Druckerpresse:
Maschinenseele

Wenn Kunst und Technik eine Verbindung eingehen, wird oft etwas Grosses daraus.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Reinhard Schnetzer).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Reinhard Schnetzer).

Kommentar des Fotografen:

Buchdruckpresse: Dingler´sche Kniehebelpresse, 1828, Zweibrücke. Die Presse wird immer noch von Künstlern benutzt. Ich bin selbst gelernter Buchdrucker und gelernter Maschinenschlosser, und ich war einfach von der Schönheit der Mechanik fasziniert. Ich habe Fotos von der ganzen Presse gemacht, aber dann gefiel mir das Foto mit den wichtigsten mechanischen Details am besten.

Profi Horst Kloever meint zum Bild von Reinhard Schnetzer:

Viele Profis stehen oft vor der scheinbar unlösbaren Aufgabe, technische Apparaturen, ihre Eigenarten und Funktionen in Bildern lebendig werden zu lassen oder diese aus einer scheinbar chaotischen Umgebung optisch “herauszuschälen”.

Deine Aufnahme leistet hier schon beachtliches:

Sie wurde mit dem Blick des Meisters für eine Maschine seines Metiers aufgenommen. Man spürt leibhaftig den potenzierten Druck des “Kniehebels” auf die – dynamisch schräg ins Bild gesetzte – Platte aus schwerem Guss und kann den konstruktiven Gedanken dahinter nachvollziehen, der letztendlich das Schöne an jeder gelungenen Apparatur ist.

Druckerpresse (H. Kløver)

Druckerpresse (H. Kløver)

Ich stand selbst vor längerer Zeit vor ganz ähnlichen Apparaten; es war das Gutenberg-Jahr, ich sollte einen Text zur Entwicklung der Drucktechnik mit nur zwei ganzseitigen Bildern in einem Werbemagazin der Papierindustrie illustrieren. Mein hoher Anspruch war es, den Geräten ein wenig Eigenleben einzuhauchen und diese in der optisch komplexen Umgebung eines Museums als eigenständige Objekte abzubilden – sprich die Maschinen zu beseelen. Hierfür wählte ich im Fall einer sehr ähnlichen Presse wie der “Kniehebelpresse 1828″ einen frontalen Standpunkt, blieb aber auf Augenhöhe mit dem, auch von Dir hervorragend erfassten, technisch wichtigsten Detail. Als “Spielgefährten” meiner Kompostion kamen mir eine kleine Gutenberg-Figur auf der Maschine und eine ähnliche Presse im Hintergrund als “Echo” des Bildaufbaus im Vordergrund zur Hilfe.

Auch in Deiner dokumentarischen Fotografie ist ein Bilddetail von Bedeutung: Die Schürze eines Druckers, die leider nur am Rand und halbverdeckt erscheint. Wie wäre es, diese mehr zum “Darsteller” zu machen, und damit den Drucker, ohne dessen Können und Wissen die Maschine totes Metall bleibt, lebendig werden zu lassen?

Der Hintergrund verschwindet zwar in der Unschärfe, bleibt aber farblich unruhig. Natürlich ist es schwer, in der Umgebung eines vollgestellten Museums oder einer Ausstellung eine Maschine freizustellen. Ohne einen mobilen Hintergrundkarton, einen riesigen, weißen Leinenstoff (und die entsprechende Genehmigung zum Aufbau derselben) oder nachträgliche Bildbearbeitung geht es manchmal kaum. Ich hatte im Fall meiner Gutenberg-Presse das Glück einer gleichförmigen Wand im Bildfeld, die es mir erlaubte, die Bildelemente wie in einem Fotostudio zu arrangieren und ihnen damit Raum zum Atmen und zur Entwicklung ihres Charakters zu geben.

Ein wichtiger, zeitgenössischer Fotokünstler, der sehr weit gegangen ist, um dem Begriff der Maschine auf die Spur zu kommen, ist Thomas Ruff. Er hat verschiedene Maschinen am Ort ihres Einsatzes und nachträglich freigestellt und zitiert damit frühere grafische Techniken, die die Ästhetik von Prospekten und Gebrauchsanweisungen bestimmten. Er erzählt so vom dem “mechanischen Zeitalter” das hinter uns liegt. Ein Beispiel der Arbeit von Thomas Ruff ist hier zu sehen. (Vorsicht beim Durchblättern des Online-Galeriekatalogs, hier finden sich auch einige nicht ganz jugendfreie Werke).

Der surrealisitische Maler Konrad Klapheck ist der Meister der Maschinen: Bei ihm werden Schreibmaschinen zu Diktatoren, Nähmaschinen sind durch und durch weiblich, und Industriebohrmaschinen ziehen in den Krieg… Mechanik transportiert oft Ideen, die über die reine Schönheit hinaus reichen und durch die fotografische Dokumentation hindurch schimmern können.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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3 Kommentare

  1. Das ist die erste Kritik eines Bildes, mit der ich so gar nicht einverstanden bin. Offenbar hat sich der Kritiker von der Schönheit der Maschine blenden lassen, hier meine Einwände:

    Das Bild wirkt nüchtern und kühl. Eigentlich ok wenn es sich um eine Maschine handelt. Sollen aber die positiven Emotionen transportiert werden, wäre ein etwas wärmerer Farbton wünschenswert. Ein klick mit der Pipette auf das Papier als »neutrale« Graufläche ergibt dann schon ein deutlich angenehmeres Bild.
    Technisch stört mich auch die kissenförmige Verzeichnung an der linken Säule, sowie der unmittelbare Anschnitt links an der Druckplatte. Anschnitte oder schon beinahe fluchtende Linien auf Bildkanten wirken sich eigentlich immer negativ auf das Gesamtbild aus. Hier hätte man links ruhig noch etwas mehr Raum lassen dürfen.

    Ich hätte auch eine andere Perspektive gewählt oder wäre noch weiter ins Detail gegangen. Die Ansicht wirkt relativ gewöhnlich und das obwohl man so eine Maschine kaum mehr zu Gesicht bekommt. Man könnte deutlich mehr Spannung ins Bild bringen, wenn die Perspektive nicht so »von oben herab« sondern aus einem etwas aussergewöhnlichen Standpunkt aufgenommen wäre. Oder aber man verbeisst sich im Detail. Hier ist weder das eine noch das andere vorhanden, ein unglücklicher Kompromiss.

    Der Hintergrund ist, wie schon von Horst bemängelt, ziemlich unruhig. Sich etwas vom Objekt entfernen, mit einer grösseren Brennweite arbeiten und es wären gleich zwei Problemstellen verbessert worden. Neben dem unruhigen Hintergrund, welcher deutlich an Unschärfe zugenommen hätte, wäre die bereits von mir bemängelte gekrümmte Säule deutlich gerader ausgefallen.

    Über die Schürze lässt sich diskutieren. Sie passt für mich inhaltlich hin, stört aber die Farbharmonie. Das Blau/Grün mit rotem Hintergrund ist relativ krass. Ich hätte sie wahrscheinlich weggelassen.

    Im übrigen war ich wie Horst ebenfalls mal in einer Druckerei (respektive in einem Museum) und habe die selben Maschinen einen Tag lang abgelichtet. Dies wahrscheinlich der Grund weshalb ich mich überhaupt getraut habe, am Bild Kritik zu üben, denn ich bin der Meinung, die Druckpresse bietet noch viele weitere interessante Details :)

    Bin gespannt über euer Feedback!

  2. Ich habe noch mehr Fotos von dieser Maschiene und sehr viele Details.Das Einzige das an diesem Bild bearbaitet
    habe war die Bildgrösse, und das mit Absicht, den ich bin
    der Meinung das man nur etwas kritisieren kann das Orginal ist.
    Vielen Dank für Deine Kritik und in vielen Sachen muss
    ich Dir recht geben.
    grüsse Reinhard!

    • @ Pascal: Du hast Recht, technisch ließe sich an Reinhards Bild noch feilen. Danke für Deine Korrekturvorschläge. Ich habe das Bild für eine Kritik ausgewählt, weil ich es sehr schätze, wenn sich Menschen mit ihrer Arbeitswelt kreativ auseinandersetzen. Hierauf bezieht sich mein inhaltliches Lob und meine Hinweise auf die Künstler, die sich von Maschinen inspirieren lassen und Technik lebendig machen.
      Ein schönes Beispiel lebendiger Wissenschaft hast Du ja schon entdeckt: Die “Wohnzimmer-Galaxie” von Michael Görmann.

      @Reinhard: Ich denke, durch meine und Pascals Anregungen kommst Du ein wenig weiter. Gerne kannst Du weitere Bilder zur Kritik einreichen oder mir zusenden!

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