Rauschgoldengel:
Schärfentiefen-Spiele

Ein gelungenes Reisebild, das sehr praktisch eines zeigt: Die Vor- und Nachteile der Schärfentiefe.

Kommentar des Fotografen:

Das Bild zeigt die Figur des Eros auf dem Brunnen der Thermen von Kallithea, Rhodos. Es handelt sich hier um einen Ausschnitt des Originals. Das Motiv reizte mich aufgrund des einfallenden Lichts, welches der Statue “Leben” einzuhauchen scheint. Auch die Bilddiagonale, die von links unten (der Hand mit den gespreizten Fingern vor dem hellen runden Fenster) bis nach rechts oben zum Kopf führt (dem Punkt, wo der Blick zur Ruhe kommen soll) fand ich sehr attraktiv.

Ich habe den (aus Betrachtersicht) rechten Flügel der Figur bewußt angeschnitten, weil ich die Figur sonst in der Mitte des Bildes hätte, was ein wenig langweilig wirkt (habe diese “Vollversion” auch noch vorliegen). Warum 1000stel Sek. Belichtungszeit? Habe mit Blendenpriorität photographiert und wohl übersehen, daß die Kamera auf 800 ISO eingerichtet war. Hätte sicher nicht sein müssen!? Dies ist mein erstes Photo einer Statue. Würde mich sehr über eine Kritik freuen!

Profi Horst Kløver meint zum Bild von Jürgen Schulte:

Es ist Dir gelungen, einen wirklich schönen Lichtmoment an einem allgemein interessanten Motiv einzufangen. Die Komposition bekommt durch das runde Fenster besondere Spannung. Schade ist, dass man nicht nicht erkennen kann, was im Fenster zu sehen ist:

Eine Verbindung mit dem Ort selber durch besser erkennbare Gebäude im Durchblick würden dieses Bild für einen Reiseführer tauglich machen, eventuell sogar für eine ganzseitige Abbildung. Mit einer kleineren Blende, die bei den herrschenden Lichtverhältnissen und der hohen Emfindlichkeits-Einstellung sogar aus der Hand (1/125 bei Blende 20) möglich gewesen wäre, hättest du mehr Schärfentiefe erreicht. Eine komplett scharfe Abbildung der Häuser und eines eventuell durch leichte Verschiebung der Kamera sichtbar gewordenes Wahrzeichen (Kirche, Turm links?) im Fenster hättest du so allerdings nicht geschafft. Dafür wäre eine zweite Aufnahme vom Stativ mit Scharfeinstellung auf Unendlich und anschließende Bildmontage von Vorder- und Hintergrund notwendig gewesen. Klingt aufwendig, ist aber gar nicht so schlimm, man benötigt nur die grundlegenden Auswahlwerkzeuge eines Bildbearbeitungsprogramms dafür.

Mit solchen quasi unmöglichen Schärfentiefe-Dimensionen kann man sich von der Konkurrenz auf dem Reisebildmakt abheben und man schummelt noch nicht mal: Es ist ja nichts auf dem Bild, was nicht wirklich da war. Ein schönes, nicht montiertes, Mittelformat-Beispiel mit möglichst viel Schärfentiefe, um Innen und Aussen erzählerisch zu verbinden, ist meine Aufnahme aus dem Fenster einer Villa in der Nähe von Siena/Toskana heraus, die von der Merian-Bildredaktion für eine Heftproduktion ausgewählt wurde.

Bei der Verschiebung der Kamera nach links hatten sich in Deinem Bild noch weitere Aspekte des Bildes verändert: Die dunkle Lampe (?) wäre hinter dem Kopf der Statue verschwunden und würde auch bei scharfer Abbildung der Wand nicht stören. Aber das schöne Detail der gespreizten Finger vor dem blassblauen Himmel im Fenster hättest du verloren. Ein typisches Dilemma, das erfordert, von einem Gegenstand viele Aufnahmen zu machen, um dann die beste Kombination von gegebenen Bildelementen in bestmöglicher Komposition und scharfer/unscharfer Wiedergabe auszuwählen.

Aber Dein Bild hat auch in den von Dir gewählten Parametern genügend Reize, um zu überzeugen. Meine Hinweise beziehen sich darauf, etwas mehr vom Ort der Aufnahme zu erzählen. Den Eros als Statue bildest du überzeugend ab, als allgemeine Illustration ist das Foto in jedem Fall gut.

Die Unschärfe des Hintergrundes hat übrigens eine Vorteil: Falls du das störende Farbrauschen entfernen möchtest, musst du nur die unscharfen, dunklen Bereiche auswählen und noch weiter verschwimmen lassen. Ich habe es an einer Stelle des Bildes simuliert. Im Schattenbereich der Statue stört das Rauschen nicht wirklich, da es mit der Struktur des leicht verwitterten Steines eher zusammen passt. Der Anschnitt des Flügels geht in Ordnung, auch weil die leeren Flächen der Wand, die mit dem komplett abgebildeten Flügel ins Bildfeld gekommen wären, wahrscheinlich kaum zur Spannung der Komposition beigetragen hätten.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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2 Kommentare

  1. Pascal Reis
    schrieb am 31. März 2009 um 14:50 Uhr (#)

    Ich gebe Horst in vielen Punkten recht, allerdings finde ich persönlich die Schärfentiefe ok. Es macht den Anschein, dass sich Eros über die Welt hermacht, da kommt die Unschärfe ganz gut daher. Ich hätte mich dazu aber wahrscheinlich minim nach links unten verschoben, so dass die Hand der Statue ein wenig weiter nach rechts oben im Fenster rückt. Solche Eindrücke sind halt oft Interprätationssache.

    Noch eine kleine Anmerkung zur vorgeschlagenen Blende 20. Die Schärfeleistung nimmt bei solch kleinen Blenden erheblich ab, auch wenn die Schärfentiefe ausgedehnt wird. Soll die Statue aber knackig scharf dargestellt werden (was bei ISO 800 eh nicht der fall ist) ist Blende 7.1 ok, denn zwischen 8-11 arbeiten die meisten Objektive am Besten.

  2. Jürgen Schulte
    schrieb am 1. April 2009 um 15:40 Uhr (#)

    Herzlichen Dank für die konstruktive Kritik. Es zeigt sich wieder einmal, daß dieses Forum unverzichtbar ist!

    Beste Grüße

    Jürgen

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