Industrieromantik:
Weg von der Mitte

Industrielandschaften können äusserst romantisch wirken. Dazu müssen sie aber auch spannend fotografiert werden.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Michael Unzen).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Michael Unzen).

Kommentar des Fotografen:

Aufgenommen auf den Weg auf die dänische Insel Fanø, Ich stand bei der Aufnahme auf der Fähre. Ich wollte mit diesen Bild die Romantik ausdrücken, die auch von einer Industriestadt wie Esbjerg ausgehen kann

Peter Sennhauser meint zum Bild von Michael Unzen:

Sonnenuntergang, Schleppkahn, Industrieschlot und bunter Himmel: Was will man mehr? das ist keine rhetorische Frage. In diesem Bild ist alles drin, was eine fesselnde Aufnahme braucht. Es ist nur nicht am richtigen Ort.Zunächst: ein absoluter Killer für jede Spannung im Bild ist bei Wasserflächen – abgesehen von Ausnahmefällen, wie Spiegelungen – der gemittete Horizont. Er wirkt wie der Querbalken in einem Fadenkreuz, und statt einer komponierten Aufnahme entsteht das Zielbild eines Marschflugkörpers – ganz besonders, wenn das Hauptmotiv auch noch auf der Horizontlinie und in der toten Bildmitte sitzt.

Schauen wir, womit Du arbeiten kannst: Du hast im Wesentlichen drei Bildelemente, abgesehen von den Farben am Abendhimmel. Die Sonne, die silhouettöse Industrielandschaftslinie mit Kaminschlot und Baugerüst, und den Schlepper, respektive vor allem seine schön geschwungene Fahrwasserschleppe (tolles Wort, hab ich grad erfunden).

Jetzt nimmst du das markanteste Motiv, den rauchenden Schlot, fast genau in die Bildmitte, wohin auch die Spur des Schleppers im Bogen zeigt, und legst den Horizont auch noch in die Bildhälftung (noch ein erfundenes Wort).

Mehr Wasser geht...

Mehr Wasser geht...

...aber mehr Himmel ist's.

...aber mehr Himmel ist's.

Warum? Nehmen wir die horizontale Aufteilung, dann sehe ich den Grund darin, dass Du die Sonne im Bild haben wolltest und zugleich die wunderbaren Farbbögen in der rechte Seite des Himmels. Das ist verständlich, und weil es nunmal im Bildausschnitt nicht anders ging, ausnahmsweise verzeihlich – obwohl ich soweit es irgendwie möglicht ist am rechten Rand schneiden würde.

Das bietet sich an, weil ich ohnehin einen proportionalen Ausschnitt wählen würde, und zwar auf jeden Fall entweder mit 2/3 Himmel oder 2/3 Wasser, wobei mir die testweise angelegte Version mit dem Himmel deutlich besser gefällt. Sie macht die Weite des Himmels sichtbar und “entschuldigt” die Industrielandschaft, die doch auch nur eine kleine Erscheinung auf dieser Erde ist, die das bisschen Qualm wohl auch noch erträgt.

Ich habe auch eine Version ohne die Sonne ausprobiert, das klappt irgendwie gar nicht. Aber wenn du rechts und unten beherzt schneidest und nicht den äussersten rand der Kutterspur, sondern den rauchenden Schlot in ein Drittel oder aber den goldenen Schnitt legst, dann ensteht sofort viel mehr Spannung – die Senkung des Horizonts unbedingt vorausgesetzt.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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