Wasserfall:
Ent- oder weder…

Wasserfälle eignen sich hervorragend für Langzeitbelichtungen, die aus weißer Gischt weiche Wattesträhnen machen. Allerdings vernebeln 30 Sekunden auch den Blick auf den Seegrund.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Daniel Solari).

Kommentar des Fotografen:

Ich bin gerade auf Reisen durch Australien und hatte das Glück, den McKenzie Wasserfall zu besuchen. Das ist aus meinem 30 min Aufenthalt geworden. Ich wollte den massiven und imposanten wasserfall mitsamt See so ablichten, dass es zu einem spannenden Bild wird. Darum habe ich das Panorama-Hochformat gewählt und den Stein im Vordergrund. Das Panorama-Format unterstützt die Blickführung, da man fast gezwungen wird, von unten nach oben zu schauen.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Daniel Solari:

Wann immer eine Fotografie etwas zeigt, was wir von bloßem Auge gar nicht sehen können, sind wir speziell fasziniert. Grade Wasser liefert mit seinen diversen Aggregatzuständen von Gas (Dampf) bis Festkörper (Eis) fast endlose Möglichkeiten. Namentlich in flüssigem Zustand kann es mit sehr kurzer Belichtungszeit entweder als glasharte Struktur mitten in der Luft eingefroren werden, oder aber mit Langzeitbelichtungen zu einer weichen, weißen Masse verwandelt werden.

Letzteres ist Dir hier gut gelungen. Der Wasserfall selbst hat diese typischen Schleier, die sich in ihrer samtenen Weichheit von den kantigen Felsen abgrenzen.

Das Hochformat finde ich hier eine gute Wahl, die Entscheidung für einen nahen Vordergrund grundsätzlich auch. Der Graufilter sorgt für einen bewältigbaren Dynamikumfang (Ich nehme an, Neutralgrau-Verlaufsfilter: Er dunkelt den Himmel ab und geht irgendwo in der Bildmitte in Klarglas über).

Die Blickführung funktioniert gut von unten nach oben, wie Du es beabsichtigt hast, der Felsen im Vordergrund erledigt seinen Job.

Schwierigkeiten habe ich mit der Bildeinteilung, dem bewegtunscharfen Wasser und dem Polfilter.

Zunächst zur Komposition: Auf den ersten Blick stört sofort der abgeschnittene Teil des Wasserfalls zur Linken. Für diese Strähnen gilt das gleiche wie für Körperteile bei Menschen und Tieren und für markante Pflanzenteile: Unbedachte Schnitte wirken wie eine schlechte Amputation. Wenn nicht eindeutig ganz bewusst etwas abgeschnitten wird, darf es gar nicht abgeschnitten werden.

Hier wirkt das Fehlen der unteren Stufe des Linken Arms des Wasserfalls, wie wenn er halt einfach nicht mehr in den Bildausschnitt gepasst hätte – und das hiesse, der Fotograf hat es sich zu einfach gemacht. Es wäre noch knapp vertretbar, wenn Du links so schneiden würdest, dass die erste, aber nicht mehr die zweite Stufe dieses Strangs sichtbar ist. Damit wäre aber auch das Grün an der Kante ganz oben weg, und der Fels unten im Weiher dicht am linken Rand.

Auf der Rechten Bildseite ist es leider nicht viel besser: Da ragt ein kleines Stück Baumast mit Blättern ins Bild. Das muss entweder deutlich sichtbar sein oder wegreturschiert werden.

Zum Polfilter: Er dient in der Regel dazu, den blauen Himmel abzudunkeln und etwaige Wolken dramatischer zu machen, was am besten funktioniert, wenn die Blickrichtung etwa neunzig Grad zur Sonne verläuft. Ausserdem eliminiert der Polfilter Spiegelungen von nichtmetallischen Oberflächen wie Wasser oder Glas.

Und hier kommt mein Problem: Da die Sonne für die Aufnahme fast senkrecht stand, bewirkt der Polfilter am Himmel kaum etwas.

Im Wasser des Seeleins hingegen nimmt der die Spiegelung weg, wobei es dabei allerdings meistens darum geht, durch das glasklare Wasser hindurch auf den Grund blicken zu können, was schöne Effekte ergibt.

Das klappt hier leider nicht, weil die Oberfläche des Seeileins durch den Wasserfall, vielleicht auch durch Wind oder Abfluss, leicht bewegt ist. Die außerordentlich lange Belichtungszeit bei der kleinen Blende lässt die Oberfläche zu einem Unscharffilter werden, sodass der ganze Vordergrund vor dem Fels im Wasser nicht wie wahrscheinlich erhofft mit viel Detail für zusätzliche Spannung, sondern durch die seltsame Unschärfe für Verwirrung sorgt. Die Spiegelung des Wasserfalls dagegen ist auf ein Minimum reduziert.

Was können wir tun? Ich würde hier auf jeden Fall das Bild noch enger schneiden. Allerdings nicht nur seitlich, sondern auch unten – und zwar recht nah an den Felsklotz heran. der Vordergrund unter Wasser trägt absolut nichts zum Bild bei, sondern lenkt nur ab.

Was hättest Du bei der Aufnahme machen können? Zunächst einmal allenfalls die Belichtungszeit verkürzen. Für schöne Wasserschleier braucht man in der Regel nicht grade eine halbe Minute, und die Blende 22 ist hier aus einem Schärfestandpunkt her auch nicht nötig, weil das Motiv eine verhältnismässig geringe Tiefe hat, hätte eine Blende 9 vollkommen ausgereicht, um alles scharf zu kriegen – bei einem Superweitwinkel von 16mm (26mm KB) jedenfalls. Der Polfilter, den Du vielleicht zur zusätzlichen Lichtverringerung für eine lange Belichtungszeit eingesetzt hast, ist aber just dafür nicht geeignet: Wenn Du den Grund des Seeleins im Bild haben willst, muss die Belichtungszeit kurz genug sein, um die Bewegungsunschärfe durch die Bewegte Oberfläche des Wassers zu vermeiden. Denn während die gallertartige Wasseroberfläche in einem Bild, das den Stein zum Hauptmotiv macht, durchaus spannend wirken könnte, lenkt sie hier in der Komposition mit dem Wasserfall einfach nur störend ab.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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7 Antworten
  1. deenee says:

    Mal was zu dem Bild: Ich finde den Kontrast „unruhiger Wasserfall – ruhiger, stiller (und leicht verschwommener/weichgezeichnet wirkender) Grund des Sees“ phantastisch. Das Wasser stürzt den Felsen hinunter, um dann in dieser ruhigen, seichten Welt da unten zu landen – nein, ich finde das Bild gerade durch den zusätzlichen unteren Teil so besonders.

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  2. Peter Sennhauser says:

    Matidio: Berechtigter Einwand. Allerdings bedingt die Übungsanlage der Kritik hier, wenn sie sich nicht ausschliesslich auf Goldenen Schnitt und andere, etwas trockene, dafür einigermassen „objektive“ Einheiten beziehen soll, dass uns die Fotografen im Kommentar zum Bild möglichst weitgehende Einblicke in Absicht, Umstände und Lösungsansatz ihres Bildes gewähren. Sonst bleibt uns bisweilen, um eine spannende Aussage namentlich zur Technik der Aufnahme selber machen zu können, nicht viel mehr als die Spekulation.

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  3. Matidio says:

    Mich persoenlich stoert es normalerweise nicht, nur wenn er zu sehr (bitte genau lesen) in die Kritik einfliesst, da diese dann subjektiv wird und Vermutungen angestellt werden, die ohne Kenntnisse der Hintergruende zum Bild und Fotografen einfach in Spekulationen abrutschen.

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  4. Horst Kloever says:

    Was stört am persönlichen Hintergrund? Sollte dieser nicht Grundbestandteil eines Erfahrungsaustauschs (im Wortsinn) unter Fotografen sein? Finde ich spannender und unterhaltsamer als schulisches Abhandeln der Vorzüge und Fehler eines Bildes.

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  5. Matidio says:

    Muss ich Corinne zustimmen. Die Kritik ist sehr gut. Etwas, was, meiner Meinung nach, nicht immer der Fall ist, da bei manchem Co-Autor, doch zu sehr der persönliche Hintergrund zu sehr durchscheint. Aber hier sehr gut.

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  6. Corinne ZS says:

    Kritik auf hohem Niveau, möchte ich meinen. Vor allem aber: Kritik höchsten Niveaus. Pit, Du deckst damit die ganze Bandbreite der möglichen Leserschaft ab, von der Hausfrau, die ihre Kamera nach dem Platz auswählt, den sie dafür in ihrer Handtasche frei machen kann (und ja, die Farbe muss auch stimmen), bis zum Crack, der schon im Kindergarten lieber mit Polfiltern spielte als im Sand.

    Muss dringend abklären, ob es Polfilter auch in mittleren Breitengraden wie Bern gibt ;-)

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  7. martin says:

    auch wenn der see durch die lange belichtungszeit nicht mehr gestochen scharf ist:

    echt gelungenes bild mit wunderschönen farben!

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