Low-Low-Key Porträt:
Schlaflosigkeit im Bild

Es muss nicht immer Photoshop sein: Fremd wirkende, aussagestarke Bilder lassen sich auch direkt mit der Kamera aufnehmen. Am Badezimmerspiegel mitten in der Nacht, zum Beispiel.

Kommentar des Fotografen:

Heute 5 Uhr morgens – Schlaflosigkeit mal wieder. Wie sagt man: man ist immer wach, nur nie richtig. Der Blick in den Spiegel gleicht diesem Bild, welches auch die innere Leere und das gesamte Unwohlsein des heutigen Morgens wiederspiegelt. Der Grünstich sowie die Überbelichtung der Stirn dienen, um Vergleiche zu Röntgenbildern zu ziehen, welche das Bild gesamt mit den eher unangenehmen Dingen im Leben verbinden soll. Mein erster Versuch in Sachen Portrait. EOS 50D bei 30mm 1.4 und 60tel, Halogenspots (Badspiegel) mit 40Watt von Oben, EBV: Gradiationskurve und Grünstich.

Peter Sennhauser meint zum Bild von D.M.:

Wer sagts denn – manchmal guckt sogar aus der Insomnie noch was Positives raus: Diese Aufnahme ist nicht nur ein Resultat von Schlaflosigkeit, sondern kann auch als grafische Umsetzung ebendieser gelten. Zusammen mit Deiner Legende sehr beeindruckend.

Der Dämon des Wachzustands ohne richtige Konturen, Kanten, Graustufen – Schwarz und Weiss (und Grün am Rande), wie ein Spuk, der in der Dunkelheit schwebt und nicht verschwinden will. Nun, grade zum Einschlafen verhilft das “Porträt” dann auch wieder nicht…

Auf jeden Fall ist Dir hier etwas gelungen, was wohl kaum hätte geplant werden können. Die Kombination aus konzentrierter Lichtquelle und Unterbelichtung führt zu diesem Effekt, eine weit offene Blende und ein geringer Motivabstand sorgen für den Rest.

Allerdings habe ich hier ein Problem, denn Du schreibst, die Aufnahme sei bei einem Sechzigstel und Blende 1.4 entstanden – die Exif-Daten hingegen sagen, es sei 1/180s und Blende 5.6. Beides scheinen mir unpassende Kombinationen, Blende 5.6 aber auf jeden Fall kaum möglich – ich hätte auf Blende 1.4 und eine deutlich kürzere Verschlusszeit getippt. Es ei denn, Du hättest neben der Grünfärbung und der Kontraststeigerung via Gradationskurve, was beides hervorragend passt, auch die Schärfe im oberen Bildteil verringert.

Ich habe die Konstellation nachzustellen versucht und bin mit einer Halogentaschenlampe vor dem Badezimmer-Spiegel auf einen Vierhuntertstel bei Blende 1.4 und 1600 ISO gekommen, um in etwa das zu kriegen, was die Ausgangslage für Dein Bild gewesen sein könnte. Ebenso scheint mir nach meinem Versuch klar, dass das Modell das halbe Bild macht und ich einen besseren Schädel bräuchte…

Wie dem auch sei: Tolle Arbeit, ich wünsche Dir mehr solche Resultate aufgrund von bewussten und gewollten Übungen mit der Kamera an stelle schlafloser Nächte. Das Bild zeigt auf jeden Fall, das es sich lohnt, in jeder Situation, in der einem etwas auffällt, wie hier wohl die gnadenlosen Schatten und damit die Schädelkonturen im Spotlicht, zwei oder drei Versuche mit der Kamera vorzunehmen und zu sehen, was sich daraus machen lässt.

Abgesehen von super Bildern wie diesem schaut dabei – gerade bei Lichtspielereien mit später reproduzierbaren Umständen – eine Erfahrung und ein Kniff heraus, den man danach im Bedarfsfall gezielt einsetzen kann.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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1 Kommentar

  1. David M.
    schrieb am 23. Januar 2009 um 12:48 Uhr (#)

    Also erstmal Vielen Dank für die Kritik, die EXIF Daten versteh ich offengesagt auch ned, da ich das Sigma nur zu 1.4er Projekten verwende – egal – ich hoffe dass es fokussiert.com noch laaange gibt und freue mich jedesmal wieder über neue und äußerst produktive Kritiken, die mir immer aufs neue helfen meine Perspektive zu erweitern.
    mfg David

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