Matt Mallams:
Fundstücke und Collagen

Matt Mallams fotografiert Relikte der Gegenwart, findet Details buchstäblich auf der Strasse und schafft mit Vexierbildern eine vierte Dimension.


Matt Mallams ist unter dem grössten Himmel aufgewachsen, den es gibt – in einem kleinen Kaff in Iowa. Vielleicht ist der junge Fotograf, der heute in San Diego lebt, deswegen so fasziniert vom Großstadtleben. Er betreibt etwas, das man als Fotografische Gegenwarts-Archäologie bezeichnen könnte:Matt sucht auf der Strasse nach den Relikten aus dem Leben der andern, nach Überbleibseln und Hinweisen auf Geschichten, nach Farb- und Formgebilden, die aus der Kreativität anderer Menschen oder ganz einfach ihren ökonomischen Notwendigkeiten entstammen und von der Zeit verändert worden sind. Er fotografiert sie nicht nur, er sammelt sie: In sieben Jahren hat Matt mehr als zwanzig Alben vollgepackt mit Collagen aus Fundstücken vom Gehsteig. Einkaufslisten, Fotos, eine Liebeserklärung auf einem Fresszettel, eine Pendenzenliste.

Zu Beginn seines Vortrags anlässlich der Photonite in San Francisco dachte ich, was für ein Spinner – und dann zeigte Matt einige Aufnahmen seiner Alben, die er akribisch zusammenstellt und seitenweise fotografiert: Jede einzelne ist ein Kunstwerk für sich, zusammengestellt aus dem Leben der andern und den Spuren, die sie hinterlassen haben. (Zu finden auf Matts Website, leider nicht direkt verlinkbar – Menüpunkt “journals”).

Und das sind nur die Fingerübungen.

Matt hat seinen Blick für diese Kleinigkeiten geschult. Inzwischen sieht er all das, über das wir buchstäblich hinweggehen: Kleine Strichmännchen, die jemand in der ganzen Stadt an den Gehsteigen aus einem weißen Material in den Asphalt gepresst hat. Verwitterte Plakate, die durch ständiges Überkleben das Kulturleben einer Stadt repräsentieren wie die Jahrringe eines Baumes und dabei zu einer völlig neuen Ästhetik kommen.

Matt hat angefangen, selber zu den kollektiven Werken beizutragen: er platziert grosse Drucke seiner Bilder irgendwo in der Nachbarschaft, klebt eine Reihe Porträts an einen Beleuchtungsmast und überlässt sie dem Alltag. Einige seiner Bilder sind am ursprünglichen Ort verschwunden und anderswo wieder aufgetaucht.


Auch in seiner Strassenfotografie hat sich Matt inzwischen auf Collagen spezialisert: Vexierbilder aus Spiegelungen und Scheinwelten inmitten der Realität, Blicke durch Schaufenster und via Glasfasssaden auf das “normale Leben”. Mit Low- und Highkey-Bearbeitungen konzentriert er seine Arbeiten auf einen Aspekt, der immer in mindestens zwei überlagerten Bildern besteht, und schafft damit eine neue Dimension. “Wenn sich die Betrachter fragen, was zum Teufel in dem Bild vorgeht, habe ich mein Ziel erreicht”, sagt Matt. Und eins der beeindruckendsten Beispiel für mich war die Aufnahme der Spiegelung einer Frau in einer Glasscheibe, getrübt von etwas, das wie ein Wasserfleck aussieht. Als Matt das Bild in seiner Diaschau präsentiert und dann sagt, dass es eine Zoobesucherin ist, die einen Gorilla betrachtet, ging ein erstaunter Ausruf durch das 50köpfige Publikum: Niemand scheint den Affen zunächst erkannt zu haben. Und kaum haben wir den Hinweis, können wir gar nichts anderes als den Gorilla mehr sehen.

Völlig in den Bann gezogen haben mich Matts verschiedene Ausdrucksformen, weil sie auf “reiner” Fotografie basieren und andere medien nur als Motiv verwenden, zugleich aber einen völlig eigenen Ausdruck gewinnen.

Seine Arbeiten sind unter anderem in Wired, Revolver, FADER und im San Francisco Chronicle erschienen.

Matt ist Mitglied des Fotografen-Kollektivs Aevum, zu dem auch Elyse Butler gehört. Er steht für Assignments zur Verfügung.

Matts Mallams Website

Matt Mallams Blog (sehenswert!)

Matt Mallams bei Aevum

Mehr lesen

Axel Pfennigschmidt: Das Alltägliche ist Schönheit

19.1.2012, 2 KommentareAxel Pfennigschmidt:
Das Alltägliche ist Schönheit

Axel Pfennigschmidt findet seine Bilder draußen in den Straßen: "Das Alltägliche ist Schönheit", so sein Credo.

Hertha Miessner: Digitales Leuchten

28.6.2011, 0 KommentareHertha Miessner:
Digitales Leuchten

Hertha Miessners fotografische Bilder leuchten aus einem dunklen Hintergrund. Es sind digitale Bildcollagen.

Sabine Dorothea Schnell: Ansichten über Städte

16.6.2011, 0 KommentareSabine Dorothea Schnell:
Ansichten über Städte

Stadtlandschaften lösen sich im Ungefähren auf oder werden in Montagen neu erfunden. Sabine Dorothea Schnell stellt gängige Ansichten über Städte in Frage.

Elyse Butler: Geschichten vom Rand

13.4.2009, 3 KommentareElyse Butler:
Geschichten vom Rand

Elyse Butler erzählt visuelle Geschichten vom Rand der Gesellschaft. Der ist nicht immer dort, wo wir ihn vermuten.

Mark Morrisroe: Mythos und Charisma

9.1.2011, 0 KommentareMark Morrisroe:
Mythos und Charisma

Um Mark Morrisroe ranken sich Geschichten, die mehr Mythos sind als Wahrheit. Ein charismatischer Mensch muss er gewesen sein, der früh Verstorbene.

Boris Becker: Der Bildfinder

30.12.2009, 0 KommentareBoris Becker:
Der Bildfinder

Der Kölner Fotograf Boris Becker bezeichnet sich selbst als Bildfinder. Die Bilder liegen sozusagen auf der Straße und warten darauf, fotografiert zu werden.

Fotografisches Können (1/2): Wie gut bin ich als Fotograf?

29.7.2009, 8 KommentareFotografisches Können (1/2):
Wie gut bin ich als Fotograf?

Das eigene Fotografische Können - aufgeteilt in Technik und Ästhetik - einschätzen mit George Barrs Level-System.

Carlo d\'Orta: Spiegelverzerrtes

2.2.2012, 0 KommentareCarlo d'Orta:
Spiegelverzerrtes

Carlo d'Orta interessiert sich für Spiegelungen auf Glasflächen: Spiegelverzerrtes oder -verformtes entsteht daraus; spiegelverkehrt ist es ohnehin.

Spiegelbild: Täuschung durch Sehfehler

1.2.2012, 1 KommentareSpiegelbild:
Täuschung durch Sehfehler

Vermeintliche "Bildfehler" ergeben bisweilen spannende Fotografien. Das kann eine Spiegelung ebenso sein wie ein falsch eingesetztes Objektiv.

Fensterfront mit Fluchtpunkt: Der Sonne entgegen

27.1.2012, 10 KommentareFensterfront mit Fluchtpunkt:
Der Sonne entgegen

Wenn man mit perfekter Symmetrie spielt, muß man diese auch ein-/durchhalten.

Strassenfotografie: Der graue Clown

20.1.2012, 11 KommentareStrassenfotografie:
Der graue Clown

Farbe in Schwarz-Weiss - geht das? Manchmal ist es reizvoll, eindeutig bunte Motive in den Köpfen der Betrachterinnen zu schaffen.

Schnappschuss-Porträt: Tiefe schafft Nähe

18.1.2012, 1 KommentareSchnappschuss-Porträt:
Tiefe schafft Nähe

In der Strassenfotografie empfiehlt sich eine offene Blende nicht nur, weil damit ohne grosses Fummeln an der Kamera kurze Belichtungszeiten ermöglicht werden.

Naturfoto: Auf den Hund gekommen

29.11.2011, 1 KommentareNaturfoto:
Auf den Hund gekommen

Schnappschussbereitschaft zahlt sich grade in Städten immer wieder aus.

Pingbacks

Pingbacks anzeigen...

Diesen Artikel kommentieren

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.