Landschaft:
Farbe als Motiv

Landschaftsfotografie bietet als Motiv auch natürliche Farben, auf die man sich konzentrieren kann. Was sich vor und nach Sonnenuntergang finden lässt, ist phänomenal.

Ich bin eine Nachteule. Nicht nur wegen der Zeitverschiebung zu Europa – ich habe schon immer gerne ganze Nächte durchgearbeitet (und ganze Tage verschlafen.)

Das hat Vor- und Nachteile: Einkaufen im Safeway geht um drei Uhr morgens herrlich entspannt (leider habe ich noch keinen 24h-Waschsalon in meiner Umgebung gefunden). Samstägliche Wanderungen mit Freunden, die frühmorgens aufbrechen wollen, fallen dagegen häufig aus.

Der Workshop im Death Valley hat meinen Rhythmus völlig umgedreht:

Zwei Stunden vor Sonnenaufgang aufstehen, wenige Stunden nach Sonnenuntergang (und dem zweiten Shooting des Tages) todmüde ins Bett fallen.

Dafür wurde ich in dieser meist sehr kurzen Zeitspanne kurz vor Sonnenaufgang und kurz nach Sonnenuntergang Zeuge von Farbwundern, welche die Mühen mehr als ausgeglichen haben: Der Sand der Dünen, der vor den ersten Sonnenstrahlen in weichen Linien von bläulich bis braun von den Kreten hinunter verläuft – und Minuten später in gleissendes Gold verwandelt ist. Ein Himmel, der zuerst glutrote Wölkchen zeichnet und kurz darauf in Violett-Tönen zu leuchten beginnt, wie ich sie noch nie gesehen habe. Vermeintlich graubraune Hügelketten und Hänge, die sich im watteweichen Licht dreissig Sekunden, nachdem die Sonne verschwunden ist, als knallbunte Palette präsentieren.

Wir haben hier eben noch über die “Realität” in der Fotografie diskutiert. Ich habe selber anderswo ein ganzes Posting lang die Frage aufgeworfen, ob es denn eine Belichtung gibt, welche die objektiven Verhältnisse zeigt.

Inzwischen bin ich überzeugt (worden), dass es “die realen Verhältnisse” nicht nur nicht gibt, sondern nicht geben kann – denn “Sehen” ist eine subjektive Sache.

Ich habe deswegen auch nicht die geringsten Probleme damit, dass ich in meiner Software an Schiebereglern und mit Funktionen hantieren muss, nachdem ich die RAW-Dateien aus meiner Kamera auf den Rechner geladen habe, um das im Bild hervorzuholen, was ich an dem Abend/Morgen gesehen und bestaunt habe. Denn ich kann mich daran erinnern und weiss, warum es mich fasziniert hat.

Ich habe begriffen, dass Bilder auch nur von dieser Farbenpracht leben können, dass mehr “Motiv” gar nicht nötig ist, wenn es mir gelingt, die Buntheit und das Überwältigende der Lichtschau festzuhalten.

Das ist indes zweifellos eine schwierige Herausforderung, weil “das Motiv” noch viel weniger konkret fassbar ist als bei, sagen wir, Landschaften, selbst wenn die keinen markanten Vordergrund aufweisen.

Noch habe ich keine Anleitung und keinen Workflow, wie sich die besten Bilder aus der Beobachtung herauskristallisieren und dann umsetzen lassen. Ich habe beispielsweise in meinen vor-Sonnenaufgang-Bildern der Sanddünen erst am Bildschirm zu hause extrem feine Farbvariationen im Spiel von Dämmerung und kaum vorhandenem Schatten entdeckt, die mir vor Ort auf der Jagd nach Linien und markanten Flächen völlig verborgen geblieben sind. Würde ich morgen ins Todestal zurückkehren, ich würde mich einen Vor-Sonnenaufgang lang ausschliesslich auf die Farben im Dünenschatten konzentrieren.

Vielleicht habe ich nur einen ersten Schritt gemacht, der aber zentral ist: Ich habe gelernt, mich angesichts solcher Farberscheinung und Lichtspiele von Bildhaftem zu lösen und mich auf die reine Farbe und auf das Licht einzulassen.

Am ersten Abend im Valley, nachdem ich verzweifelt mit Ausrüstung und Vordergrund gekämpft hatte und ziemlich frustriert war (obwohl dabei das Kaktusbild herauskam), zeigte mir Jay, der Bruder unseres Workshop-Instruktors, den Blick hinaus ins Tal, durch die Virga-Wolke – zu sehen war nicht viel, aber die Farben waren umwerfend, der Schleier im Vordergrund wie zum Greifen nah, und der Salzfluss (oder war’s auch nur heisse Luft am Talboden?) spiegelte den pastell-orangen Himmel in einer schmalen Linie.

Ich habe mich intensiv mit den Death Valley-Fotos beschäftigt, und diese eine Aufnahme, die scheinbar “nichts” zeigt, ist inzwischen mein absoluter Favorit, das beste, was mir auf diesem Trip gelungen ist. Kleiner Wermutstropfen: Es ist ja nicht wirklich mein Bild, es war Jays Shot, den er freundlicherweise mit mir “geteilt” hat.

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4 Kommentare

  1. Blue
    schrieb am 4. März 2009 um 13:39 Uhr (#)

    Erstaunliche Bilder..gerade diese bunten Hügel…wie sowas entstehen mag…Großartig! Dieser Workshop hat sich “für uns alle” gelohnt! Vielen Dank, dass wir an Deinen dort gemachten Erfahrungen teilhaben dürfen! Klasse! Bin gespannt auf mehr!
    Blue

  2. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
    schrieb am 4. März 2009 um 19:29 Uhr (#)

    Danke blue – ich dachte schon, dieser Text interessiert niemanden…

  3. Robert Gottofrey
    schrieb am 4. März 2009 um 20:48 Uhr (#)

    Niemanden? Sicher nicht, mich – und wahrscheinlich vielen schweigenden Lesern – interessieren diesen Postings sehr. Danke, und weiter so, bitte!

  4. Bodo Viebahn
    schrieb am 9. März 2009 um 19:00 Uhr (#)

    Hallo Peter!
    Vielen Dank für diese bewegende Artikel- und Bildserie. Die Bilder waren ein Augenschmaus und die nicht 100%ig gelungenen schöne Lehrstücke, auf die ich selbst wahrscheinlich super stolz gewesen wäre. Deine Texte habe mich lebendig an dem Auf und Ab deiner Fotoerfahrungen teilnehmen lassen. Besonders sympathisch ist mir dein Umgang mit eigenen Schwächen und dem Lernprozess. Ich bin ein bisschen traurig, dass diese Serie scheinbar zu Ende ist, freue mich aber schon auf die nächsten Texte.
    Vielen Dank
    Bodo

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