Wassertor:
Schräge Linien

Lowkey-Aufnahmen mit hohem Schwarzanteil sind ein Abenteuerspielplatz fürs Auge. Sie sollten aber im Dunkeln etwas zu bieten haben. Hier stören ausserdem die stürzenden Linien.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© A Wagner).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© A Wagner).

Kommentar des Fotografen:

Ich bin zwar kein Anfänger in der Fotografie, aber von der Qualität, die mir vorschwebt noch sehr weit entfernt. Ich möchte mich in nächster Zeit auf Architektur und Industrie konzentrieren. Als nächsten Schritt möchte ich das Augenmerk auf Gestaltung und Aussage des Bildes legen. Eins nach dem anderen…Ich bitte um Kommentierung der ersten Versuche hier, denn besser werden hat noch keinem geschadet…

Peter Sennhauser meint zum Bild von A Wagner:

Lowkey-Aufnahmen mit mehrheitlich dunklen Bildteilen sind eine Herausforderung für den Betrachter: Wir ahnen, nein, wir wissen, dass da im Dunklen Dinge zu sehen sind, die sich nur leicht vom Rabenschwarz abheben – und so suchen wir im Bild nach den versteckten Botschaften…

Ich habe mit dieser allerdings in der hier vorliegenden, auf den ersten Blick durch eine angenehme Komposition erfreulichen, Aufnahme ein Problem: Ich finde keine versteckte Botschaft.

Das soll nicht heißen, dass jedes Lowkey-Bild etwas enthalten muss, was man erst beim zweiten Mal hinsehen entdeckt, aber hier scheint mir das Versprechen irgendwo im Bild eingebettet zu sein. Möglicherweise ist es die Leere dieser Betonbrücke, die so rasant von oben links ins Bild hineinführt, direkt zum ohnehin sehr prominent sichtbaren Turmgebäude. Ein Ablenkungsmanöver? Was genau verbirgt sich in der Industrieanlage links der Brücke, in den Lichtern und davor?

Ich suche nach den Details, aber ich kann keine finden. Irgendwann fühle ich mich ein bisschen betrogen: Warum ist das Bild so dunkel, wenn sich in den Schatten dann doch nichts spannendes verbirgt?

Dafür, dass das Bild von den sternförmigen Lichtquellen und den Strich-Reflexionen im Wasser zu leben vermag, ist die Brücke einfach zu dominant und zugleich zu dunkel. Ich verstehe die Komposition, aber ich verstehe nicht das Motiv: Die Lichtsterne und die Reflexionen reichen mit nicht, aber das Turmgebäude und die Brücke bieten auch nicht genug. Der Ansatz ist da, ich bin mir sicher, dass sich die Elemente irgendwie in eine spannende Beziehung setzen lassen – aber hier im Bild ist diese Beziehung nicht gegeben.

In technischer Hinsicht gefallen mir die Sterneffekte der Lichtquellen, von denen ich annehme, dass sie durch die Blende (2.8 in einer Kompakten entspricht einer kleineren auf 35mm) und nicht mit einem Sternfilter oder (viel schlimmer…) mit einem Effektplugin in Photoshop erzeugt hast. Der Gegensatz der Sterne zu den Strichspiegelungen im Wasser schafft durchaus eine gewisse Spannung, dem allerdings die übrigen Bildelemente eher im Wege stehen.

Was mich ausserdem sehr stört, sind die stürzenden Linien. In Deiner Version des Bildes ist einiges buchstäblich sehr schräg, und während das an horizontal verlaufenden Linien nicht weiter auffällt, ist die Linksneigung des Turms doch sehr penetrant.

Perspektive korrigiert, Gammawert erhöht. Vielleicht ein wenig zu stark.

Perspektive korrigiert, Gammawert erhöht. Vielleicht ein wenig zu stark.

Ich habe deshalb in PaintShopPro (Version 9, mein Arme-Leute-Photoshop) mit der Perspektivenkorrektur die Verzerrung korrigiert. Leider geht das unweigerlich zu Lasten des Bildausschnitts: Eine Tatsache, die beim Fotografieren von Architektur mit dem Weitwinkel zu berücksichtigen ist. Dadurch rutscht der grosse Lichtstern rechts an den Bildrand, was suboptimal ist. Um das Seitenverhältnis einigermassen wieder herzustellen, habe ich deswegen den Himmel auch gleich beschnitten.

Außerdem habe ich den Gammawert (nicht die Tonwert-Kurve) angepasst und damit die dunklen Bildteile leicht erhellt. Das ist vielleicht Geschmackssache, aber so ist in den schwarzen Bildteilen etwas mehr von der durchaus vorhandenen Struktur zu sehen, und das macht die Aufnahme – jedenfalls in dieser Komposition – etwas spannender. Würde sie sich kompromisslos auf Lichter und Spiegelungen konzentrieren, so wäre die dunklere Version wohl vorzuziehen.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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3 Kommentare

  1. da sag nochmal einer, dass dortmund fotografisch nichts zu bieten hat .. :)

    schöne idee an sich .. allerdings kann ich dazu nur sagen, dass es eine recht schwierige motivwahl ist .. vor ort einen standpunkt zu finden, der einen bildwinkel ermöglicht, der dann sowohl hafenamt, als auch containerterminal, gleichwertig und unbeschnitten, miteinbezieht ist fast unmöglich .. am besten montieren, denke ich ..

    .. von aussageseite ist die idee klasse .. da die brücke die moderne container-anlage von der klassischen architektur des hafenamts dann auch noch optisch trennt und kompositorisch auch gleich noch das darstellt, was sie ist: eine brücke ..

    .. was die perspektivenkorrektur angeht, empfinde ich eventuell noch eine stauchung des gesamten bildes als angebracht .. insgesamt hätte die ganze szenerie dann einen panoramahafteren charakter und es käm meiner erinnerung nach auch dem “wirklichen” hafenamt in seinen natürlichen proportionen näher .. zurücknehmen würde ich allerdings keine der veränderungen, da die aufhellung auch klasse ist .. sie fördert durchaus sehenswerte strukturen ..

    .. weiter so! .. ;) ..

    lg .. andi

  2. Schwierige Perspektive! Habe das Motiv (Altes Hafenamt in Dortmund) dennoch sofort erkannt. Ich mag diese Perspektiven selbst auch ganz gern. Mit den Korrekturen wirds ein klasse Foto meine ich.

  3. Besten Dank für die Kritik an dem Bild. Da wartet ja noch ne Menge “Arbeit” auf mich, aber es mach saumäßig Spaß sich da hineinzufummeln. Werde in der nächsten Zeit dort nochmal fotografieren. Besten Dank für den Tip mit den stürzenden Linien und der Bild”aussage”. Die erste Nachtaufnahme meines Lebens(kein Scherz) wäre also gemacht…

Ein Pingback

  1. [...] war ich es, der schon Dein erstes Bild besprochen hat. Spontan würde ich feststellen, dass Dein “Tick” mit den Stadtnachtbildern sich [...]

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