Zurück in die Zukunft:
Der Vietnam-Look

Was hat sich am fotografischen Prozess durch die neue Technik geändert? Betrachtungen anlässlich einer Ausrüstungs-Kleinmesse.

Ein echter Sportfotograf in fast freier Wildbahn
Ein echter Sportfotograf in fast freier Wildbahn
Jedes Jahr lädt mein Fotohändler Calumet zu einer Hausmesse ein, um Fotografen die Möglichkeit zu geben, die digitalen Objekte ihrer Begierde in die Hand zu nehmen. Verschiedene namhafte Marken zeigen, was sie neues gezaubert haben oder seit Jahren schon anbieten. Im Gespräch mit den Vertretern von Nikon und Canon versuchte ich herauszufinden, ob deren Kameras heute etwas können, das mit Film nicht möglich war:

Einstimmig weisen Sie auf die massive Beschleunigung und Perfektionierung der Produktionprozesse hin – kein Labor stiehlt den Kreativen mehr Zeit und Geld. Aber sind die Bilder selbst besser geworden? Ja, meint ein Nikon-Mann: Mit der entsprechend kostspieligen Technik (D3x mit 51 Schärfemessfeldern!) kann man scharfstellen wie nie zuvor, ausserdem mit extrem hoher Empfindlichkeit Aufnahmen fast ohne Rauschen machen. Gut für die Jäger unter den Profis, die Sportfotografen, die auf der Mini-Messe reichlich vertreten waren.

Ob diese Fortschritte neuartige Bilder hervorgebracht haben, weiss man bei Nikon nicht, aber auch auf der kreativen Seite bieten die neuesten Kameras Verbesserungen: Die kamerainterne Umwandlung in Schwarzweiss orientiert sich heute viel stärker an klassischen Film-Vorbildern. Tripple-X-Ästhetik aus einer D-700? Double-X oder Plus-X waren die mittelempfindlichen Filme der Kodak Schwarzweissreihe, Tri-X war je nach Entwicklung zwischen 200 und 3200 ASA empfindlich. Am oberen Rand der Empfindlichkeitsskala wurden Korn und Kontrast gewaltig, bei ca. 400 ASA (in Kodak D-76 1:1 verdünnt entwickelt, mein Standard über Jahrzehnte) entstand das klassische Korn, das Reportage- und Kriegsfotos so authentisch aussehen lässt.

Ich erinnere mich daran, dass ich mit meiner uralten Nikon F (die der Legende des alten Reporters, der sie mir verkauft hat, nach tatsächlich in Vietnam war), ganz anders gearbeitete habe. Ich konnte das Resultat erst später sehen, machte also viele Aufnahmen “auf den Verdacht” hin, dass das Motiv aus verschiedenen Blickwinkeln noch stärker wirken könnte und wählte dann nach einem aufwändigen Prozess der Entwicklung und Kontaktkopie meist viel später die besten Aufnahmen aus. Der kreative Prozess der Aufnahme war so vom Auswahlprozess komplett getrennt. Diese beiden Prozesse finden heute zeitlich oft sehr nah beieinander statt. Entscheidungen, die früher in Ruhe getroffen wurden, sind heute oft der Unruhe des Augenblicks unterworfen.

Die Entscheidung, ob man ein Bild in Schwarzweiss oder Farbe aufnimmt, war zu analogen Zeiten nur möglich, wenn man zwei mit entsprechenden Filmen geladene Kameras mit sich herumtrug. Es war eine physische Entscheidung, die nicht zu revidieren war. Eine gute Digitalkamera bietet zwar auch einen akzeptablen Schwarzweiß-Aufnahmemodus, aber die Umwandlung am Rechner wirkt oft besser.

Am Nikon-Stand begannen wir ein Spiel zu spielen: Der Fachmann wandelte eine kurz zuvor geschossene Aufnahme in der Software DxO Filmpack in Schwarzweiß um und ich musste raten, welchen Film er so darstellen wollte. Ich lag bei sechs von zehn Versuchen richtig und war erstaunt, wie gut die Imitate waren, auch mit zugeschalteten Kontrastfiltern. Diese muss man also auch nicht mehr in Glasausführung dabei haben – ein weiterer Bonus der digitalen Fotografie.

Der Mann von California Sunbounce sonnt sich vor der Tür
Der Mann von California Sunbounce sonnt sich vor der Tür
Entscheidungen werden mehr und mehr unabhängig von physischen Gegebenheiten getroffen, die analoge Fotografie mit zunehmender Perfektion digital imitiert – aber was ist wirklich neu daran? Im Gespräch klingen als echte Innovation noch die hochwertigen Videoaufnahmen an, die man jetzt mit vielen Spiegelreflexkameras machen kann. Eine weitere Option, die zu einer schnellen Entscheidung vor Ort zwingt und sicher den Beruf des Reporters stark verändern wird, wenn er vom Schlachtfeld des Tagesgeschehens noch ein paar sendefähige Videoclips mitbringen soll. Ob diese Verquickung der Medien die Fotografie selbst verändern wird?

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1 Kommentar

  1. Tamer
    schrieb am 22. April 2009 um 18:30 Uhr (#)

    Sehr gelungener Artikel. Regt den eigenen Gedankenfluss und man lernt.

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