Landschaftsfotografie mit Tiefe:
Vorder- braucht Hintergrund

In der Landschaftsfotografie braucht ein Motiv im Vordergrund einen angemessenen Hintergrund; eins im Hintergrund braucht einen Vordergrund. Das ist simpel, aber gar nicht so einfach umzusetzen. Erfahrungen aus dem Death-Valley-Workshop.

“Wow. Sieht es dort wirklich so aus?” – diese Frage, und den unterschwelligen oder gleich darauf folgenden Vorwurf, mit Photoshop “manipuliert” zu haben, kennt jeder Landschaftsfotograf (besonders ärgern dürften sich darüber die Spezialisten, die mit Grossformatkamera und Film unterwegs sind).

Die Antwort lautet: Nein, “dort” sieht es nicht so aus. Denn “dort” liegt eine dreidimensionale Landschaft, und das Bild davon ist zweidimensional, was schon mal der erste und grösste Unterschied ist. Weitere, wie Perspektive, Komposition, Licht und Farbe, etc kommen hinzu – es sind künstlerische Gestaltungselemente.

Aber die fehlende Räumlichkeit ist der gravierendste Unterschied der Abbildung zur Realität, was schon die Renaissance-Maler (wieder-) entdeckt haben. Folglich erweckt die Kunst, in einer Fotografie Räumlichkeit zu simulieren, die grösste Wirkung beim Publikum. Mein erstes gelungenes Bild im Death Valley erfüllt die meisten Regeln der Landschaftsfotografie streng nach Lehrbuch:

Der Kaktus vor der weiten Steppe mit den von der untergehenden Sonne beleuchteten Felshügeln unter dramatischem Wolkenhimmel entspricht den Regeln und jedem Klischee: Dreistufige Raumtiefe, Vordergrund mit Symbolcharakter für die Umgebung, Licht und Wetter als Dramatisierung. Ein Bild von “nichts” wird lebendig.

Ich freue mich über das Bild. Aber ich finde es bei weitem nicht das beste, das ich in dem Workshop geschossen habe. Die Aufgabe war zu einfach.

Die ganzen Regelgeschichten kriegt jeder zu hören, der einen Workshop besucht, und man wird sie in jedem Buch aufs neue lesen. Räumlichkeit im Bild ist vor allem dann von grösster Bedeutung, wenn der Raum an sich das Thema des Bildes ist – wie in der Landschaftsfotografie.

Kommt hinzu, dass hier nur in geringem Masse mit Schärfentiefe operiert wird: Kleine Blende ist das Mittel, um Vorder- und Hintergrund gleich scharf darzustellen; hier muss der Blick mit Linien und Licht und Komposition durchs Bild geleitet werden, geringe Schärfentiefe wirkt meistens fehl am Platze oder gar plump. (Deswegen immer mit Stativ und kleiner Blende – dazu folgt ein eigenes Posting.)

Landschaftsprofi Gary Hart hat uns deswegen die Grundsätze am Workshop-Anfang nochmals eingetrichtert, bevor wir zum ersten Shooting hinausfuhren.

Dort haben sich natürlich alle zuerst einmal auf oder vielmehr hinter die Kakteen gestürzt, die so überaus deutlich “Wüste! Trockenheit! Extreme!” sagen – und den Rest des Todestals, den grossartigen Himmel, die unbeschreiblichen Farben und das Schauspiel des noch in der Luft wieder verdunstenden Regens als Kulisse in der zweiten und dritten Ebene benutzt.

Das bietet sich an; und weil es damit verbunden ist, auf die Knie zu fallen, das Stativ so tief wie möglich zu stellen, die richtige (nicht einfach die kleinste – in einem andern Posting später mehr dazu) Blende zu wählen und vielleicht ein paar Minuten oder länger auf das perfekte Licht zu warten, oder mit einem Verlaufsfilter respektive einer Belichtungsreihe die Kontrastunterschiede zu bewältigen: Wegen all dieser Dinge sieht man solche Fotos in den Reisealben selbst begabter Kompaktkamera-Touristen eher selten.

Deswegen sagt ein solch offensichtlich sorgfältig geplantes und komponiertes Bild auch sofort “Profi! Anspruch! Kunst!”. So gesehen, ist die Kaktus-Aufnahme ein bisschen – nun – billig.

Vielleicht hatte ich deshalb auch Mühe damit. Alle machten wir das Kaktusbild, es führte einfach kein Weg daran vorbei, der Vordergrund war offensichtlich und reichlich vorhanden, der Hintergrund in jedem Winkel wirksam.

Wir funktionierten strikt nach Garys Landschaftsfotografie-Regel: Wenn Du einen Vordergrund fotografieren willst, such Dir einen Hintergrund. Wenn Du einen Hintergrund ablichten willst, suche einen Vordergrund.

Wenn vorne zugleich hinten ist

Manchmal sind die beiden Dinge schon fast miteinander verknüpft, und die Suche erübrigt sich. Wie im Badwater-Becken, einer Ebene im Death Valley, die mit spinnennetzartigen Salzablagerungen überzogen ist: das Muster ist Vorder- und Hintergrund zugleich, man lässt es einfach in die Tiefe hinauslaufen, die Verkleinerung in der Ferne schafft automatisch Perspektive.

Ich habe diesen Effekt mit dem Hochformat auf die Spitze getrieben und hätte, wären da nicht die schönen Wolken und die tollen Schwünge der in die Ebene hineinreichenden Bergkette gewesen, wohl in einem noch stumpferen Winkel fotografiert und den Horizont ganz weit nach oben ins Bild geschoben.

Hier war also die Herausforderung eigentlich nur, so tief in die Knie zu gehen, dass die Krusten im Weitwinkel deutlich werden.

Das ist aber eben gar nicht so leicht, und schon gar nicht mit dem extremen Weitwinkel von 10mm (15mm Kleinbild), den ich gerne verwende. Ein wirklicher Vordergrund darf hier, damit er noch “vorne” erscheint, nur wenige Zentimeter von der Linse entfernt sein. Außerdem haben wir die Tendenz, Dinge wie diese Krusten zu sehen und sie isoliert fotografieren zu wollen, meistens von oben, ohne Horizont und – Hintergrund.

Wenn vorne nichts ist

Wie also geht man vor, wenn man an einem großartigen Aussichtspunkt ohne Kakteen und Salzkrusten steht, vor einem Panorama, das in Realität genauso überwältigend wirkt wie es auf dem Bild unweigerlich flach wirken wird? Das kompliziert den Leitspruch “Suche einen Vordergrund”. Jedenfalls, wenn man “Vordergrund” als etwas definiert, was richtig dominant in der vordersten Bildebene steht.

Mit diesem Problem habe ich den Rest der Woche im Death Valley gekämpft. Die Lösung heisst: Mach etwas zum Vordergrund. Anders gesagt: “Vorne” ist nicht immer ganz schrecklich nah. Wichtig ist nicht die Distanz des Objekts zum Fotografen, sondern die Schichtung der Ebenen im Bild. Eine Telefotografie kann demnach einen Berg als “Vordergrund” haben, der drei Kilometer weit entfernt ist – so lange der Hintergrund deutlich noch weiter entfernt ist und/oder dazwischen noch eine weitere Ebene, die Mittelschicht, liegt. Wichtig ist, dass die Distanz zwischen den Objekten spürbar wird.

Am einfachsten wäre es da natürlich, die Schärfentiefe zu benutzen. Das kann man tun, aber in den meisten Fällen wirken Landschaftsbilder (nochmals, bevor alle über mich herfallen: Landschaftsbilder) mit unscharfem Vordergrund missglückt. Ein leicht in der Unschärfe verschwindender Hintergrund ist akzeptabel. Aber in der Landschaftsfotografie wählt der Fotograf ganz bewusst einen Ausschnitt aus dem Bild, das sich ihm präsentiert, und eine der Regeln lautet: Lass alles weg, was dem Bild nicht dient. Irgendwas als unscharfen Vordergrund zu missbrauchen, wirkt deshalb künstlich; wenn es wichtig genug ist, um Bildbestandteil zu sein, dann hat es auch scharf zu sein.

Wie also lässt sich die Ebenen-Schichtung auf Distanz herbeiführen?

Eigentlich gar nicht – sie muss schon vorhanden sein. Beispielsweise durch unterschiedliche Lichtverhältnisse: Die ferne Bergkette leuchtet noch in der Abendsonne, während die Hügel im Vordergrund bereits im Schatten liegen. Oder das Gestein der Felswand vor mir ist dunkler und hat eine feine Struktur, während das offene Tal dahinter in ganz anderen Farben erscheint. Oder es ziehen Nebelschwaden zwischen den Elementen hindurch. Und so weiter.

Wie gesagt, ich habe mit der Ebenenschichtung gekämpft. Manchmal ist es dennoch gelungen, auch auf einem Aussichtspunkt ein paar Büsche und Felsen als stimmigen Vordergrund zu inszenieren und damit zum Beispiel die Höhe über dem Tal deutlich zu machen. Andernorts haben Lichteffekte geholfen.

Und vielfach hat gar nichts geholfen, und meine Aufnahmen wirken flach und unscheinbar, und deswegen finden sie sich nicht im Portfolio.

Aber ich habe gelernt:

  • Vielleicht die Hälfte der Wirkung einer Landschaftsaufnahme, wenn nicht mehr, beruht auf einer eindeutigen, sofort erfassbaren räumlichen Tiefe.
  • Die “billigste” und Methode ist ein grosser Vordergrund als Hauptmotiv, schwieriger wird es umgekehrt, wenn der Hintergrund das eigentliche Motiv ist der Vordergrund Ergänzung und Raumelement.
  • Vordergrund kann alles sein, was vor dem Hauptmotiv liegt – wenn es sich fotografisch so umsetzen lässt, dass die Distanz dazwischen fühlbar wird.
  • Am stärksten wirken “geschichtete” Bilder mit mehr als zwei Ebenen: Ein “Mittelgrund”, der seinen Teil zur Bildaussage beiträgt und zwischen “vorne” und “ganz hinten” liegt.
  • Die effektvollsten “Mittelgründe” sind Dinge, die sich durchs Bild strecken und vom Vordergrund verdeckt sind, während sie ihrerseits den Hintergrund teilweise verdecken – Nebelschwaden, Wolken, Rauch, Vogelschwärme.

Ich habe zum Workshopbeginn über die X-te Wiederholung all der Regeln der Bildkomposition, Schärfentiefe, Drittelung und Vorder- und Hintergrund ein bisschen gegähnt. Im Verlauf der Woche habe ich dann aber schnell (wieder) erkannt, dass die anhand perfekter Beispiele aufgezeigten Grundsätze sich “im Feld” eben gar nicht so leicht umsetzen lassen.

Der Kaktus ist eben nicht immer da, wenn (und wo) man ihn braucht.

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9 Kommentare

  1. Musharosky
    schrieb am 9. Februar 2009 um 03:54 Uhr (#)

    Herzlichen Dank für deine super lehrreichen Schlussfolgerungen! Genial, wie du uns daran teilhaben lässt!

  2. manne
    schrieb am 9. Februar 2009 um 09:33 Uhr (#)

    wow. ich bin begeistert.
    habe vor kurzem diese website “gefunden” und du vermittelst das thema super gut.
    freu mich schon auf die nächsten posts. vielen dank!

  3. Matthias Glatthaar
    schrieb am 9. Februar 2009 um 14:47 Uhr (#)

    Ganz herzlichen Dank für diese sehr aufschlussreichen Ausführungen! Der Artikel zeigt mal wieder, dass es oft nur eine Handvoll simpler Merksätze sind, die es sich zu vergegenwärtigen gilt, um zu besseren Fotos zu gelangen. Bitte mehr davon!

    (Das wäre eigentlich auch eine schöne neue Rubrik bzw. neue Serie: “Goldene Regeln der XY-Fotografie”, also die grundlegensten Regeln für gute Fotos in einem bestimmten Genre. Und das wäre jetzt quasi die erste Folge gewesen – “Goldene Regeln der Landschaftsfotografie”.)

  4. Corinne ZS
    schrieb am 10. Februar 2009 um 16:06 Uhr (#)

    Ich würde jetzt glatt aus dem Artikel schliessen, dass Landschaftsfotos im Hochformat geschossen werden sollten! Spass beiseite: Das Salzkrusten-Foto finde ich hinreissend und wunderschön heiter. Und es ist typisch, dass es schon als Thumbnail am besten wirkt. Selber wende ich diesen Trick manchmal auch an: Ich zoome mein Bild weg, und wenn es klein ein Hingucker ist, schaue ich es mir gerne gross länger an.

  5. Blue
    schrieb am 10. Februar 2009 um 16:27 Uhr (#)

    Ja, wieder klasse! Hab einiges dazu gelernt! Weiter so, mehr davon! Noch eine kurze Frage: verwendest Du außer dem Polfilter noch andere? Verlaufsfilter zB?
    Grüße Blue

  6. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
    schrieb am 11. Februar 2009 um 10:00 Uhr (#)

    Danke einmal mehr für die Blumen. Ich hab noch ein paar Dinge auf Lager, die ich im Death Valley gelernt habe.

    @Corinne: Der Trick, mit dem Thumbnail den “Hingucker”-test zu machen, wende ich auch an – aber nicht ausschliesslich. Das ist eine heikle Sache, den gewisse Bilder wirken erst (und dann dafür umso mehr), wenn sie richtig gross vor einem prangen. Ich mach den “Thumbnail”- und gleich darauf den “24-Zoll-Bildschirm”-Test.

    @Blue: Das Ausrüstungs-Posting kommt noch. Soviel aber vorweg: Verlaufsfilter sind auch in der digitalen Fotografie äusserst wertvoll – und kamen hier bei manchem Bild zur Anwendung (kaktus, Salzkruste in Badwater).

  7. Blue
    schrieb am 11. Februar 2009 um 15:38 Uhr (#)

    Danke für die Rückmeldung! Bin gespannt!
    Grüße Blue

  8. Martin Wolf
    schrieb am 11. Februar 2009 um 20:05 Uhr (#)

    Diese Serie ist so unglaublich großartig! Ich bin mehr als begeistert und sauge jedes Wort wie gebannt auf!

    Vielen Dank!

  9. Harald
    schrieb am 21. Dezember 2011 um 16:30 Uhr (#)

    Der Fotofreund sollte sich vorher überlegen was er machen will- ob “Hingucker” mit viel Software-Einsatz oder doch lieber ein Foto, das “nur” so ist, wie es die Natur zeigte.
    “Must have” ist eine Sache, Echtheit eine andere.

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