Fotografische Farbminiatur:
Spektakulär einfach

Kleine Studien, Farbminiaturen oder Kontraste in Details am Wegesrande sind ein faszinierendes Feld der Fotografie. Allerdings verlangt diese Form der Reduktion der Fotografin viel ab.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Bodo Viebahn).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Bodo Viebahn).

Kommentar des Fotografen:

Diese Zusammenstellung von Material, Struktur und Farbe fand ich an einem alten Bootshaus. Ich bin auf Eure Meinung neugierig.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Bodo Viebahn:

Diesen Bildtyp sieht man oft bei Anfängern, die künstlerisch wirken wollen – und meistens sind die Aufnahmen sofort als erste Gehversuche erkennbar. Denn in der Reduktion liegt eine der Qualitäten einer guten Fotografie; die kommt aber nur zur Geltung, wenn alle andern Kriterien in traumwandlerischer Sicherheit erfüllt wurden.

Das gelingt diesem Bild recht gut: Es ist auf spektakuläre Art einfach und wirkt deshalb nicht simpel. Das Motiv ist dabei recht komplex:

Es besteht aus den Farbkontrasten der Materialien und zugleich einem gut inszenierten Linienmuster. Als Tüpfelchen auf dem “i” gesellen sich schliesslich unzählige Details hinzu, die es zu entdecken gibt – die Spiegelungen im Wasser, die bunten Kieselsteinchen, die spröden Farbreste an der Holzwand.

Die Qualitäten des Bildes werden zugleich (logischerweise) zu seiner Herausforderung. In der unteren Hälfte tut sich ziemlich viel; die Aufteilung folgt mit dem goldenen Schnitt für die Platzierung des Pfahls den grundlegendsten und ebenso simplen Regeln, durch ideale Lichtverhältnisse entstehen weiche Schatten, die dem Gebilde plastische Erscheinung verleihen.

Darüber steht die Holzwand, die aus andern Gründen interessant ist, flach und dominiert von den Linien und Punkten.

Was das Bild aber wirklich ausmacht, ist der auf den ersten Blick erfassbare Kontrast der knalligen Orange-Töne in der oberen Hälfte der Bretterwand zum Giftgrün des verrottenden Pfahls und dem Schwarzblau des Wassers.

Hier zögert mein Gehirn einen Moment, weil leider diese Farben durch das Grau des farblosen Holzes getrennt werden. Daran lässt sich nicht rütteln, der Abstand lässt sich nicht verkleinern. Ich frage mich bloss, ob es geholfen hätte, ein klitzekleines bisschen der Bretterwand oben zu kappen.

Das wiederum hat – wenn man es mit veränderter Brennweite tut – sofort Auswirkungen auf den Linienverlauf und die Bildeinteilung. Du hast versucht, alle massgeblichen Linien – den Pfahl und die Spalten zwischen den Brettern in der Vertikalen, Wasserlinie und Bretterunterkante in der Horizontalen – gemäss den Regeln anzuordnen. Der Pfahl liegt im goldenen Schnitt, die Bretter ungefähr in den Dritteln; die Waagerechten hast Du mit zwei Dritteln Bretterwand gegen ein Drittel Restbild gestellt. Das entspricht, wie gesagt, den Regeln, aber es entzieht dem spannenden unteren Bildteil zu viel Aufmerksamkeit.

Neue Bildeinteilung

Neue Bildeinteilung

Ich habe lange rumgespielt und bin zum Schluss gekommen, dass ein Regelbruch hier angesagt ist und ein spannenderes Resultat bringt als ein proportionaler Beschnitt: Wenn Du die Bretterwand ganz einach um die obere Hälfte des orangen Teils verkürzt, verlierst Du nichts von der Buntheit und der Struktur der Wand, aber das Bild erhält eine ganz neue Gewichtung. Dann verläuft zwar die Unterkante der Bretterwand fast genau durch die Bildmitte, das stört aber nicht, weil die Wasserlinie diese Hälfte erneut halbiert – wir haben dann zwar eine “Viertelung” in der Vertikalen, die allerdings den Eindruck von zwei zu eins erweckt.

Für mich wertet dieser Beschnitt das ohnehin starke Bild weiter auf. Und jetzt bin ich meinerseits auf Meinungen gespannt.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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9 Kommentare

  1. Ich kann mit dem Bild so leider gar nix anfangen. Das mag aber auch nur an mir liegen und soll nix heißen – ich sage trotzdem mal, was ich darüber denke:

    - Weder Fisch noch Fleisch: Die Strukturen und Linien sind mir persönlich zu unklar. Meiner Erfahrung nach funktioniert eine Mischung aus Farbe und Linien nur sehr, sehr schwer: Entweder das Eine oder Andere (und dann kann’s auch ruhig S/W sein).

    - Perspektivlosigkeit: Bedingt durch die Brennweite (73mm x ? Crop-Faktor) wirkt das Bild äußerst flach. Die Ebenen, die sehr wohl vorhanden wären, heben sich nicht klar genug voneinander ab um eine Blickführung zu garantieren. Was ist Vorder-, was ist und Hintergrund?

    - Positivraum: Die Idee vom Negativraum oben gefällt mir im Prinzip sehr gut. Nur leider ist kein echter Negativraum verfügbar, da die Oberflächenstruktur und die kräftige Farbe es wieder zum Blickfang machen. Da hilft auch kein Schnitt, Peter ;-)


    Neue Bildeinteilung

    Ich habe das Bild mal nach meinem ganz persönlichen Geschmack bearbeitet:
    a) drastische Absenkung der Sättigung und Einfärbung mit blassem Braun im oberen Teil -> Schaffung eines Negativraums.
    b) Schattierung unter den Holzstaffeln -> räumliche Separation der Ebenen
    c) Erhöhung der Sättigung und Grün-Betonung im unteren Teil -> Blickfang
    d) Verlaufsfilter (dunkel zu hell) unten -> mehr Tiefe

    Ich habe das Bild an die Redaktion gesendet – vielleicht kann es wer einstellen!

    Und bitte: Dies ist meine persönliche Meinung und mein persönlicher Geschmack!

    Gruß,
    Stefan

  2. Das Bild selbst, so wie es im Moment ist reizt mich auch nicht wirklich. Was aber nicht heisst, dass da nicht was zu machen wäre. Ich kann mir nämlich, meine ich, sehr gut vorstellen was der Fotograf damit sagen wollte.
    Also die Bildeinteilung hat Peter ja schon korrigiert.
    Daneben würde es aber aureichen, den Kontrast in der spannenderen unteren Bildhälfte leicht hochzuziehen und die Sättigung im orangenen Bildanteil etwas abzuflachen.
    Dennoch würde ich mich nochmals auf die Socken machen und mit einer anderen Brennweite das Ganze wieder austüfteln.
    Zu Gunsten der unteren Bildhälfte, vielleicht auch mit ruhigem Wasserspiel, der Spiegelung willen. Sie würde dem Bild die Ruhe geben, die es braucht um das Holz so schön giftgrün verrotten zu lassen. Probieren schadet ja nichts.

  3. Hallo Peter!
    Vielen Dank für die ausführliche Bildbesprechung. Dein Beschnitt hat mich überzeugt. Ich glaube, ich bin oft noch zu konservativ bei Bildaufteilung und Beschnitt. Hinweise wie dieser und z.B. das Buch von George Barr helfen mir, mich davon lösen zu können.
    Hallo Stephan!
    Es freut mich, dass du dich so gründlich mit dem Bild beschäftigt hast, obwohl es nicht deinen Geschmack trifft. Deine Version würde ich auch gerne sehen. Wenn sie nicht bei Focussiert.com eingestellt wird, kannst du sie mir vielleicht per E-Mail (bodo.viebahn@arcor.de) schicken. Dein Entweder-Oder bezüglich Linien und Farben teile ich allerdings nicht. Das Bild war auch bewusst nicht perspektivisch angelegt und die Schaffung von Vorder- und Hintergrund für das, was ich zeigen will, für mich nicht von wesentlicher Bedeutung.
    Hallo Endres!
    Deinen Tipp bezüglich Kontrast und Sättigung werden ich ausprobieren. Nochmal hingehen wird allerdings schwierig: Das schöne dunkele Eis ist so nicht mehr da (und damit fehlt ein wichtiger Kontrast)und ob ich es später von einem Boot aus hinkriege bezweifele ich. Manche Gelegenheiten sind halt einmalig.
    Mit kreativen Grüßen an Euch alle
    Bodo

  4. Hallo alle
    Habe Stefans Version grade am Ende des Postings eingefügt.

  5. Hallo Stefan,
    schön, dass Peter Deine Version auch auf die Seite gestellt hat. Es wirkt wie ein Color-Key-Bild und wer das mag, für den ist die Version vielleicht ein Gewinn. Für mich war es vor Ort ein sinnlicher Genuss, die verschiedenen Farben und Strukturen und ihr Zusammenwirken zu entdecken. Aus dieser Erfahrung heraus wirken die obere Bretter in Deiner Version eher wie tot auf mich. Den Schatten unter den Bretten empfinde ich als zu hart und zu durchgehend (zumindest beim Pfahl wäre eine Aufhellung notwendig, da er weiter im Licht steht). Das nimmt dem Bild die geringe Räumlichkeit, die es hat. Die Abdunklung im Bereich des Wasser reduziert die Spiegelungen und schluckt die Details im Eis. Ich sehe das eher als einen Verlust. Trotzdem danke ich Dir für Deine Mühe, die Du Dir mit dem Bild gemacht hast und fand es eine interessante Gegenüberstellung. Auf Deiner Flickr-Seite hast Du einige Bilder in Deinem Stil, die mir gut gefalle.
    Mit kreativen Grüßen
    Bodo

  6. Hi Bodo!

    Danke für Deine Antwort, hat mich sehr gefreut! Wie gesagt, meine Version ist eine rein persönliche Interpretation und ich erhebe weißgottnicht den Anspruch auf die ultimative Lösung – die gibt es nämlich nicht!

    Liebe Grüße,
    Stefan

  7. Eine Fotoreplik (in der Art “buntes Holz, sonst nix”).

    Mit meiner Replik möchte ich zeigen, dass die blosse Struktur von Holz ein
    Bild füllen kann. Wenn’s farbiges Holz ist, umso besser.

  8. Bodo, lass Dich bloss von kleinlich-technisch-lehrbuchmässigen Mäklern nicht verunsichern. Du hast ein absolut tolles Motiv geschaffen. Aendere bloss nichts an Deinem Bild, printe es gross auf Hahnemühle-Fineart-Paper, rahme es und hänge es in Deinen Räumen auf – und geniesse es!!
    Ronnie

  9. “kleinlich-technisch-lehrbuchmässigen Mäklern” – welche Laus ist denn Dir über die Leber gekrochen?

    Ich finde Diskussionen wie die hier eigentlich sehr interessant. “kleinlich-lehrbuchmässig” hat bisher meiner Ansicht noch niemand argumentiert, und äuffällig ist dabei Bodos Aussage, dass er von George Barr (von dem ich’s auch habe) gelernt hat, eben grade nicht immer konventionell mit dem Bildschnitt umzugehen.

    Ronnie, Du wirfst anderswo die Frage nach der Gewohnheit und einem “uniformen Sehen” auf, die Du als Gefahr betrachtest. Ich möchte dazu einwerfen, dass dieses uniforme Sehen nicht erst entstehen könnte, sondern schon existiert: Die Regeln der Bildaufteilung – die man bei Bedarf immer wieder brechen kann und soll – sind ja nicht die Befehle irgendeines Diktators, sondern im Lauf der Geschichte von Malerei und Fotografie als weitgehend dem natürlichen Empfinden des Menschen entsprechende Ableitungen aus dem entstanden, was wir als angenehm, ästhetisch oder eben schön empfinden.

    Es handelt sich also nicht um künstliche “Mode”, sondern eigentliche Ur-Instinkte.

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