Pferderennen:
Künstlerisch künstlich

Nachträglich mit Photoshop eingefügte Bildeffekte können aus manchem brauchbaren Bild einen Hingucker machen. Als “Dokumentation” darf sowas dann aber nicht mehr deklariert werden.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Matthias Willems).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Matthias Willems).

Kommentar des Fotografen:

Das Bild habe ich auf einer Pferderennbahn in Nordfrankreich aufgenommen. Mir gefielen hier vor allem die Farben und das Licht, welches ich nur minimal korrigiert habe. Den Bewegungsunschärfeeffekt jedoch habe ich nachträglich in Photoshop erstellt, weil ich es versäumt habe die Kamera bei der Aufnahme mitzuziehen. Ich finde dadurch wird das Bild noch dynamischer und spannender. Ich interessiere mich für Sportfotografie und versuche so viele Sportarten wie möglich abzulichten.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Matthias Willems:

Man muss bei diesem Bild hingucken: Die Dynamik ist mitreißend, die Farben im Fokus sind stechend. Und trotzdem bin ich mit der Aufnahme insgesamt so gar nicht einverstanden.

Wie, nicht einverstanden?

Zunächst hast Du es in der Kategorie “Dokumentation” eingereicht, in die es schon von der Anlage her nicht gehört – es dokumentiert viel weniger als dass es ästhetisiert. So, wie Du das Bild präsentierst, ist es eine künstlerische Adaption eines sportlichen Ereignisses.

Als Dokumentation kommt es aber schon allein deswegen nicht in Frage, weil Dokumentarbilder keine Bildmanipulationen jenseits von “Dunkelkammer”-Effekten erlauben, weil sie den Bildinhalt verändern. Seit Bildmanipulation durch die Digitaltechnik so einfach geworden ist, achten journalistische Bildagenturen mit Argusaugen darauf, ihren Ruf nicht anzukratzen.

Ich habe das in einem etwas peinlichen Moment erkannt, als ich hier in der Rubrik “24Stunden” einem Deutschen AP-Fotografen vollkommen ahnungslos unterstellt habe, sein Bild mit einem Tiefenschärfe-Effekt in Photoshop behandelt zu haben. Der Mann hat völlig zu recht eine bitterböse Email geschrieben: Es ist für Newsfotografen ein absolutes Tabu, nach dem Auslösen ihre Aufnahmen zu manipulieren, egal wie. Als gestalterische Elemente kommen lediglich Objektivauswahl und Effekte in Frage, die beim Aufnahmevorgang benutzt werden.

Kürzlich hat AP ein Bild aus einem Privatbestand (die Aufnahme eines Opfers eines Flugzeugabsturzes) zurückgezogen, weil die Agentur im Nachhinein festgestellt hat, dass der Hintergrund des College-Porträts von jemandem digital verwischt worden war. Das hatte zwar auf die Bildaussage keinerlei Einfluss, aber die Agentur hat ihre eisernen Grundsätze, an denen sie festhält – und das ist richtig, denn nur so kann sie glaubwürdig bleiben.

Dir ist selbstverständlich alles erlaubt (fast alles…). Was mir dennoch hier gar nicht gefällt, ist der Umstand, dass das Bild eigentlich fast nur vom Effekt lebt, den Du nachträglich eingefügt hast. Will heißen: Ich kann mir nicht vorstellen, dass mich die Aufnahme im Original besonders interessieren würde. Warum? Weil die Dynamik der Bewegungsunschärfe das Bild überhaupt erst macht. Der Umstand, dass Du das Bild mit einem weiteren Unschärfe-Effekt ohne Bewegung auf Deiner Website veröffentlichst, untermauert die feststellung, dass es Dir mehr um den Photoshop-Effekt als um die Fotografie geht. Daran ist nichts auszusetzen. Ausser, dass es sich eben nicht um Dokumentation und auch nicht um Sportfotografie handelt.

Denn die Ursprungsaufnahme ist es ein korrekt belichteter, aber nicht sehr gut komponierter Schnappschuss mit angeschnittenen Pferden, einem schrägen Horizont und viel zu viel, für die Bildaussage völlig irrelevantem, Himmel. Das sind Fehler, die bei einem “Mitziehen-Bild” teilweise verzeihlich wirken, weil dafür der zentrale Effekt gelungen sein muss und es schon beim Mitziehen eine Kunst für sich ist, den Fokus zu wahren und zugleich einen schönen Wischeffekt hinzukriegen.

Was Du hier also eigentlich tust, ist mit digitalen Hilfsmitteln eine fotografische Technik im nachhinein zu simulieren. Ich mag da einen puristischen Ansatz haben, aber ich sage, davon sollte man die Finger lassen. Die Software erlaubt uns heute großartige Dinge mit Fotos anzustellen, die das Spektrum der künstlerischen Freiheit erweitern und deswegen begrüssenswert sind. Aber damit das “Kunsthandwerk” der Aufnahmetechnik zu ersetzen oder zu umgehen, ist schon fast unlauter; es wird dir als Hochstapelei ausgelegt werden und trägt nicht zu Deinem Ruf bei. Außer, Du machst die Manipulation transparent und zu deinem Markenzeichen. Aber eine wilde Mischung aus guter Fotografie und raffinierten Manipulationen ist eine heikle Gratwanderung.

Grade, wenn Du Dich für Sportfotografie interessierst, solltest Du versuchen, die Techniken vor Ort, am Motiv und an der Sportart zu erproben und zu lernen, wie Du die Dynamik des Sports abbildest. Hier hast Du selber gesehen, dass ein Mitziehen bei schnellen, bewegungsintensiven Sportarten tolle Effekte ergibt. Also versuch, zuerst diese Technik – nicht in Photoshop, sondern auf dem Feld draußen – zu einer gewissen Perfektion zu bringen und dann mit möglichst ausdrucksstarken Kompositionen weiter aufzuwerten.

Wenn Du allerdings ernsthafter planst, in diese Richtung zu arbeiten und Dokumentation oder Bildjournalismus betreiben willst, dann lass zumindest bei den entsprechenden Bildern die Finger von allen Effekten in Photoshop, die nicht nur Standardmöglichkeiten aus der Dunkelkammer ersetzen.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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Ein Kommentar

  1. Zunächst mal vielen Dank für die ausführliche Kritik.

    Die Kategorie “Dokumentation” war ein Fehler meinerseits. Dadurch ist jetzt der falsche Eindruck entstanden, dass ich dauernd Bilder zu meinen Gunsten manipuliere. In diesem Fall ist das Bild eher, wie in der Kritik vermerkt, die bewusste künstlerische Interpretation einer Sportart.
    Vielleicht liegt es daran das ich viel (zuviel?) mit Photoshop arbeite.
    Dennoch hilft mir die Kritik sehr weiter. Beim nächsten Mal wird es dann hoffentlich von Anfang an (vor Ort) korrekt sein.

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