Simon Hoegsberg:
Das längste Foto

Uli Eberhardt, 28. Januar 2009 18:33 Uhr, 2 Kommentare Kommentare

In unserer an Rekorden nicht armen Zeit ist nun auch von einem langen Foto zu berichten – mit hundert Metern buchstäblich eines der längsten. Schön, dass es dem Fotografen Simon Hoegsberg gar nicht um einen Weltrekord ging.

Das Werk hat den beziehungsreichen Titel “We’re All Gonna Die” – wir müssen alle mal sterben. So geht es hier sichtlich und hundert Meter weit um die menschliche Existenz, eben um “100 meters of existence”, so auch der Untertitel.

Der dänische Fotograf Simon Hoegsberg nahm die Protagonisten seines längsten Bildes 2007 in Berlin auf – auf einer Eisenbahnbrücke in der Warschauer Straße. 178 Menschen wurden es im Laufe von 20 Tagen. Simon Hoegsberg: “Nur wenige schienen zu bemerken, dass ich Bilder von ihnen aufnahm.”

Über Monate hinweg stellte Hoegsberg aus den Einzelbildern das hundert Meter lange und 78 Zentimeter hohe Werk zusammen. Es handelt sich um einen zusammenhängenden Ausdruck – also um eine Bilddatei.
Auf der Website des 32-jährigen Kopenhageners können wir uns das Werk anschauen. Ich habe nicht nachgezählt, ob wirklich 178 Leute darauf versammelt sind. Manche sind stark angeschnitten oder nur von hinten zu sehen. Es zeigt sich jedenfalls das Panorama eines Berliner Sommers mit Passanten, Paaren, Gruppen, Menschen wie du und ich. Was fühlen, denken, träumen sie? Wir dürfen uns das alles vorstellen.

Simon Hoegsberg beschäftigt sich auch in seinen anderen Projekten mit den Menschen auf der Straße – und nicht allein als Fotograf. Im Jahr 2002 befragte er über einen Zeitraum von drei Monaten 150 Passanten. Er wollte wissen, was sie in dem Moment dachten, bevor er sie anhielt. Hoegsberg nahm diese Aussagen auf und porträtierte die Befragten. Zum Beispiel dachte einer an das hübsche Mädchen, das gerade auf den Fahrrad an ihm vorbeifuhr – mit einem Lutscher im Mund. Eine andere schaute gerade ihren SMS-Eingang durch und hoffte, eine Nachricht von ihrer Freundin wäre eingegangen.
“The Thought Project” nannte Hoegsberg die Zusammenfassung der 150 Interviews, die wir uns ebenfalls auf seiner Website anschauen können (zusammen mit vielen weiteren Projekten).

Simon Hoegsberg hat in London Fotografie studiert und lebt als freier Fotograf in der dänischen Hauptstadt.

Simon Hoegsberg

Dieser Text ist mir was wert:

Weiterempfehlen

Mehr lesen

Olaf Unverzart: Massive Spuren

30.5.2010, 0 KommentareOlaf Unverzart:
Massive Spuren

Olaf Unverzarts Fotografien zeigen die massiven Spuren, die der Mensch in der Natur hinterlässt, in den Alpen zum Beispiel.

Michael Schmidt: Grau als Farbe

22.5.2010, 1 KommentareMichael Schmidt:
Grau als Farbe

Schwarzweiß, das ist für Michael Schmidt das Spektrum zwischen dem dunkelsten und dem hellsten Grau. Grau ist für ihn so gesehen Farbe und Programm.

Claus Stolz: Sonnenbrände

2.5.2010, 1 KommentareClaus Stolz:
Sonnenbrände

Claus Stolz betreibt die radikalste Form der Fotografie. Er richtet die Kamera in die Sonne und lässt die Filme anbrennen. Filme, nicht Sensoren!

Menschenmasse: Auf das Licht kommt es an

15.7.2010, 4 KommentareMenschenmasse:
Auf das Licht kommt es an

Lichtflecken geben Fotos ein interessantes Muster und eine Tiefe, und Bildbearbeitung steigert die Dramatik.

24 Stunden: Stadt- Land- Schaften

6.1.2009, 0 Kommentare24 Stunden:
Stadt- Land- Schaften

Schnee, Menschenmassen, Fahrzeuge oder eine neue Perspektive können Landschaften und Städten ein gänzlich anderes Aussehen verleihen.

Fingerübungen: Jahrmarkt-Treiben

12.11.2008, 5 KommentareFingerübungen:
Jahrmarkt-Treiben

Jahrmarkt-Stimmung einzufangen ist eine grössere Herausforderungen als erwartet. Ein Erfahrungsbericht von der Basler Herbstmesse.

Versteckte Kamera: Heikles Unterfangen

24.8.2010, 0 KommentareVersteckte Kamera:
Heikles Unterfangen

Drittpersonen im realen Leben ungefragt abzulichten - und noch dazu auf ihrem Privatboden - kann ins Auge gehen.

Abendporträt: Abstand und angedeutete Linien

28.7.2010, 0 KommentareAbendporträt:
Abstand und angedeutete Linien

In Fotos mit mehr als einem Objekt müssen Linien eine Ausgewogenheit ergeben, die den Blick des Betrachters von Objekt zu Objekt führen.

Strassenfoto: Hart am Klischee

16.7.2010, 0 KommentareStrassenfoto:
Hart am Klischee

Sozialkritische Strassenfotografie ist ein beliebtes Genre unter Einsteigern. Dabei gilt es, (plumpe) Klischees zu vermeiden.

Fotografinnenporträt: Bezug aus erster Hand

16.8.2010, 5 KommentareFotografinnenporträt:
Bezug aus erster Hand

Den Bezug, den ein Fotograf zu seinem Foto hat unterscheidet sich sehr von dem, den ein Betrachter zu diesem Bild hat.

Aussenbezirk: Verlorene Farbe

11.8.2010, 3 KommentareAussenbezirk:
Verlorene Farbe

Zuviele Ideen in einem Bild funktionieren in der Komposition meist schlechter als die Reduktion auf eine.

Hofszene: Eine Stadt sucht einen Mörder

30.7.2010, 3 KommentareHofszene:
Eine Stadt sucht einen Mörder

Manche Stimmungsbilder funktionieren einfach so, andere erinnern an Klassiker. Beispielsweise aus der Filmgeschichte.

2 Kommentare

  1. Corinne ZS
    schrieb am 28. Januar 2009 um 22:17 Uhr (#)

    Danke für den Artikel und den Hinweis auf die Homepage von Hoegsberg. Eine Entdeckung! Der macht ja nicht nur Fotos, der macht viel mehr. Er erzählt auch nicht nur Geschichten mit Bilder. Vielmehr scheint mir, er schreibt selber Geschichte. Und immer im Mittelpunkt: Der Mensch, das Menschliche. Faszinierend!

  2. Papilio
    schrieb am 29. Januar 2009 um 12:58 Uhr (#)

    Das Bild ist eine soziologische Perle! Ein spannender Querschnitt durch die Bevölkerung – alle auf einer Bücke… Und es gibt unglaublich viel zu Entdecken und zu Schmunzeln. Fünf Minuten Freude :)

Pingbacks

Pingbacks anzeigen...

Diesen Artikel kommentieren

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.