Gegenlichtromantik:
Lass die Sonne brennen

Aufnahmen direkt ins Sonnenlicht sind häufig unterbelichtet. Statt Belichtungskorrektur nach Schätzwerten anzuwenden, lohnt sich der Einsatz der Spotmessung.

Kommentar des Fotografen:

Yellowstone NP, September 2008, Norris Geysir Basin. Was hier so ruhig wirkt, ist das Ergebnis spontanen Sehens und Zupackens. Ich hatte gerade noch Zeit darauf zu achten, dass der Steg einigermaßen parallel zur unteren Bildkante verläuft. In die Abendsonne hineingehalten und auf Verdacht 3 Blenden heruntergedreht. Bilddaten deswegen nur näherungsweise angegeben. Hier sind sie: Konica Minolta Dimage A2, M-Modus, Bl. 16, 1/60 sec

Peter Sennhauser meint zum Bild von Immo Lackschewitz:

Ein romantischer Abendspaziergang an dampfendem Gewässer: Dieses Bild lebt vom Paar, das auf dem Steg vor der Sonne lustwandelt. Alle anderen Elemente sind zwar für die Gesamtkomposition unabdingbar – aber ohne die beiden Menschen wäre das Bild eine ziemlich öde Angelegenheit. Gut gesehen, und ziemlich gut reagiert. Wäre es noch besser gegangen? Ich denke ja:

Das ausserordentliche, fesselnde an der Aufnahme ist ja weder Sonnenuntergang noch Wolkenbild, sondern ganz klar der vom Wasseraufsteigende Dampf. Im Sonnenlicht wird er, namentlich vor dem dunklen Hintergrund, fast lebendig. In der linken Bildhälfte allerdings gehen die schönsten Dampfwolken in der leichten Unterbelichtung fast unter, und des Ausgleichs zum Motiv im goldenen Schnitt rechts franst die Aufnahme links etwas aus.

Trotzdem, zuerst mal Gratulation zur Belichtung: Im manuellen Modus eine solche Gegenlichtaufnahme einigermassen richtig zu treffen, indem Du auf Verdacht drei Stufen abblendest, ist eine Leistung (wobei Du mit deinen angenommenen Werten, zumindest laut Exif-Daten, falsch liegst). Allerdings verfügen unsere wunderbaren Digitalkameras heute über hochwertige Belichtungsmessungen, die man auch in solchen Situationen durchaus benutzen kann (was übrigens nicht heisst, dass man den manuellen Modus verlassen muss – die Kamera zeigt im Sucher Über- oder Unterbelichtung meist in Drittelsblendenstufen / Verschlusszeiten an).

Im Normalfall würdest Du nach einer Testaufnahme mit dem Histogramm auf dem Kameramonitor prüfen, ob Bildteile falsch belichtet sind (Ausbrecher im Diagramm links oder rechts). Hier ist das aus zwei Gründen nicht sinnvoll: Erstens hattest Du dazu ganz einfach keine Zeit, weil sich das Paar auf dem Steg aus der Komposition bewegt hat.

Und zweitens ist eine Überbelichtung der Sonne eigentlich unausweichlich, wenn nicht andere wesentliche Teile der Komposition im totalen Schwarz absaufen sollen. Die Sonne ist ohnehin so hell, dass der Kontrastumfang im Vergleich zu allen anderen Elementen grösser ist als die sieben Blendenstufen, welche die Digitalkamera “sehen” kann (im Gegensatz zu unserem Auge, das 11 Blendenstufen Kontrastumfang bewältigt). Das heisst: Du kannst unter keinen Umständen auf die Sonne belichten, ohne andere Bildteile absaufen zu lassen – und deshalb solltest Du Dich eher um diese Bildteile kümmern und die Sonne ausbrennen lassen.

Statt also auf die Sonne zu messen und “auf Verdacht” drei Stufen abzublenden, könntest Du die Kamera mit Spotmessung auf den nächsthellsten Punkt im Bild richten, der jedenfalls noch Zeichnung haben muss. Hier wären das die weissen Stellen in den Wolken direkt über der Sonne, oder die etwas grösserflächige weisse Kante der oberen Wolkenbank im Himmel.

Wenn Du jetzt mit dieser Messung und im RAW-Format aufnimmst, hast Du zwar garantiert eine Überbelichtung in der Sonne, gewinnst dafür aber Zeichnung in den dunkleren Partien, namentlich links unten.

Ich habe den Effekt in Lightroom versucht zu imitieren, indem ich das ganze Bild um eine volle Blende aufgehellt habe. Dabei brennt die Sonne zwar aus, aber selbst an diesem kleinformatigen JPG lässt sich das Spitzlicht mit leichtem Korrektureingriff (Lightroom: “Wiederherstellung”) auf das innerste Zentrum der Sonne reduzieren; zugleich entsteht zwischen der Wolke unten links und den Hügeln ein schöner, deutlicher Farbkontrast – das Bild gewinnt aber vor allem, weil die die Dampffahnen links unten ebenfalls im Gegenlicht zu glänzen beginnen.

Der langen Rede kurzer Sinn: Schöne Aufnahme, die mit einer leichten Bearbeitung in der Software – noch besser aber mit einer (noch) zielgenaueren Belichtung vor Ort – gewinnen könnte.

Der Vorteil der modernen Spotmessung liegt darin, dass Du Dir Schätzungen weitgehend sparen und einfach auf den optimal zu belichtenden Bildteil belichten kannst; der Vorteil des RAW-Formats liegt darin, dass kleinere Fehlmessungen in der Bildbearbeitungssoftware problemlos behoben werden können.

Ich fotografiere schon deshalb grundsätzlich nur RAW, und meine Kamera ist fast immer auf Spotmessung eingestellt. Wenn es schnell gehen muss, schalte ich zudem von manueller Blenden- und Zeitwahl auf den Zeitautomaten (A) um und muss mich dann nur noch um die gewünschte Blende kümmern: Belichtungs-Messobjekt im Sucher anvisieren, Auslöser halb drücken, Belichtungswert speichern (meiner Ansicht nach der wichtigste Knopf an jeder Kamera, der reflexartig gefunden werden muss), auf das gewünschte Objekt fokussieren, Bild neu komponieren und abdrücken. Dann klappts auch mit den Spaziergängern.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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4 Kommentare

  1. Paul
    schrieb am 4. Februar 2009 um 18:04 Uhr (#)

    > Das ausserordentliche, fesselnde an der Aufnahme ist
    > ja weder Sonnenuntergang noch Wolkenbild, sondern
    > ganz klar der vom Wasser aufsteigende Dampf.

    War mir im Ausgangsbild beim schnellen Drüberhuschen gar nicht so aufgefallen. Im Nachher-Bild ist es unübersehbar. Sehr gelungene Bearbeitung imho.

  2. Immo Lackschewitz
    schrieb am 5. Februar 2009 um 08:53 Uhr (#)

    Hi all,
    mir gefällt besonders der Tonfall, in dem Ihr mit den Einsendern kommuniziert: trotz (oder wegen) hoher Professionalität nicht ‚bossy’ oder ‚patronizing’, sondern freundlich, offen, motivierend – super!
    Ich selbst gehöre zu den schon ein wenig älteren Semestern und habe in meinem Leben immer wieder gern fotografiert. Angefangen habe ich mit der Kleinbild-Diafotografie. Dahinter stand eine ganz einfache Überlegung: Alles, was ich hinterher auf einem Kleinbild-Dia sehen will, muss ich mir vorher sehr genau überlegt und es wahrgenommen haben. Nachträglich verschönernde Bearbeitung ausgeschlossen. Das schult. Es führt aber auch dazu, dass ich noch heute meine Bilder (vor und während der Aufnahme) ausschließlich mit dem Auge editiere und die Möglichkeit der nachträglichen Bildbearbeitung bisher nie beachtet habe. Diesen etwas puristischen Ansatz möchte ich nicht aufgeben, bin jedoch bereit, ihn nach Eurer ebenso interessanten wie wegweisenden Kritik an meiner Einsendung („Lass die Sonne brennen“) einzuschränken und meine digitale Praxis in der vorgeschlagenen Richtung zu erweitern. Übrigens bei mir läuft’s ein bisschen retro. Ich habe mir gerade eine Dunkelkammer für 6×7 eingerichtet und darin wird demnächst ‚heftig’ gearbeitet. Digital läuft weiter, was denn sonst.
    Gruß & Dank
    Immo Lackschewitz

  3. Timo K.
    schrieb am 5. Februar 2009 um 18:57 Uhr (#)

    Trotz der tollen Schilderung und Begründung, mag ich das dunklere Bild, das Original, einfach lieber. Und das hat einen einfachen Grund: Das dunklere Bild wirkt einfach romantischer und diese Stimmung soll ja schließlich auch erzeugt werden, oder nicht?! Da passt es einfach, wenn man weniger Details sieht. Ich finde das lenkt von der eigentlichen Stimmung ab. Zudem wirken die wenigen Details etwas geheimnisvoller, man hat Raum für Fantasien und konzentriert sich auf das wichtigste. -> Das sind meiner Meinung nach alles Aspekte, die ein wirklich gutes Bild mit romantischer Stimmung ausmachen. Aber das ist sicherlich alles persönliche Ansichtssache.

    Objektiv gesehen hat hat Herr Sennhauser natürlich recht. Der Nebel kommt so einfach besser zur Geltung.
    Hierbei müsste man sich allerdings über die Aussage das Bildes im Klaren sein. Soll es ein “mystisches” Bild sein, das sich vorwiegend auf den Nebel konzentriert, oder soll das Bild eine möglichst romantische Stimmung erzeugen, wobei der Nebel nur ein Mittel zum Zweck ist.

    Aufjedenfall ein absolut geniales Bild! :)
    Und ich für meinen Teil habe den Nebel sofort gesehen. Ich denke aber auch, dass Dinge, die man nicht sofort, sonderne rst auf den zweiten Blick sieht, das Bild in einer bestimmten Weisen interesant machen können.

  4. von Mengen
    schrieb am 15. Juni 2011 um 12:13 Uhr (#)

    Das Bild leidet leider unter der Bearbeitung von Herrn Sennhauser sichtlich .

    Die Stimmung ist weg.

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