Pseudo-Modellfoto:
Smallgantischer Schlepper

Manche Bildmanipulationen spielen mit unserem gewohnten Sehen: Eine extrem niedrige Schärfentiefe bewirkt “Modell”-Eindruck – ganz einfach, weil solche Effekte bisher nur mit Makro- oder Tilt/Shift-Objektiven möglich waren.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Stefan K).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Stefan K).

Peter Sennhauser meint zum Bild von Stefan K.:

Ein spannendes Hafen-Bild mit gut gewähltem Hintergrund für den Effekt, den Du darauf angewandt hast: Fake Miniature, Pseudo-Modell oder “Smallgantics” heisst die Bildbearbeitungs-Technik unter anderem, die aus “normalen” Fotos scheinbar Modellfotos macht. Ich komme weiter unten auf die Anwendung zurück.

Zunächst eine Bitte: Es ist nicht ganz fair und auch für Euch nicht hilfreich, wenn Ihr uns manipulierte Bilder ohne entsprechenden Hinweis zukommen lasst. Eine Beschreibung der Bildabsicht erhöht ausserdem den Nutzen der Kritik und macht den Kritikern den Einstieg leichter.

Nun zu diesem Smallgantics-Bild: Der Effekt wirkt hier in Deinem Bild aus zwei Gründen besonders stark:

  • Erstens hat die Miniaturisierung von Wasser die Trickexperten Hollywoods jahrzentelang vor unlösbare Rätsel gestellt und uns köstlich künstlich wirkende Katastrophenfilme beschert. Die Viskosität von Wasser lässt sich nämlich kaum verringern, die Oberflächenspannung und damit die Tropfengrösse lässt sich nur in engen Grenzen verkleinern, und das wirkt am Modell sofort unrealistisch. Hier allerdings wirken Bug- und Heckwelle des Schleppers realistisch, weil sie eben auch real sind.
  • Zweitens handelt es sich bei der Aufnahme auch ohne den Effekt um ein sehr gelungenes Bild, denn das Abendlicht fällt in fantastisch flachem Winkel aus der zweifellos grade untergehenden Sonne auf Boot und Hafenkräne, die dem kleinen Gefährt als gigantische Bühnenstatisten einen grossen Auftritt verschaffen.

Harrowdownhill fields (GNU/CC-Lizenz)

Harrowdownhill fields (GNU/CC-Lizenz)

Harrowdownhill factory smallgantics-Beispielbild, (GNU/CC-Lizenz)

Harrowdownhill factory smallgantics-Beispielbild, (GNU/CC-Lizenz)

Grade unter Jungen Digitalfotografen, die auf “coole” Effekte aus sind, ist der “Fake Tilt/Shift”-Effekt sehr beliebt. Tatsächlich ist es faszinierend, wie sehr uns etwas in seinen Bann zieht, nur weil es wie eine detaillierte Verkleinerung aussieht. Generationen von Modelleisenbahnern können ein Lied davon singen.

Dabei machen wir uns selbst etwas vor bei diesen Aufnahmen. Wir sind sie nämlich ganz einfach nicht gewohnt, weil weder das menschliche Auge noch eine künstliche Linse diese extrem geringe Schärfentiefe auf solche Distanzen erlaubt.

Wenn man also in einem beliebigen Bildbearbeitungs-Programm den Hintergrund und den Vordergrund unscharf maskiert, entsteht der Modell-Eindruck. Je sauberer dabei der Verlauf der Unschärfe entlang realen Distanzgrenzen vom Fotografenstandpunkt verläuft, desto “besser” wirkt die Täuschung.

Klick für Legende und Vollansicht. (Bilder smallgantics GNU/CC)

Klick für Legende und Vollansicht. (Bilder smallgantics GNU/CC)


In Photoshop zum Beispiel kann man das ganz leicht erreichen, indem man ein halbes Dutzend Ebenenkopien des Bildes übereinander legt, sie absteigend schwächer unscharf markiert, dabei jeweils konzentrisch zum gewünschten Motiv ein “Loch” entlang der nächsten Distanzstufe in die Ebene löscht und zum Schluss alle Ebenen mit weichen Kanten kombiniert. Inzwischen gibt es für dieses Vorgehen, eigene Filter und Online-Dienste wie Tilt-Shift Maker, die solche Effekte auf Mausklick generieren.

Ich bin der Ansicht, dass sie besser herauskommen, wenn man sie von Hand macht, weil die Distanzen im Bild für eine Software nur an der bereits vorhandenen Unschärfe erkennbar sind – wer also ein mit Blende 18 aufgenommenes Bild miniaturisieren will, zieht die Distanzgrenzen in den Masken am besten von Hand. Du erkennst das hier auch an Deinem Bild, das gemäß Deiner Website mit Tilt-Schift-Maker erstellt wurde: Die Vordergrund-Unschärfe ist zu gleichmäßig und reicht zu dicht an den Schlepper heran; Dein Bild ist mit Blende 18 bei einer Brennweite von 55mm im Original zweifellos durchgehend scharf.

Wenn man die Schärfenebene ausserdem auch noch zur Bildebene kippt, entsteht ein Tilt/Shift oder Anti-Scheimpflug-Effekt, der mit Fachkameras oder speziellen Objektiven auch auf Kleinbildkameras erzeugt werden kann: Dabei steht die Eben gleicher Schärfentiefe nicht parallel zur Filmebene. Das hat allerdings mit dem Miniaturisierungs-Effekt nur am Rande zu tun, weshalb ich die Bezeichnung “Fake Tilt/Shift” für die Verminderung der Schärfentiefe für verfehlt halte (lass mich diesbezüglich in der Kommentarspalte oder per mail gerne belehren).

Warum aber glauben wir (noch), bei all diesen Bildern eine Miniatur zu sehen? Weil Kameras bisher unserem Auge nachempfunden waren und weil sich die physikalischen Gesetze der Schärfentiefe entlang einiger Kennzahlen bewegen, die den Bau einer Kamera mit derartigem Effekt auf so grosse Distanzen erschweren oder verunmöglichen.

Es ist gewissermassen die Umkehrung der Verhältnisse, die (leider) dafür sorgen, dass Kompaktkameras auch bei grossen Blenden mehr Schärfentiefe liefern – was so eigentlich nicht stimmt: sie liefern mehr Schärfentiefe bei gleicher Fokusdistanz und Brennweite als ihre grösseren Schwestern. Stark vereinfacht gesagt, kann man mit einer kompakten die gleichen Schärfentiefeneffekte erzeugen wie mit einer SLR – aber bei entsprechend kürzeren Fokusdistanzen. Denn die Schärfentiefe hängt von Blende, (Brennweite), Fokusdistanz und Zerstreuungskreisdurchmesser ab.

Letzteres ist praktisch die “Punktgrösse” auf dem Film oder Sensor. Je kleiner diese Punkte und damit das Abbildungsmedium (Film, Sensor), desto grösser wird die Schärfentiefe – auch dann, wenn die Blende und der Fokusabstand gleich bleiben. Kleinere Sensoren mit hoher Auflösung – der aktuelle Trend bei den Kompakten – verringern also die Distanzen, bei denen die Schärfentiefeneffekte auftreten. Mit der Miniaturisierung der Sensoren wird auch der Schärfentiefeneffekt mitminiaturisiert.

Um also einen Modelleffekt ähnlich dem hier gezeigten in der realen Welt zu erzeugen, bräuchte man eine Kamera mit einem Leintuch von Film hintendran und entsprechend gigantischem Objektiv sowie Blende (ich hoffe nur, ich hab hier keinen Denkfehler drin – wer’s besser weiss, bitte schonend korrigieren). Für Tilt/Shift-Effekte hingegen gibts Fachkameras und PC-Spezialobjektive für Kleinbildkameras (Perspective Control).

Persönlich plädiere ich für einen sparsamen Gebrauch des künstlichen Modell- wie auch anderer PS-Effekte, weil er sich mit der Häufigkeit des Auftretens abzunutzen droht. Ich finde solche Effekte eine nette Spielerei, die uns einiges über unser Sehen beibringen kann, aber keinen nachhaltigen künstlerischen Ausdruck liefern. Da ist das Umgekehrte wie in Frank Kuhnerts Modellwelten eher eine Idee, sich ein Profil zu verschaffen…

Außerdem ist Vorsicht angebracht, weil mit sehr hochwertigem Material, namentlich extrem lichtstarken Teleobjektiven, durchaus Aufnahmen in der Realwelt gemacht werden können, die nahe an den Miniatureffekt herankommen, wie diese hier, bei der ich naiver- (und für den Fotografen sehr ärgerlicherweise) einen Eingriff in Photoshop unterstellt habe.

Merke: Nicht alles, was wie Photoshop aussieht, ist Photoshop – und nicht alles, was in Photoshop möglich ist, dient dem fotografischen Ausdruck.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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9 Kommentare

  1. Super Artikel! Wahnsinn was ein wenig Unschärfe im Vorder- und Hintergrund für Effekte auslöst. In diesem Zusammenhang habe ich das Spiel mit der Schärfentiefe noch gar nie betrachtet.

    Der Ansatz mit dem leinwandtuchgrossen Sensor und den riesigen Objektiven macht Sinn. Schon bei Mittelformat steht bei gleicher Blende weniger Schärfentiefe zur Verfügung.

    Gratulation nochmals zum Bild und dem Arikel :)

  2. Danke! tilt/shift fasziniert mich schon lange, aber ich habe erst dank diesem Text wirklich begriffen, warum. Gut erklärt und gut abgehakt. Jetzt kann ich noch eine Weile darüber nachdenken, ob es nicht vielleicht doch einen (künstlerisch) relevanten Grund geben könnte, die Technik anzuwenden. Vielleicht um metaphorisch Grössenunterschiede und Wirkungen ins Bild zu rücken (kleine Ursache, grosse Wirkung, vielleicht den ersten kleinen Brandherd eines Buschfeuers o.ä.?)

  3. Ich hoffe nur, ich habe auch verdeutlicht, dass die Miniaturisierung eben fast gar nichts mit Tilt/Shift zu tun hat.

  4. Ein Beispiel (ob es gefaellt oder nicht) was man sonst noch mit diesem Effekt anfangen kann:
    http://vimeo.com/1785993

  5. Moin Peter,
    vielen Dank für die gute Kritik und dem ausführlichen Artikel über mein Foto. Ich werde bestimmt wieder mal Eins zur Besprechung uploaden. Hat mir sehr weitergeholfen. Macht weiter so!!

    Viele Grüße
    Stefan

  6. vielleicht noch eine kleine anmerkung: der modell effekt wird noch besser, wenn die farbsättigung und der kontrast erhöht werden – dadurch wirken die gegenstände auch noch wie künstlich angemalt…

  7. Hm, ins Grübeln komme ich aktuell bei dem Folgenden:

    http://schreibenfuergeld.…iner-modelleisenbahn

    Das ist nicht übertrieben getitlt-shifted wie hier, schaut ganz natürlich aus. Und wirklich wie ein Modell. Außerdem ist es eben nicht bis hinten scharf, und diese Position von oben und ohne Himmel ist auch eindeutig. Und dann die tatsächlich fehlenden Stromleitungen.

    Trotzdem habe ich irgendwie das Gefühl, an den Bildern ist was gebastelt…zuerst dachte ich eben an sowas wie hier.

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  1. [...] auf die einige digitale Verfahren wie etwa die Pseudo-Modell-Technik aufbauen, werden anschaulich beschrieben (Veränderung der Raumwirkung mit Hilfe einer [...]

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