Blaue Stunde:
Wie hell ist es denn, bitte?

Die “Blaue Stunde” ist die Zeit zwischen Sonnenuntergang und Dunkelheit – die schönsten 20 Minuten des Tages. Bloss: wie dunkel ist es denn eigentlich?

Natürlich konnte ich nicht widerstehen: Wir haben 12 Mal im Jahr die Gelegenheit zu Vollmondfotos. Und auch wenn ich es jedes Mal zu spät realisiere, kann ich der Versuchung nicht widerstehen, die mühsam zusammengesuchten Erkenntnisse zur Mondfotografie umzusetzen zu versuchen.

Natürlich war ich auch diesmal zu spät: Das Zeitfenster zwischen Mondaufgang am Horizont (hinter einem möglichst attraktiven Motiv) und dem Ende der Dämmerung beträgt derzeit etwa 25 Minuten:

Danach ist es zu Dunkel, als dass sich der Mond korrekt belichten lässt und von der Umgebung noch etwas zu sehen ist.

Bis ich mich im Internet über die Richtung des Mondaufgangs in Grad von Norden und mit Winkelmesser, Karte und Lineal versichert hatte, dass ich am Ufer der Bucht unter der Golden Gate Brücke einen Standort fände, der die Insel Alcatraz vor den Mond rücken liesse, stand die gildene Vollmondscheibe schon hoch am Himmel.

Für ein paar Stativ-Aufnahmen hat es zwar gereicht, aber die Komposition ist nicht wirklich das, was ich mir gewünscht hätte. Die Nächste Chance hab ich im Februar…

Aber während ich da unten am Strand von Crissyfield mit verschiedenen Objektiven, Blendenwerten und Sekundenlangen Belichtungszeiten herumbastelte (Stativ/Spiegelvorauslösung/Bildstabi ausschalten/Blende nicht über 16/ISO nicht hochschrauben/manuelle Scharfstellung mit LiveView und Vergrösserung/Auslösen mangels Fernsteuerung mit Selbstauslöser/Bracketing mit halber Blende), gerieten einige unüberlegt geknipste Bilder nach dem Objektivwechsel zu diesen typischen “Nacht wird zum Tag”-Bilder.

Ich habe die Ursache schon mehrfach erwähnt – die Kamera ist auf 18% Grauwert, den Tageslicht-Durchschnitt geeicht, und wählt Einstellungen, die den Messpunkt dafür richtig belichten – sei es nun mit Matrix-, mittenbetonter- oder Spotmessung. Das führt dazu, dass die Kamera die Nacht zum Tag macht, indem sie ganz einfach zur gewählten Blende eine lange Belichtungszeit einstellt.

Für die Mondfotografie habe ich bereits gelernt, dass man die Silberscheibe wie einen von der Sonne beleuchteten Felsen belichten soll – also mit den Tageslicht-Einstellungen, aber mit der Spotmessung. Denn der Mond ist ein von der Sonne beleuchteter Fels.

Allerdings habe ich mich nach einigen Bracketing-Reihen gefragt, wie man denn in der Dämmerung “korrekt” belichtet, sprich so, dass das Resultat den effektiven Helligkeitswerten der menschlichen Wahrnehmung entspricht. Tatsächlich kann ich nämlich nicht nur bei der Aufnahme vor Ort, sondern auch später in Lightroom (RAW-Fotos vorausgesetzt) fast beliebige Schattierungen der Umgebung erstellen.

Eine schnelle Google-Recherche hat auch keine Weisheit gebracht: Alle Fachartikel zur Nachtfotografie reden davon, Dinge auszuprobieren und je nach “Wunsch” auf eine Stelle der Komposition zu belichten. Belichtungsreihen seien eine gute methode, zum gewünschten Resultat zu kommen, oder Spotmessungen auf einen teil des Motivs, das man gerne korrekt belichtet hätte.

Meine Schlussfolgerung fürs erste lautet demgemäss, dass es keine “korrekte” Belichtung gibt. NAchts und in der Dämmerung, wenn der Kontrastumfang die Dynamik der Kamera überschreitet, muss man sich auf irgendeinen Kompromiss einlassen und danach eigene Akzente setzen.

Das allerdings bedeutet, dass eine “objektiv korrekte” Belichtung, welche die Verhältnisse annähernd so wiedergibt, wie sie sich dem menschlichen Auge im Moment der Aufnahme präsentierten, nicht gibt. Andrerseits: Die Tageslicht-Regel, angewandt auf den Vollmond, ist doch just die absolute Messung: Der Mond entspricht ungefähr einem 18% Grauwert. Was aber tun, wenn kein Mond am Himmel steht?

Ideen, Fachwissen, Theorien, Erfahrungen? Gibt es eine “absolute” Belichtung in der Dämmerung oder nachts?

Ich wäre dankbar für Belehrung und Literaturhinweise.

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6 Kommentare

  1. martin
    schrieb am 12. Januar 2009 um 21:18 Uhr (#)

    zur belichtung kann ich dir leider nicht gross weiterhelfen.

    aber was ich doch unbedingt sagen möchte: wow! du hast einige wirklich super aufnahmen hingebracht, auch wenn die belichtung vielleicht noch nicht immer vollständig perfekt war. echt gelungen – und wieder einmal ein wirklich spannender bericht aus der praxis des fotografierens!

  2. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
    schrieb am 13. Januar 2009 um 13:27 Uhr (#)

    Danke – die Belichtung war ja meist ohnehin rein experimentell (Blende 1.4 würde ich nicht wirklich für die Skyline-Fotografie einsetzen) und für die Komposition kann ich auch nichts, die musste so sein. Ich bin also für alles entschuldigt ;-)

  3. Schreibt hier auf dem Blog Thomas Rathay
    schrieb am 16. Januar 2009 um 00:24 Uhr (#)

    Hallo Peter ich habe mich mal in Fachkreisen umgehört und meine Erfahrungen dazu gemischt.
    Ich denke es wird deine schon fast philosophische Frage nicht komplett beantworten, aber sicher ist es auch so ganz interessant zu lesen:

    “Die ganze “Fotografiererei” orientiert sich ausschließlich am menschlichen Sehen.
    Das betrifft sowohl die Farbwahrnehmung, als auch Wahrnehmung von Tonwerten, Kontrasten und Helligkeit.

    Beim Sehen spielt allerdings das Gehirn, also die Interpretation der Signale eine große Rolle, z. B. erkennen wir unter allen Lichtfarben weiß als weiß, wir haben eine Vorstellung von Naturfarben, Hauttönen etc. pp.

    Unser Gehirn ermöglicht uns auch eine realistische Vorstellung von Farben und Helligkeit, auch wenn wir “nur” auf die hochkomprimierte Wiedergabe eines Papierbilds schauen ( Durchlicht/Projektion ist natürlich wirklichkeitsnaher).

    Korrekte Belichtung im Sinne menschlicher Wahrnehmung heißt also, durch eine perfekte Belichtung den Belichtungsspielraum so optimal zu nutzen, dass von den tiefsten Schatten bis zum Spitzlicht Zeichnung vorhanden ist, so wie unser Auge das mit seinem “adaptiven” Sehen wahrnehmen würde.”

    Zitat meines Kollegen Martin Storz

    Und eben so Philosophisch wie die Frage ist, möchte ich hier noch einen abschliessenden Satz hinstellen:

    Die objektiv korrekte Belichtung ist die subjektiv korrekte Belichtung durchs Objektiv.

  4. Blue
    schrieb am 21. Januar 2009 um 14:56 Uhr (#)

    Hi Peter,

    ich hätte da nochmal eine Frage zu einem Bild von Dir: “Wie hell ist es denn, bitte?” – Blick nach Downtown SF. Da hast Du geschrieben, dass ist mit Blende 1,4 entstanden. In der abgebildeten Groesse bin ich geneigt zu sagen: Wow…sieht ja alles scharf aus! Gibt das Bild in Originalgroesse das auch her? Und der Umkehrschluss: ist Landschaften fotografieren mit Blende 32 mit dem Hintergedanken: “Dann wird von vorn bis hinten alles knackscharf” zu kurz gedacht? Welche Erfahrungen hast Du damit gemacht?
    Grüße Blue (gerne auch per Mail)

  5. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
    schrieb am 22. Januar 2009 um 04:26 Uhr (#)

    @Blue
    1. Gemäss Schärfentiefenberechnungstabelle (auf all das möchte ich noch im Detail zurückkommen) beginnt die Schärfe bei dieser Aufnahme (30mm, Fokusdistanz angenommene 3km, CF1.5) rund 31 Meter bis unendlich. Das heisst, der vordere Teil des Strands ist unscharf. Tatsächlich ist die ganze Aufnahme nicht sehr scharf, weil mit 1/25 ohne Stabi aus der Hand aufgenommen.
    2. Theoretisch wäre “kleinste Blende = grösste Schärfentiefe” richtig, praktisch ist häufig falsch. Erstens aufgrund einiger physikalischer Eigenschaften des Lichts wie der Beugung (das Licht wird an den Blendenkanten “umgebogen” – je kleiner die Blende, desto mehr Licht auf dem Sensor stammt aus dieser “Beugungszone”). Vor allem aber ist die kleinste Blende nicht ideal, weil die Verschlusszeit steigt und damit neben Rauschen durch Sensorerwärmung auch die Chance, dass es zu Bewegungsunschärfe kommt, weil die Erde bebt oder ein Windstoss die Kamera schüttelt etc.
    Die Ideale Blende für “Vollschärfe” ist wohl eine jenseits der ersten mit der halben “hyperfolkalen Entfernung” bis zum Vordergrund des Bildausschnitts. Wie gesagt – auf all das möchte ich zurückkommen…

  6. Ulrich Brodde
    schrieb am 22. Februar 2009 um 09:55 Uhr (#)

    Ansel Adams: “Was interessiert mich die vorgefundene Realität, Endzweck ist das perfekt ausgearbeitete Bild, in dem der Photograph das verwirklicht sieht, was ihn zur Aufnahme veranlaßte.”

    Folgt man dem Großmeister, so wäre es im digitalen Fotozeitalter durchaus legitim, aus zwei oder mehr Aufnahmen ein Foto zu basteln. Also den richtig belichteten Mond mit entsprechend kurzer Belichtungszeit in das richtig belichtete Alcatraz-Szenario mit entsprechend langer Belichtungszeit hinein zu montieren.

    Fotografiepuristen werden sich entrüstet abwenden und unbedarfte Betrachter werden sich evtl. an einem Bild erfeuen, dass ihrer Vorstellung von Realität sehr nahe kommt.

    Eine kleine Hilfe, um für die blaue Stunde zur richtigen Zeit vor Ort (jedenfalls an einigen Orten)zu sein, bietet diese Tabelle
    http://www.deltadelta.de/nmz/blauestunde.html

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