Spontanporträt:
Junges Gesicht

Es ist kein Problem, auf einem Foto langweiliges Licht zu haben, wenn das Motiv spektakulär ist. Auch ein langweiliges Motiv kann durch gute Lichtführung seinen Reiz haben. Aber wenn Licht und Motiv nicht reizen, fehlt etwas.

Kommentar des Fotografen:

Spontane Aufnahme, entstanden während eines gemeinsamen Frühstücks

Profi Robert Kneschke meint zum Bild von Hans Niemietz:

In die Kategorie der weder in Sachen Licht noch Spannung des Motivs auffallenden Bilder fällt leider auch dieses Kinderportrait. Das Tageslicht fällt weich von links und wird rechts – vielleicht durch helle Wände – nochmals aufgehellt. Nicht schlecht, aber auch nicht spektakulär.

Der Junge hängt über einer Stuhllehne und schaut in die Kamera.

Aber wie? Lachend? Neugierig? Erstaunt?

Es ist nicht zu erkennen. Dabei sollte das Foto spontan sein. So einem spontanen Schnappschuss verzeiht man vieles, sogar grobe technische Mängel – wenn es denn wirklich notwendig ist, schnell ohne Vorbereitung abdrücken zu müssen, weil das Motiv sonst verschwindet und nicht mehr wiederholt werden kann.

Zum Beispiel das berühmte Foto von Henri Cartier Bresson, bei dem ein Mann über eine Pfütze springt.

Dieses Foto qualifiziert sich demnach nicht zu einem guten Schnappschuss, weil der Junge so eine Weile posieren kann. Wenn das schon der Fall ist, hätte der Fotograf das Bild schon dadurch verbessern können, wenn er die beiden Bilder im Hintergrund kurz abgenommen oder gleich einen anderen Hintergrund gewählt hätte.

Trotz der geringen Tiefenschärfe sind so zwei dunkle Kleckse neben den Augen zu erkennen, die sofort die Blicke an sich reißen. Bei einem gelungenen Portrait kann der Betrachter auf den Augen des Fotografierten verweilen.

Für das Familienalbum ist das Foto ausreichend und gelungen. Für eine Ausstellung reicht es noch lange nicht.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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