Yellowstone:
Motivwechsel

Landschafts-Stilleben sind schwieriger zu gestalten als dramatisches Natur-Spektakel. Tiefe im Bild ist aber schon die halbe Miete.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Immo Lackschewitz).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Immo Lackschewitz).

Kommentar des Fotografen:

Lamare Valley, Yellowstone NP, September 2008. Ich hatte auf Wölfe gewartet, es kamen aber keine. So erschloss sich mir mehr und mehr das Land mit seiner überaus kargen, beeindruckenden Schönheit. Die vereinzelte Pappel und das Bergland im Hintergrund sind recht typisch für diesen Landstrich. An diesem Bild kam ich einfach nicht vorbei. Grafische Strukturen des mit 200mm gerafften Landes waren hilfreich. Konica Minolta Dimage A2, M-Modus, Bl.11, 1/30 sec

Peter Sennhauser meint zum Bild von Immo Lackschewitz:

Ein schönes Beispiel dafür, dass Landschaftsfotografie nicht unbedingt auf dramatisches Gewölk, einen Baumstrunk im Vordergrund und majestätische Berge im Hintergrund angewiesen ist:

Reduktion kann auch im Freien ein Gewinn sein.

Wesentlich ist dabei, dass der Raum spürbar wird – und grade das ist bei schlichten Landschafts-Stilleben und vor allem bei Tele-Aufnahmen nicht einfach zu bewerkstelligen, weil das “Fernrohrobjektiv” die Tiefe zusammenzieht.

Hier sind aber die Distanz zu den Bäumen und der Abstand zum Waldrand im Hintergrund dennoch erkenn- und gefühlsmässig erfassbar. Es sind subtile Details, welche die Aufteilung der Distanz ermöglichen: Die Horizontalen Linien in der Steppe und der Dunst, der zwischen Baum und Wald von der Sonne zu einem Milchschleier verwandelt wird.

Bei letzterem bin ich mir nicht ganz schlüssig, ob er dem Bild dient oder ihm nicht eher Schaden zufügt. Ich habe in einer Version, ind er ich generell den Kontrast und die Sättigung leicht erhöht und den Ausschnitt verkleinert habe, versucht, den Dunst durch eine partielle Kontraststeigerung loszuwerden.

Angepasst.

Angepasst.

Was die Komposition angeht, ist für meinen geschmack der Baum einen Tick zu weit rechts. Vor allem aber bist Du der “Splithorizont-Tendenz” erlegen: Die Trennlinie von Wald und Steppe verläuft fast genau durch die Bildmitte. Das ist meistens eine langweilige, aber eigenartigerweise die uns im Blut sitzende Horizontalaufteilung – ich habe anderswo schon erwähnt, dass ich mich immer wieder dabei ertappe und dann schon fast unter körperlicher Anstrengung entweder mehr Himmel oder mehr Vordergrund ins Bild rücken muss.

In der Regel bewirkt das eine dramatische Verbesserung; hier war es mir nicht möglich, das zu demonstrieren, weil ich ausserdem die Lichtung links oben aus der Komposition weggeschnitten und die Baumgruppe leicht nach links verschoben haben wollte.

Diese Art der Reduktion in der Landschaft kommt meist am besten heraus, wenn man sich überwindet, auch den letzten Schritt noch zu vollziehen.

Frag Dich, was Dich an dem Motiv reizt, und sprich es laut aus. Versuch dabei ehrlich zu sein: Die Baumgruppe ist hier zwar das vermeintliche Motiv, aber ohne die farblichen “Wellen” der Steppe könntest Du sie nicht in ein gutes Bild einbetten. Eigentlich also ist hier die Farbe der Steppe Dein Motiv, und die Baumgruppe übernimmt lediglich die Funktion des Tiefenelements.

Nachdem das erkannt ist, kannst Du anfangen, mit den Farben der Steppe zu experimentieren – und wahrscheinlich kommt dabei noch etwas besseres heraus als dieses sehr angenehme, aber etwas kantenfreie Bild.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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Ein Kommentar

  1. Ein bisschen spät komme ich dazu, Dir für Deine einfühlsame Kritik zu danken. Ich tu’s hiermit und stimme Dir in fast allen Punkten zu, zumal Du sehr nachvollziehbar argumentierst. Das mit dem Split Horizon habe ich im Moment der Aufnahme schon gesehen und daher die Bäume stärker nach rechts gerückt (was mir leider die Lichtung oben links bescherte) und die Kamera so gehalten, dass die braune Linie unterhalb der Bäume etwas mehr betont wird, das Ganze, um vom Problem des Split Horizon visuell bzw. optisch etwas abzulenken.
    Dein Lösungsvorschlag gefällt mir eigentlich recht gut, nur dass mir das Bild jetzt nicht mehr halbiert, sondern ein kleines bisschen zu ebenmäßig gedrittelt scheint.
    Was war mir an diesem Bild wichtig? Ich denke beides, das farblich differenzierte gewellte Land ebenso wie die Bäume. Wie willst Du den Punkt vom Strich trennen, wenn das Ganze ein Ausrufezeichen werden soll?
    Aus Deinen Analysen lerne ich immer etwas, hier zweierlei.
    Erstens: Ein Bild ist oftmals nur das Ergebnis eines leidlich ausgewogenen Kompromisses zwischen Faktoren, die dem Bildaufbau förderlich und solchen, die ihm abträglich sind.
    Und zweitens: Ein schönes Motiv macht noch kein schönes Bild.
    Nochmals Dank, Du regst mich immer wieder an, das zu durchdenken, was ich beim Fotografieren tue.

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