Nächtliche Strasse:
Stimmung ohne Motiv

Fotografien mit einem offensichtlichen Motiv, aber ohne jegliche atmosphärische Stimmung, gibt es wie Sand am Meer. Die Umkehrung kommt seltener vor.

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Kommentar des Fotografen:

Aufgenommen kurz nach Mitternacht in Jena. Eigentlich hatte ich meine erfolglose Fototour schon beendet. Es war dann der letzte Versuch, um nicht ganz ohne ein Bild nach Hause zu gehen. Mich hat vor allem das Licht, aber auch die Leere der Straße inspiriert. Zumal fünfzig Meter weiter links auf dem Markt noch reges Treiben herrschte.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Hans Niemietz:

Den Moment kennen wir wohl alle: Man spaziert, vielfach nachts oder in der Dämmerung, durch die Strassen der eigenen Stadt und verspürt urplötzlich irgendwo einen Stimmungsbruch – surreal, ungewohnt, weit weg von der Vertrautheit, die sonst den Wandel durch die heimischen Gassen begleitet. Als Fotograf sucht man die Erklärung sofort im Licht und in der Szenerie.

Das ist Dir hier passiert, und Du hast den Moment festgehalten. Auf den ersten Blick funktioniert das auch sehr gut:

Die Menschenleere, die vielen Lichtquellen, die geisterhafte Helligkeit, die nichts und niemandem zu dienen scheint – das ist fremd, kalt und kontrastiert mit der Vorstellung der gleichen Szene tagsüber, wo die Schriftzüge, Fähnchen und Wimpel der Lautstärke beraubt werden, die sie hier zu haben scheinen.

Belichtung und Komposition sind geglückt, die Strasse windet sich in den Hintergrund des Bildes hinein, das Licht gibt grade durch seine Helligkeit Rätsel auf.

Aber dieses Rätsel hat keine Widerhaken und keine Auflösung, die Stimmung keine Nuancen und Details, die es zu entdecken gäbe. Es ist ganz einfach die Kombination dieses eigenartigen Lichts mit der Menschenleere. Die ist aber auf Hunderttausenden nächtlicher Innenstadt-Bilder zu finden (und ironischerweise nicht selten in Stadtmarketing-Prospekten). Denn die gleiche Kombination – Licht für Menschen, die nicht vorhanden sind – präsentiert sich in jeder Innenstadt irgendwann nach Mitternacht.

Hier kommt es deshalb zum Paradox, indem alle formalen Bildkriterien eingehalten und eine Stimmung ausgedrückt wird. Was fehlt, ist das Motiv, die Geschichte, der Ankerpunkt, an dem ich mich als Betrachter festhalten und das Bildgefühl ergründen kann.

Das muss noch nicht mal der einsame Fußgänger auf dem Heimweg oder das eng umschlungene Paar sein. Es würde reichen, wenn der Straßenzug selbst mehr als diese leichte Biegung ins Unsichtbare böte. Interessante Fassaden beispielsweise, die einen dem Gehsteig entlang in die Bildtiefe führen. Hier lasse ich den Blick der rechten Strassenseite entlang schweifen und stosse, nach einer klassischen Laterne im Wettstreit mit einem „Lotto“-Schild, auf eine Hauswand mit Wölbung und Arkadenbogen. Aber dann ist Schluss: Dahinter folgt ein Stilbruch mit dieser nur auf vertikalen basierenden fünfzigerjahre-Fassade, auf der gegenüberliegenden Straßenseite stoßen wir auf das uniforme „Fensterluken-mit-Geländer“ – Design aus der Halogenlampen-Niedrigspannungsära: Nicht nur charakterlos, sondern ganz einfach langweilig.

Jetzt könnte man argumentieren, dass genau darin die Qualität des Bildes liegt, nämlich, dass es überall sein könnte. Dazu müsste es aber klare Akzente auf den austauschbaren Ursachen für die Stimmung setzen – und die fehlen leider genauso wie der individuelle Charakter dieses einen Straßenzugs.

Mir ist es im November bei einem Fotorundgang in Basel ähnlich ergangen: Auf dem Weg vom Markt- zum Münsterplatz, wo die Herbstmesse mit bunten, lauten Attraktionen tobte, fand ich mich in einer Nebengasse wieder, die nach den reichen Eindrücken des historischen Marktplatzes eine geradezu absurde Kulisse abgibt: Gesäumt von den sterilen Rückwänden moderner Zweckbauten inklusive Abluft-Schacht, eingetaucht in ein unheimliches Licht aus den Milchglas-Fenstern irgendeines nachtaktiven Unternehmens, wähnte ich mich urplötzlich in einer anderen Welt. Der Schock wird nur durch den Boden gemildert, wo das uralte Kopfsteinpflaster wie der beruhigende Beweis dafür wirkt, dass die bezaubernde Altstadtumgebung zuvor keine Illusion war.
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Ich war eigentlich auf der Suche nach ganz anderen Bildern, aber die wirkten vor allem kahl – und langweilig.

Also bin ich zurückgegangen und habe prompt am Anfang der Gasse zwei Müllcontainer vor einem Plakat für einen Kulturanlass entdeckt.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieser Anblick mich beim Vorbeigehen unbewusst in den Stimmungswandel versetzt hat. Auf jeden Fall schien er mir die Aussage zu unterstreichen und das Bild zu beleben. Weil die Menschenleere immer noch zu dominant war, habe ich danach noch auf Passanten gewartet.

Der langen Rede kurzer Sinn: Ich glaube, die Szenerie und deine Wahrnehmung an diesem Abend hatten das Potential zu einem Bild, welches die Stimmung nachhaltig transportiert, die Du empfunden hast – und dabei noch interessant ist.

Aber Du hättest noch vor der Komposition versuchen müssen zu ergründen, welches die Elemente sind, die die Stimmung für Dich ausmachen, und darauf vertrauen, dass sie es als Akzente in Deinem Bild auch für dein Publikum tun.

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3 Antworten
  1. Hans Niemietz says:

    Hallo Corinne,
    Kamera EOS 400D, Objektiv Sigma 17-70/2,8-4,5 DC;
    Fotografiert im RAW-Format, Weisabgleich, Kontrast und Belichtung korrigiert, etwas entrauscht und nachgeschärft

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  2. Corinne ZS says:

    Ich finde das Licht sehr schön, aber was mich erstaunt, ist die Knipshöhe. Bilder, bei denen so deutlich wird, wie hier, dass sie auf Augenhöhe und in der üblichen Blickrichtung aufgenommen wurden, scheinen unser Gehirn zu unterfordern. Eine Aufnahme in Bodenhöhe z. B. hätte auch den Vorteil, dass der Vordergrund mit Details gefüllt würde.

    Für mich bleibt die Frage, wie das Licht und die Farben zustande kommen. Sie haben wohl eine prima Kamera mit ebensolchem Objektiv.

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  3. Hans Niemietz says:

    Hallo alle zusammen,
    für die wirklich hilfreiche Kritik bedanke ich mich.
    Ich denke, diese Art von Bildanalyse bringt mich wirklich weiter. Eure Anmerkungen zu den Aufnahmen sind sehr aufschlußreich im Gegensatz zu denen der meisten anderen Seiten mit ihrer nichtssagenden Lobhudelei.
    Von diesem Bild war ich zuerst begeistert. Aber je öfter ich es mir anschaute merkte ich, daß mich da irgendwas stört, daß da was fehlt.
    das geht mir oft so, und wenn man dann Eure Anmerkungen liest, geht einem ein wirklich ein Licht auf.
    Weiter so!

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