Architektur oder Abstraktion:
Treppenhaus-Spannung

Architekturfotografie soll Eigenschaften von Bauten möglichst ästhetisch dokumentieren. Und wenn man keine Architekturfotografie machen will, sollte man das vor dem Auslösen wissen.

Kommentar des Fotografen:

Auf der Suche nach geeigneten Drehorten für meinen Filmclub bin ich zufällig über dieses Motiv gestolpert. Das Treppenhaus der Spandauer Arcaden in Berlin.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Christopher Grieser:

Das ist ein spannendes Bild. Zu den vielen Linien und Bögen, welche die Perspektive nicht sofort erkennbar machen, den Betrachter aber umso mehr vom Rand nach innen hineinziehen, gesellt sich ein leises Rätselraten, was hier Illusion ist und was Realität. Gut gesehen, gelungen umgesetzt.

Ich habe zwei Probleme:

Erstens finde ich deine Kategorisierung als “Architekturfotografie” nicht passend. Und zweitens wünschte ich mir mehr Spannung in der linken Bildhälfte.

Zum ersten Punkt: Auch wenn Du wahrscheinlich gar nicht daran dachtest, “Architekturfotografie” zu machen, als du dieses Treppenhaus aufgenommen und später in Anbetracht unserer mageren Auswahl beim Hochladen einfach auf “Architektur” geklickt hast, finde ich, dass sich ein Fotograf dazu ein paar Gedanken machen sollte.

Nicht nur die Planung eines Bildes, auch die Methodik und sogar die Ausrüstung hängen davon ab, welchen Bildtypus man erstellen will. Für Landschaftsfotografie eignen sich Großformatkameras; es ist weiches Licht gefragt und die Perspektive ist meistens weit und tief. Porträtfotografie dagegen braucht Zusatzbeleuchtung oder ein Studio, grosse Blenden und ein ganz anderes, schnelleres Mindset. Architekturfotografie ist etwas zwischen diesen beiden Genres – sie befasst sich mit einem Objekt, das ähnlich einer Landschaft künstlerisch inszeniert, zugleich aber erkennbar dokumentiert und vielleicht sogar typisiert werden soll.

Diese Aufnahme sähe ich bei uns eher in der Kategorie Abstraktion: Der reale Bildinhalt ist nebensächlich, fesselnd wirken Linien, Lichtspiel, Spiegelung und die Verwirrung, die sich erst durch intensives Betrachten der Aufnahme zu lösen beginnt.

Warum aber soll es bedeutend sein, dass man sich vor der Aufnahme bewusst ist, was genau man machen will? Weil ich glaube, dass gute Fotografie und reproduzierbar gute Resultate von einem entschlossenen, konzentrierten Einstellung abhängen.

Wenn ich in die Stadt fahre, um Strassenfotografie zu machen, habe ich die entsprechende Linse auf der Kamera und suche nach schnellen, vergänglichen Momenten, die den Geist der Stadt repräsentieren. Vielleicht schiesse ich im Vorbeigehen auch noch eine gute “Stadtlandschaftsaufnahme” oder ein Architekturbild. Aber das sind Schnappschüsse, von denen ich mich nicht zu sehr ablenken lassen sollte. In der Architekturfotografie widerspricht eigentlich schon ein Einzelbild dem Gedanken der Dokumentation, die sich meist in einer Serie ausdrückt.

Wie gesagt, dies ist ein sehr gelungenes Bild, aber ich denke, wenn Du zwei Tage später mit der Absicht zurückgegangen wärst, dieses Treppenhaus oder den gesamten Bau zu erfassen, Dich darauf konzentriert und Dir dafür die Zeit genommen hättest, wären ganz andere Dinge herausgekommen.

Zur Bildaufteilung: Grundsätzlich ist der Kontrast zwischen Wirrnis rechts und geregelter Struktur links, zwischen weichen Bögen links und harten Geraden rechts ein Charakteristikum dieser Aufnahme. Trotzdem irritiert mich die Dominanz der nicht sonderlich spannenden Treppenunterseite links. Sie nimmt beinahe die Hälfte des Bildes ein, obwohl ihre Aufgabe im Kontrast der Form (und eben nicht der Fläche oder der Farbe) besteht.

Nachdem Du mit 35mm-Kleinbildäquivalent an der Weitwinkel-Grenze fotografiert hast, hättest Du mit der Canon G9 viel Spielraum für eine etwas längere Brennweite und eine Beschränkung des Ausschnittes gehabt. Unverzichtbar sind die beiden Bögen oben rechts (die mir eine Spur zu genau in die Ecke laufen).

Unten dagegen, denke ich, hätte eine Andeutung des (übrigens überbelichteten) Geländers auf der linken Seite gereicht. Dass sich der Bogen der Treppe wieder der Bildmitte annähert, muss man nicht sehen, weil es sich aus der Treppe der nächsten Etage folgern lässt.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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