Sonnenflutung:
Gegenlicht-Barock

In Städten und Umgebungen mit markanter Silhouette bieten sich Gegenlichtaufnahmen an. Dabei muss man sich entscheiden: Schattenriss – oder doch noch etwas Zeichnung im Vordergrund?

Kommentar des Fotografen:

Das Bild wurde im Dezember 08 in London aufgenommen. Beim Überqueren der Londonbridge sind mir die herrlich hereinflutenden Sonnenstrahlen aufgefallen. Da musste ich mir einen Moment Zeit nehmen.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Damian Byland:

Dir ist es hier gelungen, das durch die Wolken brechende Sonnenlicht einzufangen und als Strahlen aus dem Himmel die Erde erleuchten zu lassen – ein beliebtes Motiv im Barock, in dem es ausserdem von Gold und fetten Puten wimmelt…

Damit ist auch schon ein Problem dieser Aufnahme angesprochen:

Die Strahlen allein sind als Motiv etwas orientierungslos. Heiligenfiguren (vielleicht sogar auf dem Wasser wandelnde…) oder nackte kleine Engelchen hat London nun mal nicht einfach so zu bieten; aber in Städten sind immer auch Motive zu finden, die sich als Vordergrund für ein solches Bild eignen.

Hier fängt das Ausflugsboot auf der Themse den Mangel ein bisschen ab: Es schiebt sich auf dem von der Sonne in gleissendes Gold getauchten Fluss stromaufwärts. Leider sehen wir davon nicht allzu viel, denn du hast – grundsätzlich richtig – auf die sonnenbeschienenen Wolken belichtet, wodurch der Rest der Szenerie in stark verdunkelt wird.

Was bei einer reinen Silhouettenaufnahme wünschbar ist, wird hier, bei einem Bild, das durch den Fluss Tiefe erhalten kann und muss, zum Nachteil. Denn im Vordergrund muss etwas zu sehen sein, was den Hintergrund und die Sonnenflutung ergänzt, wenn nicht sogar von ihr beschienen und erleuchtet wird.

In solchen Momenten ist Geduld gefragt – egal, ob in der freien Landschaft oder in einer Stadt: Das Licht ändert sich hier ja von Sekunde zu Sekunde, und mit etwas Erfahrung und Beobachtung kann man antizipieren, was als nächstes passieren wird.

Das erlaubt dann auch, sich schnell auf der Brücke nach links oder rechts zu verschieben und darauf zu warten, dass beispielsweise der Turm rechts beleuchtet wird oder der Fluss selber mehr Licht spiegelt. Das Geheimnis liegt darin, sich nicht mit einer Aufnahme zufrieden zu geben, sondern die paar Minuten voll auszunutzen, in denen sich die Szenerie so anbietet: Verschiedene Standorte ausprobieren, mit einer Belichtungsreihe (Bracketing) dafür sorgen, dass alle Optionen offen bleiben sind (inklusive HDR). So lernst Du am schnellsten, worauf es ankommt, und erkennst auch die kleinen Hindernisse, die einen bisweilen das beste Bild vermasseln – und sei es nur der Umstand, dass man kein Stativ dabei hat.

Technisch betrachtet bin ich über die mangelhafte Qualität des Bildes erstaunt, das bei 125 ISO doch sehr heftig rauscht, deutliche Farbsäume (chromatische Aberrationen) an den Kanten und einen Mangel an Schärfe aufweist – was bei einer sechshundertstel Sekunde nicht auf Bewegung zurückzuführen ist.

Ich habe in Lightroom versucht, den Bildausschnitt ein bisschen anzupassen, um den Kahn in den goldenen Schnitt zu kriegen; ausserdem habe ich das Bild geschärft, entrauscht, mit Aufhelllicht den Vordergrund etwas herausgeholt und zugleich mit einer S-Kurve den Kontrast gesteigert.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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