Die Rückeroberung:
Moderne Ruinenlandschaft

Verfallende Gebäude bieten reiche Motivlandschaften, weil die Ansichten schon inhaltlich spektakulär sind. Die bildhafte Groteske bietet Material für spannende Bildserien.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Florian Sprenger).

Kommentar des Fotografen:

Dieses Bild habe ich im Josef-Afritsch-Heim in Wien aufgenommen, einem verlassenen und verfallenen Kinderheim. Das Abendlicht fiel passend durch die großen Fenster und hüllte die zahlreichen spannenden Gegenstände in fotogenes Licht. Bearbeitet mit Lightroom, indem ich sowohl Aufhellicht als auch Schwarz hochgesetzt habe, was den leichten HDR-Effekt gibt – es ist aber kein HDR.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Florian Sprenger:

Wie ästhetisch, aufregend und spannend Zerfall doch sein kann. Ebenso wie spektakuläre Landschaftsbilder bieten uns Ansichten aus Hausruinen eine wunderbare Mischung aus spektakulärem (weil ungewohntem) Inhalt und oft spannenden Lichteffekten.

Dir ist hier ein tolles Bild mit mehreren Aspekten gelungen.

Zunächst sorgt der Fensterbogen, den Du im Weitwinkel als Führungselement in den Bildhintergrund komponiert hast, für eine eindeutige Blickführung. Dann ist das von draussen einfallende Gegenlicht und die Überstrahlung der Aussenwelt durch die verschmutzten Scheiben ein hervorregends Mittel, um die Abgrenzung von „drinnen“ und „draussen“ zu verstärken.

Und dann entdeckt die Betrachterin beim herumstreifen im Raum, dass diese Trennung eben so strikt gar nicht mehr ist, dass die Natur von draussen längst eingedrungen ist und den Raum wieder für sich zu beanspruchen beginnt – das Moos am Boden, die wie Stalaktiten von der Decke hängenden Stahlelemente vermischen den Eindruck eines grossen Speisesaals plötzlich mit dem einer Höhle.

Zu guter letzt bieten die zurückgelassenen Gegenstände – ein Sofa mitten im Raum, ein bunter Kindersessel und vor allem der grotesk anmutende, offene Regenschirm – Anknüpfungspunkte für die Phantasie, für Geschichten darüber, wie sie hierhergelangt sind und warum sie ihre Besitzer zurückgelassen haben.

Trotzdem kommt dieses Bild als Einzelaufnahme ein bisschen zu wuchtig und aus dem Kontext gerissen daher. Ich sehe es als Teil einer Bildreportage, die sich entlang eines Themas durch die Ruinen bewegen müsste – das Eindringen der Natur in die Bauten zum Beispiel, oder eben die Geschichten der zurückgelassenen Gegenstände, die noch nicht einmal eindeutig zum einstigen Zweck des gebäudes passen.

Das heisst nicht, dass die übrigen Aspekte des Bildes weggelasen werden müssten, sondern eher, dass Du einen roten Faden durch eine Reihe von Ruinenbildern ziehen könntest, der aber in jeder Aufnahme, in jedem Raum von anderen Teilaspekten ergänzt würde.

Was die technische Umsetzung angeht, könnte ich mir vorstellen, dass Du noch vor der Bearbeitung in Lightroom (Aufhelllicht finde ich fast schon ein Tabu) mit der Belichtung mehr hättest machen können. Namentlich der Vordergrund säuft noch immer zu sehr ab, hier wünschte ich mir, mehr sehen zu können; zugleich ist umgekehrt das einfallende Licht ein wunderbarer Scheinwerfer auf das Moos im Raum und sollte eher mit mehr Kontrast betont werden. Denkbar wäre eine ganz leichte, indirekte Blitzausleuchtung des Vordergrunds; oder aber Du hättest hier eine HDR-Aufnahme probieren können, mit entsprechend grosser Zurückhaltung beim Tonmapping, um die wunderbare Stimmung nicht zu stören.

In der Komposition habe ich eigentlich nur ein Problem mit dem abgeschnitten aus dem Bildrand ragenden Sofa – und ein wenig mit dem durch den Weitwinkel verzerrten Regenschirm. Bis zu einem gewissen Grad wäre hier ja vielleicht ein „schiebender“ Eingriff erlaubt, um wenigstens den Schirm aus dem schlimmsten Zerrwinkel rauszukriegen.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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6 Antworten
  1. Pascal Reis says:

    Hallo Florian

    Sehr interessantes Bild, absolut tolle Location! Ich bin in ein paar Wochen selbst in Wien, kannst du mir beschreiben wo das ist? Da möchte ich umbedingt auch hin! :)

    Gruss
    Pascal

    Antworten
  2. Florian Sprenger says:

    Vielen Dank für die Kritik, die Kommentare und die Veröffentlichung! Plötzlich sehe ich Dinge in diesem Foto, die mir vorher gar nicht bewusst waren.

    Das Bild ist in der Tat Teil einer kleinen, aber noch unausgereiften Serie (http://www.flickr.com/photos/farbwahl/sets/72157616506634733/). Leider hatte ich wenig Zeit und war ziemlich überwältigt von der Unmenge an Gegenständen, die dort herumliegen. Vielleicht fahre ich noch einmal hin, um mich mehr einzulassen – das mit einer thematischen Zusammenführung ist auf jeden Fall eine umsetzenswerte Idee!

    Die Dinge etwas zu bewegen, um sie passender anzuordnen wäre bestimmt ein gutes – wenn auch ziemlich dreckiges – Vorgehen gewesen.

    Vielen Dank!!!

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Trackbacks & Pingbacks

  1. […] weiss nicht, wo Ihr immer alle diese verlassenen Sanatorien findet – aber vielleicht schaue ich mich auch nicht ausreichend um oder lasse mich von […]

  2. […] des Fotografen: Florian Sprengers Bild war die Grundlage für dieses Shooting. Nach seiner Bildbesprechung hier bei fokussiert war er so […]

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