Rollstuhl-Gefühle:
Aussage planen

Es ist die Aufgabe des Fotografen, seinem Bild eine Aussage zu geben. Sie ist der Ausgangspunkt bei der Planung der Aufnahme.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Ralf Oltmanns).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Ralf Oltmanns).

Kommentar des Fotografen:

Dieses Bild ist aus der Idee heraus entstanden, die unterschiedlichen Gefühlslagen, eines Menschen, der an den Rollstuhl gefesselt ist, darzustellen. Dazu folgender Text: Freude? Vielleicht weil die Person nicht drin sitzt? Hoffnung? Weil die zuletzt stirbt? Schmerz und Leid? Weil…? Skepsis und Zurückhaltung? Weil die Person nicht weiß, was passiert wenn … Staunen? Weil doch noch eine Menge geht? Stolz? Weil siehe Staunen!!! Verbitterung? Verzweiflung? ….oder einfach nur Zufriedenheit? Mir gefällt FREUDE am Besten!!!

Profi Jan Zappner meint zum Bild von Ralf Oltmanns:

Die Themenvielfalt, die sich einem als Fotograf bietet, ist aufgregend. Ob Landschaft, abstrakte Formen, Architektur oder Menschen, alles kann fotografiert werden. In jedem einzelnen Bereich muss der Fotograf aber vor dem Auslösen der Kamera wissen, was er mit dem Bild aussagen möchte. Einerseits, um die eigene Herangehensweise zu überprüfen und andererseits, um eine Botschaft an die Betrachter zu vermitteln. Dies ist hier nicht der Fall:

Es hat mich schon unruhig gemacht, Deinen Einleitungstext zum Foto zu lesen. So viele Möglichkeiten werden dort beschrieben, wie sich ein Querschnittsgelähmter wohl in dieser Situation fühlen könnte. Von Freude bis Verzweiflung wäre alles möglich, meinst Du. Das glaube ich nicht. Ich glaube, dass Du nicht recht wusstest, was Du fotografieren wolltest. Deshalb auch dieser Strauß an Interpretationsoptionen.

Das Thema als solches ist dabei sehr spannend und bietet genau die Bandbreite an Gefühlen, wie Du sie im text schilderst. Aber (erstmal) in mehreren Bildern. Da kann ich mir sehr lebhaft vorstellen, was einen Rollstuhlfahrer in die Verzweiflung treiben oder glücklich machen kann.

Der zweite Punkt, der mich verwirrt, ist: Es sollen Gefühle durch das Bild ausgedrückt werden – ohne das Gesicht des Fühlenden zu zeigen. Sehr schwierig oder unmöglich.

Beim Bildaufbau hat mich nicht nur das fehlende Gesicht gestört. Unnötig finde ich die Bearbeitung durch Unscharf-Filter, die auf mich eher wie eine nasse Linse wirken. Und die Geschwindigkeit des Drehrads hätte man auch mit einem Stativ einfangen können.

Das Thema ist spannend, die Reduktion der Themenvielfalt auf Freude vielversprechend. Das Ergebnis geht aber so nicht auf. Für mich: Thema verfehlt – versuch’s nochmals.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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2 Kommentare

  1. Auszeit…so würde ich das Bild benennen.
    Im Gegensatz zum Kritiker finde ich das Bild sehr gelungen, auch mit seiner gesetzten oder ungewollten Unschärfe, die die Szenerie noch surrealer erscheinen lässt.
    Was gibt es zu sehen? Ich denke hier erreicht der Fotograf das, was ein Foto auch wertvoll macht: Es regt zum nachdenken an. Ich erkenne einen Rollstuhl, abgestellt, und seinen Besitzer, der sich eine Auszeit von seinem Begleiter nimmt. Er nimmt sich so einfach das Recht heraus, trotz Behinderung, einer kleinen Freude nachzugehen: Dem Karussel fahren (Drehrad).
    Hier ensteht für den Betrachter ein Augenblick der Freude und sogar des Wohlwollens, des Gönnens, des Wünschens. Der Betrachter fühlt sich plötzlich wohl, weil er vermutet, dass die abgebildete Person einer kleinen Freude nachgeht. Hierzu bedarf es nicht der Abbildung des Gesichts, nein, im Gegenteil, das fehlende Gesicht lädt gerade ein zur Interpretation, lädt gerade ein zur Phantasie, lädt gerade dazu ein, seine eigene Stimmung ins Bild zu transportieren!
    Wer erreicht das schon mit seinem Bild???
    Ein kleiner Kritikpunkt ist der Rahmen. Diese gesetzte Rahmen schränkt mich ein, ein Bild in seiner Ganzheit zu sehen, schränkt mich ein, meinen eigenen “Rahmen” zu setzen. Soviel Freiheit sollte man dem Betrachter schon lassen…
    Frank Goebels
    weltreport-bilder@yahoo.com

  2. Kann man das Inszenesetzen eines Rollstuhls gegen ein Karussell nicht als wirklich gute Idee bezeichnen?
    Wenn man, wie der Fotograf, versucht „die unterschiedlichen Gefühlslagen, eines Menschen, der an den Rollstuhl gefesselt ist, dar[…]stellen.“ hat man sich vielleicht wirklich viel vorgenommen, aber die Idee ist doch nicht schlecht.
    Ok, ich habe zwar den Eindruck Herr Oltmanns hat sich vertan, indem er nicht die unterschiedlichen Gefühlslagen des Rollstuhlfahrers in Szene setzte, sondern die Ambivalenz des Betrachters, aber die eigenen Emotionen mit den Gefühlen des Anderen zu verwechseln ist alltäglich und keine Schande.
    Und immerhin:
    Einen leeren Rollstuhl einem drehenden Karussell mit einer stehenden Person darin gegenüberzustellen, das löst bei mir Irritationen aus. Das lässt mich nachdenken. Und, ich komme auf eigenartige Ideen. Ich schwanke zwischen „Dass arme Schwein“ und „hey, hat der den Spaß auf dem Karussell?“ „Lebensfreude?“ „Kann das sein?“
    Ich gehe mit meiner Interpretation vielleicht zu weit, und vielleicht verwechsle ich jetzt meine Gefühle mit der Aussage des Bildes, aber es zeigt, was ich meine:
    Ich bin kein Fotograf, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Foto, das mich derart irritiert und das ich gleichzeitig sehr ästhetisch finde, dermaßen schlecht ist.
    Ehrlich nicht.

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