Wohnzimmer-Galaxie:
Verfremdung mit Wow-Effekt

Warum in die Ferne schweifen? Ein kleines fotografisches Experiment lässt ein Bild entstehen, auf das die NASA neidisch wäre.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Michael Görmann).

Kommentar des Fotografen:

Eine Glasfaserlampe im Stil der 60er/70er-Jahre, direkt von oben fotografiert. Die Lampe sollte nicht sofort erkennbar sein, aber auch nicht völlig abstrakt wirken. Ich benötigte diverse Versuche für Belichtung (4s) und eine interessante Bewegung der Glasfasern. Die ganze Lampe sollte ruhig wie eine Galaxie wirken. Dennoch sollte in einigen Teilen dieses Universums auch Bewegung herrschen. Die Nachbearbeitung (in Aperture 2.0) beschränkt sich auf Beschnitt und Blaufärbung.

Profi Horst Kloever meint zum Bild von Michael Görmann:

Du bist einem Ereignis visuell ganz nahe gekommen, an dessen Darstellung und Erklärung heute hunderte Forscher fieberhaft arbeiten – dem Urknall. Der einfallsreiche Fotograf greift nicht zu den Sternen, sondern nimmt eine modische Glasfaserlampe, um einige Grundannahmen der heutigen Astrophysik sehr plastisch darzustellen.

Ganz einfach formuliert, illustrierst Du in Deinem Bild „Galaxy“ die Beobachtung, das alle Entfernungen im Universum wachsen. Alles strebt von einem einzigen Punkt weg, woraus die Forschung folgert, dass alle Galaxien einmal am gleichen Ort gewesen sein müssen. Ein bestimmtes Ereignis, eben der angenommene Urknall, hat alle Sterne und Sternsysteme versprengt. Auch wenn dieses Ereignis lange her ist, lässt es sich doch anhand deutlicher Spuren im Universum rekonstruieren (Kosmische Strahlung, Materieverteilung, Massenverhältnisse…Wikipedia hält eine gute Zusammenfassung über den Urknall bereit).

Da auch die moderne Physik kein genaues Bild des großen Knalls parat hat, ist die Lichtquelle im Zentrum Deines Bildes ein guter visueller Platzhalter dafür. Die Lichtfasern, die an ihren Enden kreisförmig ausschwingen, lassen an wirbelnde Galaxien und entstehende Sonnensysteme denken. Du hast experimentiert, um durch eine genau getimte Belichtung diesen Effekt zu erreichen. Es ist ein sehr intelligenter, reduzierter Einsatz der Lichtmalerei, die in vielen Fällen nur zu expressiv-wirren Leuchtspuren ohne besonderen Sinn führt. Die kühle, bläuliche Farbgebung unterstützt das „space feeling“ und vermittelt den Eindruck einer unvorstellbar lange zurückliegenden und so erkalteten „Explosion“.

Kurzum: Ich hätte mir eine so modellhafte Darstellung als Jugendlicher im Physikunterricht gewünscht und durch diese auf Anhieb etwas sehr Komplexes besser verstanden.

Klick für Legende und Vollansicht. (Bilder NASA/ESA/S. Beckwith & G. Bacon (STScI) and The HUDF Team / The WMAP Science Team)Ich wurde durch dieses sehr ansprechende, gar nicht so abstrakte Bild angeregt, ein wenig in den Archiven der Weltraumagenturen zu wühlen. Ich kenne mich hier aus, weil ich den Bereich der wissenschaftlichen Fotografie („Science“) der Editionsgalerie Lumas über zwei Jahre betreut habe.

NASA und ESA halten große Bildarchive bereit, die als Nebenprodukte der astrophysischen Forschung jedem zur Betrachtung frei zugänglich sind. An den Bildern arbeiten oft Wissenschaftler und Künstler gemeinsam. Wenn eine der Darstellungen von der rein wissenschaftlichen Fotografie abweicht, wird sie als „artists impression“, Eindruck des Künstlers, gekennzeichnet. Ich denke, die Bildbeispiele sprechen für sich und zeigen eine erstaunliche Nähe zu der doch ganz und gar unwissenschaftlichen Schöpfung von Michael Görmann.

Einer der NASA-Texte zu einem Bild des Hubble Weltraumteleskops beschreibt dieses in amerikanisch-lässiger Art:

„Im bewegten Kontrast zur reichen Ernte an klassischen spiralförmigen und elliptischen Galaxien wird das Bildfeld von einem Zoo exzentrischer Galaxien verschmutzt. Manche sehen wie Zahnstocher aus, andere wie die Glieder eines Armbands. Einige davon scheinen etwas miteinander zu tun zu haben. Diese exzentrischen Galaxien sind die Aufzeichnung einer Periode, als das Universum noch jünger und chaotischer war. Ordnung und Struktur fingen gerade erst an, zu entstehen.“

Michael Görmann zeigt weitere technisch sehr gelungene Arbeiten auf seiner Website und offeriert einige davon bei seen.by zum Kauf. Ich hoffe mit Erfolg, denn sein Wille zum Experiment mit dem Licht macht ihn zu einem außergewöhnlichen Beobachter.

Links zu den Astro-Bildarchiven:

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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