Das vergessene Bein:
Ein Gedicht in Pflastersteinen

Die kleinen Stilleben am Rande der Strasse: Eine reizende Art der Fotografie. Die beste Inszenierung des Unbeachteten besteht aus Ästhetik mit einer Geschichte.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Corinne ZS).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Corinne ZS).

Kommentar der Fotografin:

Am 3. November 2008 im schönen Hamburg aufgenommen mit einer Sony Cybershot DSC-P100, nicht bearbeitet. Ich konnte in Hamburg kaum den Blick vom Boden heben, so sehr gefielen mir die Pflastersteine überall. Als sich dann noch in der Pfütze das Strassenschilder-Kreuz spiegelte, fand ich, es habe genug Winkel und Strukturen für ein Bild. Dann wartete ich noch, dass jemand sein Bein im Vorbeigehen im Bild vergisst, und drückte ab.

Da meine Kamera zwar prima ins Handtäschen passt aber sehr schlecht darin ist, exakt dann ein Bild zu lieferen, wenn ich es will (sprich: sie hat eine grässliche Auslöseverzögerung), ist vom Bein schlussendlich weniger zu sehen als ursprünglich vorgesehen.

In Hamburg war ich gerade in einer Phase, in der ich versuchte, aus dem Handgelenk Bilder zu schiessen, ohne Umweg übers Denken, quasi als Lockerungsübung. Nun bin ich gespannt, was die Fokussiert-Autoren dazu meinen (selber brüte ich öfter über der Linienführung, aber eine Erkenntnis stellt sich leider nicht ein.) Zuhause stellte ich übrigens fest, dass fast alle Hamburg-Bilder in Brauntönen gehalten sind. Falls das Bild also arg verrissen würde, könnte ich behaupten, es sei Teil eines in sich stimmigen Braunzyklus ;-)

Peter Sennhauser meint zum Bild von Corinne ZS:

Vielleicht ist ja die Auslöseverzögerung ein Segen: Hier jedenfalls hat sie Dir meiner Ansicht nach die beste Beinposition beschert, die überhaupt möglich war:

Der Fuss im edlen Lederschuh steht still am Fleck und ist gestochen scharf – das Bein mit dem dranhängenden Menschen eilt weiter.

Und ich denke mir: Was unsere Schuhe alles an kleinen Szenerien erleben in den kurzen Momenten des Stillstands, die sie selbst beim eilenden Schritt durch die Stadt absolvieren.

Einen dieser Momente hast Du festgehalten und, wie ich finde, beinahe perfekt komponiert. Der Linienverlauf drittelt das Bild in angenehmer Asymmetrie; in jedem entstehenden Bildteil gibt es etwas zu entdecken, lauter kleine Welten am Rande des Alltags. Eine Fülle von Symbolen und markanten Motiven – Pflastersteine , Laub, Linien, Schmutz, Regen und natürlich die Spiegelung des wunderbar vielarmigen Wegweisers, der das Motiv des Durch-Die-Stadt-Eilens aufgreift und den etwas melancholischen Eindruck vermittelt, trotz seiner Vielfalt eigentlich obsolet zu sein…

Überflüssig finde ich, wenn wir grad dabei sind, die Wiederholung des Wegweisers durch den abgeschnittenen Pfahl am oberen Bildrand. Wir wissen, dass er dort sein muss; wenn wir ihn nicht sähen, würde das der Spiegelung einen zusätzlichen hauch von Rätselhaftigkeit verleihen.

Das Bild mag vielleicht eine Handgelenk-Arbeit ohne Umweg übers Denken sein – aber es ist gewiss nicht ohne den “Umweg” des Sehens entstanden: Solche Motive muss man zuerst einmal entdecken und dann auch noch richtig fotografieren – Du hast beides hingekriegt.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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3 Kommentare

  1. Lieber Peter

    Ich danke Dir vielmals für die Kritik!

    Es ist, wie wenn Du mit Deinen Beiträgen ein Rädchen anstossen würdest in meiner Maschine. Dann mache ich mich wieder Bilder fressend auf den Weg und knabbere digital an den Rändern dieser Welt. Bis ich satt bin. Es kann allerdings auch passieren, dass Du mir mit Morenatti-Bildern auf fokussiert.com einen Schlag versetzt und ich von Selbstzweifeln geplagt faste. Aber fasten soll ja gesund sein.

    Bei der Suche nach den richtigen Winkeln bin ich noch nicht am Ende. Am Anfang stand das Einreichen dieses Bildes bei Euch. Seither suche ich weiter, produziere Bilder mit Blick auf den Boden, auf Linien, und neuerdings lasse ich die Menschen gleich ganz weg. Sie fehlen mir ein bisschen, aber es geht auch ohne sie. Erstaunlich.

    Mein Ziel wäre richtig schräg. Kann ich Dir das aktuell schrägste Bild als Dokumentation des Weges zum Anfügen schicken? Es gäbe auch eine andere Möglichkeit, denn sollte ich der Zauberfee begegnen, müsste sie mir diese drei Wünsche erfüllen:

    1. eine Rubrik Portfolio
    2. eine neue Kamera
    3. eine bessere Welt

  2. Hallo Corinne,
    ein Tipp zur Auslöseverzögerung:

    Auch wenn er hier wie von Peter beschrieben wohl anscheinend doch zum ansprechenderen Motiv beigetragen hat, wirst du ja sicher in Situationen kommen, in denen dies nicht der Fall sein wird und du den exakten Zeitpunikt benötigst.

    Ich selbst habe auch eine DSC-P100.
    Wenn ich zeitgenaue Fotos machen wollte, habe ich meist den Fokus vor dem Fotografieren manuell auf einen Festwert eingestellt. Somit hat sich die Auslöseverzögerung auf ein Minimum reduziert. Da es sich bei der DSC-P100 um eine Kompakte mit ja doch sehr kleinem Bildsensor handelt, reicht die Tiefenschärfe zumeist aus, damit auch voreingestellte Bilder noch an den gewünschten Stellen scharf wirken.

    Mit freundlichen Grüßen
    Florian

  3. @ Florian
    Genialer Tipp, vielen Dank!

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