Kleiner Arbeiter:
Vertieft ins Quadrat

Ein einfühlsames Schwarz-Weiss-Porträt, das mit Kontrasten und einer nostalgischen Stimmung spielt. Der Quadratschnitt schafft eine schöne Balance – und verletzt sie zugleich mit einer Unachtsamkeit.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Friedhelm Peters).

Kommentar des Fotografen:

Little Worker. Mein Patenkind intensiv beschäftigt mit einer Schraube und einer Mutter. Als ich ihn so sah, war mir klar, dass das ein klasse Motiv für eine SW Aufnahme ist. Ich benutzte das Tamron 70-200 f2,8 an meiner Pentax K 20D mit einer Blende von 4 bei einer Belichtungszeit von 1/200 sec. und bei einer Brennweite von 78 (117) mm nachbearbeitet in PSE 7. Habe das Bild insgesamt etwas weicher gestaltet, um den Kontrast Kindheit und Werkzeug darzustellen. Nun würde es mich sehr interessieren, ob es mir gelungen ist, aus einem wie ich meine tollen Motiv auch ein ordentliches Foto gemacht zu haben.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Friedhelm Peters:

Ganz eindeutig ist es nicht: War Dein Patensohn hier gelangweilt oder sehr vertieft ins Experiment mit der Schraube? Die Frage macht einen guten Teil der Klasse dieses Bildes aus, denn mir als Betrachter lässt die Unklarheit so wenig Ruhe wie das Lächeln der Monalisa:Ich will wissen, was der Kleine denkt und fühlt, und ich suche das Bild nach Indizien für das eine oder das andere ab.

Dabei ergründe ich zuerst den Blick des Kindes, dann folge ich diesem zur Schraube, sehe eine Bewegung, entdecke die Schmieröl-Spur auf dem Handrücken, versuche, aus Hintergrund und Kleidung einen Kontext zu erkennen – und kann mich am Ende eben doch nur auf meine eigene Interpretation verlassen.

Das wirkt für das Bild, denn es zeigt, wie komplex eine vermeintlich einfache Pose wirken kann. Es gibt wenig Zweifel, dass der Junge nicht wusste, dass er fotografiert wird und wenn, dann in einer Atmosphäre, die ihn die Kamera bereits wieder hat vergessen lassen.

Erst bei genauem Hinsehen ist zu erkennen, dass die Schraube in den Händen offenbar mit härterem Kontrast aus dem Bild sticht. Eine Bearbeitung, auf die man aufmerksam gemacht werden muss, darf wohl als gelungen bezeichnet werden.

Bemängeln könnte man das harte Licht von links oben, das Du offenbar mit einer starken Kontrastreduktion aufgeweicht hast. Das verleiht dem Bild zusätzlich zum Motiv und dem Trägerlosen Hemd des Jungen einen Hauch von Nostalgie – aber es reicht nicht, um die harten Grenzen zwischen Licht und Schatten zu verwischen: Der Schlagschatten unter dem Kinn und auf dem linken Arm deutet auf pralle Sonne hin, die Szene scheint im Hinterhof zu sein (Pflanzen im Hintergrund), und das auf den ersten Blick weiche Licht wie bei bewölktem Himmel steht im Widerspruch zu diesem einen, klar abgegrenzten Schlagschatten.

Viel hätte sich dagegen wohl nicht machen lassen – wenn Stimmung, Zeit und Licht es zugelassen hätten, hätte mit einem Bouncer von unten rechts etwas entgegen gewirkt werden können. Eigenartigerweise ist die Härte dieses Schattens die einzige, die auffällt.

Was mich deutlich mehr stört, ist der angeschnittene Arm vorne links. Die Regel ist nicht nur alt und banal, sie ist auch offensichtlich: An- und abgeschnittene Körperteile stören in jedem Bild so unwillkürlich wie aus dem nichts in die Komposition hineinragende Gegenstände.

Viel deutlicher als hier kann man es kaum machen: Der Schnitt am Kopf ist vertretbar und schmerzt auch nicht, weil er eindeutig ein Resultat der Komposition ist – ein Brustbild ist ja auch keine Körperverstümmelung. Aber der abgetrennte Ellbogen, der zieht das Bild extrem nach links unten.

Das ist doppelt schade, weil es erstens großartig in den Quadratschnitt passt und darin zweitens eine wunderbare Balance hat: Der leicht geneigte Kopf, das Gewicht des Jungen auf seinem linken Arm und der dunkle Hintergrund, an den er sich anlehnen kann, und all das im Ying und Yang der „Lichtseite“ des Jungen, die hell und weich und in Bewegungsunschärfe mit der Schraube und der rechten Bildhälfte kontrastiert.

Um Deine Frage zu beantworten: Ich finde es ein sehr gelungenes, einfühlsames Porträt, was den Schnitt am Ellbogen doppelt unachtsam oder gar brutal wirken lässt.

Naja. Das war jetzt wohl leicht übertrieben.

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1 Antwort
  1. Friedhelm Peters says:

    Ein ganz ganz grosses DANKE für die ausführliche Bildanalyse

    Das ich für den abgeschnittenen Ellenbogen „Haue“ bekomme ;-) habe ich mir eigentlich schon vorher gedacht und finde daher deine Worte auch völlig ok

    vg F.P

    Antworten

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