Elyse Butler:
Geschichten vom Rand

Peter Sennhauser, 13. April 2009 11:30 Uhr, 3 Kommentare Kommentare

Die amerikanische Fotojournalistin Elyse Butler erzählt visuelle Geschichten vom Rand der Gesellschaft. Die Pornoindustrie schockiert dabei weniger als die Partykultur der Teenager. Und vielleicht, deuten die Bildserien an, besteht ja ein Zusammenhang.


Extreme am Rand der eigenen Hemmschwelle haben die Menschen immer fasziniert. So gesehen, ist die erste grosse Dokumentararbeit der amerikanischen Bildjournalistin Elyse Butler über die Pornoindustrie die Kriegsberichterstattung von der Front der modernen Überflussgesellschaft.

Sex sells, heisst zwar der alte Medienspruch – aber die Bildserie, in die Butler rund ein Jahr investieren musste, ist bisher nur ein einziges Mal publiziert worden. Es ist eben nicht Sex und schon gar nicht Erotik, was “Sexual Tension” zeigt.

Was mich allerdings an einer Präsentation der Fotografin hier in San Francisco fasziniert hat, ist die Steigerung der Bildkraft und der schleichenden Zweifel an den Werten der Gesellschaft, die Butler in den beiden Folgeprojekten zu wecken vermag: Einer Bildserie über “Debütantinnen” und einem Dokumentarprojekt über die Sommerparties junger Leute in Südkalifornien. Vermeintlich näher am Leben des Publikums als die sachlich-explizite Pornoproduktion, entpuppen sich beide Themen durch die Einblicke der Fotografin als weit schockierender, weil sich versteckte Abgründe auftun, wo in der Pornoindustrie nichts mehr ausser Leere und Alltag zu finden ist.


In “Sexual Tension” zeigt Elyse Butler in wenig pornographischen Bildern einen Pornodreh in Kalifornien. Es ist der langweilige, abgenutzte und versiffte Alltag einer Randindustrie Hollywoods. In Butlers Bildern spiegelt sich der Kontrast von professionell-abgenutzter Freizügigkeit und einer versteckten Emotionalität, die sich nirgends mit den Erwartungen des Betrachters deckt: Die totale Erschöpfung eines Darstellers nach vier Stunden Koitus-Dreh; die tiefe Verzweiflung und persönliche Demütigung eines andern über sein physisches Versagen, die Angst einer fremdsprachigen Darstellerin um ihren Job, welche die Crew gestenreich um Verzeihung für ihre Missverständnisse anfleht.


In “Debutants” zeigt Butler die Welt einer Gruppe sechzehnjähriger junger Frauen, die als “Debütantinnen” mit Wohltätigkeitsbällen und serienweisen Auftritten “in die Gesellschaft eingeführt” werden. Die Bilder von den Auftritten, die Elyse zeigt, wirken seltsam abgehoben, künstlich und vollkommen losgelöst vom wahren Wesen dieser Highschool-Abgängerinnen, die sich ein Jahr lang an mehreren Wochenenden unter den weissen Ballkleidern und dem Makeup verstecken, das sie nur teilweise zum eigenen Vergnügen, gemäss der ausführlichen Bildlegenden der Fotojournalistin aber vielfach auf Wunsch der Eltern im sozialen Bedeutungszirkus tragen.


In der Trilogie am eindringlichsten aber ist Elyse Butlers noch unfertige Serie über das Freizeit- und Partyleben der gleichen jungen Frauen und ihrer Freunde: Aufgezogen in einer ähnlichen Scheinwelt die derjenigen der Debutantinnen spielen die Kids mit einer Serie von Tabubrüchen und geraten in einen Taumel von intimitätsfreier Grenzüberschreitung, die jener der Pornoindustrie verblüffend ähnlich ist: Im Doppelstöckigen Partybus, den die Eltern für einen ganzen Sommer für ihre Kids gemietet haben, verlieren sich die Teenager in Sex- und Sauforgien ohne persönliche Abgrenzung und von einer Selbstverständlichkeit, die für Abenteuer oder Romantik keinen Platz mehr lässt.

Elyse Butler, selber erst 24 (sie hat 2006 am Brooks Institute of Photography einen Bachelor of Art erworben), zeigte sich persönlich von den Erfahrungen im Partybus der Kids weit stärker betroffen als von ihren Erfahrungen mit der Pornoindustrie. “Das sind teilweise die gleichen Mädchen, die auf den Debutantenbällen auftreten”, erklärte sie auf Nachfrage aus dem Publikum. Ihre Bilder zeigen in heftigen Sexspielen mitten unter den ausgelassenen Kids vertiefte Pärchen – “dabei haben diese zwei sich erst an diesem Abend kennengelernt.”

“Diese Geschichte muss erzählt werden”, sagt die Fotojournalistin, die unter anderem von der National Press Photographers Association ausgezeichnet worden ist. Aber weil erstens die Eltern der Kids von dem wilden Treiben nichts wissen oder nichts wissen wollen und weil sie für eine Veröffentlichung Model-Releases der Teenager und ihrere Eltern haben müsste, ist das Schicksal des Projekts noch ungewiss. Für fokussiert.com hat Butler einige Bilder aus der Jugendserie ausgesucht, die ohne erkennbare Akteure einen Einblick erlauben.

Die Pornogeschichte dagegen, journalistisch kaum weniger relevant und vielleicht sogar mit der aktuellen Jugendkultur verknüpfbar, ist auch erst einmal publiziert worden: Vom “Esquire” – der türkischen Ausgabe.


Elyse zeigt auf ihrere Website weitere Fotoreportagen – eindrücklich die Schwarz/Weiss-Arbeit über den Besuchsraum eines Amerikanischen Gefängnisses und eine Farbserie über die Alligator-lederindustrie in Florida.

Elyse Butlers Fotos sind unter anderem in der New York Times, der Sunday Times (London), East West, Empty, Financial Times UK, im “Stern”, im “Figaro” und andern Publikationen erschienen.

Elyse Butler lebt in San Diego. Ihr Fotoblog zeigt eine leichtere, unbeschwerte und persönliche Fotografie, die immer wieder einen Blick wert ist.

Elyse Butler, Pressefotografin: Website

Elyse Butlers Photoblog

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3 Kommentare

  1. Corinne ZS
    schrieb am 13. April 2009 um 22:40 Uhr (#)

    Selbes Thema bereits seit 1998 eindrücklich dokumentiert, ausgestellt und 2004 zwischen Buchdeckeln publiziert: Larry Sultan, The Valley.

  2. venix
    schrieb am 15. April 2009 um 16:08 Uhr (#)

    Bei der Erotikindustrie steht Japan aber nach wie vor am 1. Platz der Welt,oder? Rücken die Amerikaner schon vor?

  3. felix
    schrieb am 19. März 2010 um 08:50 Uhr (#)

    Puh, das sind mal beeindruckende Bilder! Respekt!!!

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