Matt Mallams:
Fundstücke und Collagen

Peter Sennhauser, 26. April 2009 22:35 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Matt Mallams fotografiert Relikte der Gegenwart, findet Details buchstäblich auf der Strasse und schafft mit Vexierbildern eine vierte Dimension.


Matt Mallams ist unter dem grössten Himmel aufgewachsen, den es gibt – in einem kleinen Kaff in Iowa. Vielleicht ist der junge Fotograf, der heute in San Diego lebt, deswegen so fasziniert vom Großstadtleben. Er betreibt etwas, das man als Fotografische Gegenwarts-Archäologie bezeichnen könnte:Matt sucht auf der Strasse nach den Relikten aus dem Leben der andern, nach Überbleibseln und Hinweisen auf Geschichten, nach Farb- und Formgebilden, die aus der Kreativität anderer Menschen oder ganz einfach ihren ökonomischen Notwendigkeiten entstammen und von der Zeit verändert worden sind. Er fotografiert sie nicht nur, er sammelt sie: In sieben Jahren hat Matt mehr als zwanzig Alben vollgepackt mit Collagen aus Fundstücken vom Gehsteig. Einkaufslisten, Fotos, eine Liebeserklärung auf einem Fresszettel, eine Pendenzenliste.

Zu Beginn seines Vortrags anlässlich der Photonite in San Francisco dachte ich, was für ein Spinner – und dann zeigte Matt einige Aufnahmen seiner Alben, die er akribisch zusammenstellt und seitenweise fotografiert: Jede einzelne ist ein Kunstwerk für sich, zusammengestellt aus dem Leben der andern und den Spuren, die sie hinterlassen haben. (Zu finden auf Matts Website, leider nicht direkt verlinkbar – Menüpunkt “journals”).

Und das sind nur die Fingerübungen.

Matt hat seinen Blick für diese Kleinigkeiten geschult. Inzwischen sieht er all das, über das wir buchstäblich hinweggehen: Kleine Strichmännchen, die jemand in der ganzen Stadt an den Gehsteigen aus einem weißen Material in den Asphalt gepresst hat. Verwitterte Plakate, die durch ständiges Überkleben das Kulturleben einer Stadt repräsentieren wie die Jahrringe eines Baumes und dabei zu einer völlig neuen Ästhetik kommen.

Matt hat angefangen, selber zu den kollektiven Werken beizutragen: er platziert grosse Drucke seiner Bilder irgendwo in der Nachbarschaft, klebt eine Reihe Porträts an einen Beleuchtungsmast und überlässt sie dem Alltag. Einige seiner Bilder sind am ursprünglichen Ort verschwunden und anderswo wieder aufgetaucht.


Auch in seiner Strassenfotografie hat sich Matt inzwischen auf Collagen spezialisert: Vexierbilder aus Spiegelungen und Scheinwelten inmitten der Realität, Blicke durch Schaufenster und via Glasfasssaden auf das “normale Leben”. Mit Low- und Highkey-Bearbeitungen konzentriert er seine Arbeiten auf einen Aspekt, der immer in mindestens zwei überlagerten Bildern besteht, und schafft damit eine neue Dimension. “Wenn sich die Betrachter fragen, was zum Teufel in dem Bild vorgeht, habe ich mein Ziel erreicht”, sagt Matt. Und eins der beeindruckendsten Beispiel für mich war die Aufnahme der Spiegelung einer Frau in einer Glasscheibe, getrübt von etwas, das wie ein Wasserfleck aussieht. Als Matt das Bild in seiner Diaschau präsentiert und dann sagt, dass es eine Zoobesucherin ist, die einen Gorilla betrachtet, ging ein erstaunter Ausruf durch das 50köpfige Publikum: Niemand scheint den Affen zunächst erkannt zu haben. Und kaum haben wir den Hinweis, können wir gar nichts anderes als den Gorilla mehr sehen.

Völlig in den Bann gezogen haben mich Matts verschiedene Ausdrucksformen, weil sie auf “reiner” Fotografie basieren und andere medien nur als Motiv verwenden, zugleich aber einen völlig eigenen Ausdruck gewinnen.

Seine Arbeiten sind unter anderem in Wired, Revolver, FADER und im San Francisco Chronicle erschienen.

Matt ist Mitglied des Fotografen-Kollektivs Aevum, zu dem auch Elyse Butler gehört. Er steht für Assignments zur Verfügung.

Matts Mallams Website

Matt Mallams Blog (sehenswert!)

Matt Mallams bei Aevum

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