer Bierdosen, am besten große, wie er schreibt, damit ein möglichst großes Negativ entstehen kann. Die Bierdose wird vorne und hinten abgeschnitten, dann mit schwarzer Pappe und Klebeband vorne verschlossen. Das Loch, also das Objektiv, wird vorne mit einer Nadel hineingestochen und ist bei Justin Quinnell etwa zwei Millimeter groß.

Zur hinteren Öffnung kommt das Negativ hinein. Es handelt sich da um handelsübliches mattes, lichtempfindliches Fotopapier (also kein modernes Druckerpapier), das auf die richtige Größe passend rund zugeschnitten wird. Wegen der Lichtempfindlichkeit geschieht das Laden der Kamera bei Rotlicht wie früher im Chemielabor. Das hintere Ende muss dann wie das vordere lichtdicht verschlossen werden. Das Loch vorne ist bis zum Beginn der richtigen Belichtung ebenfalls mit einem schwarzen Klebestreifen abzudecken. Sicherlich muss die Kamera wetterfest sein. Soll sie die Sonnenbahnen aufzeichnen, muss sie an ihrem Aufnahmeort genau nach Süden zeigen.

Und dann nach sechs Monaten? In der Bierdose ist auf dem Fotopapier, wenn alles gut ging und sich nicht vielleicht Tiere eingenistet haben, ein Negativ entstanden. Ab hier wird’s digital, denn das Papier wird nun wieder im Dunkeln herausgenommen, eingescannt und in der Bildbearbeitung negativ invertiert und bearbeitet. So entsteht am Ende das Positiv, das aussieht wie aus Fantasyland. Auf Justin Quinnels Seiten finden wir eine ganze Reihe von Beispielen dafür.

Und übrigens, am kommenden 26. April ist der nächste World Pinhole Day, der Welttag für die Lochkamera – wir hatten letztes Jahr über die jährlich stattfindenden “Experimente mit Blende 250″ schon mal berichtet.

Justin Quinnell

World Pinhole Day 2009

 

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4 Kommentare

  1. Danke für den Artikel. Der Fotograf ist eine Entdeckung, eine sehr vergnügliche! Seine Aufnahmen mit Spezialkamera aus seinem Mund sind köstlich inszenierter Humor. Nach dem Motto: Ein Tag im Leben von, durch die Zähne gesehen. (Publiziert im Buch “Mouthpiece”.) Auch die im Artikel gezeigten Bilder sind eine absolute Entdeckung.

  2. Hallo
    Geniale Idee, diese Bilder.
    Weiss einer wo man so Papier herbekommt???

    • Hallo Silvan,

      lichtempfindliches Fotopapier gibt’s nach wie vor im Foto-Fachhandel.

      Das normale Fotopapier ergibt ein negatives Abbild. Licht = Schwärzung, kein Licht = hell bleibend. Aber es gibt auch Positivpapier speziell für Lochkamera-Zwecke, aber auch Fotogramme, zum Beispiel Harman Direct Positive. Dieses Papier zeichnet gleich ein positives Abbild.

  3. Dankeschön, werde es mal ausprobieren!

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