Fotoproduzent (1/3):
Marktforschung in der “Bunten”

Robert Kneschke, 7. Mai 2009 12:47 Uhr, 1 Kommentar Kommentare

Stockfotos sind eine Art, die Fotografie zum Beruf zu machen – Robert Kneschke gibt in einer Serie einen Einblick in seine Arbeit. Er macht deutlich, dass wenig davon hinter der Kamera stattfindet.

Fotoproduzent ist kein Ausbildungsberuf. Die meisten meiner Kollegen sind Quereinsteiger, und ihr Rutsch in dieses Arbeitsfeld ähnelt meinem. Ich fotografiere seit meinem 15. Lebensjahr als Hobby. Ursprünglich analog, was sich in einem hohen Posten für Filme und Filmentwicklungen in meinem Taschengeldbudget bemerkbar machte.

Zehn Jahre lang habe ich mit der Kamera gespielt, experimentiert, gelernt und Fotos gemacht, für die ich mich heute schämen würde. Dann kam der Punkt, an dem ich die Ausgaben für das Hobby wieder einzunehmen versuchen wollte. Ich kaufte mir bei einem Großhändler Passepartouts, machte Abzüge von schönen Fotos, vor allem Landschaften und Berlin-Motive, und stellte mich damit auf Berliner Kunstmärkte.

Die Kunden kamen, aber kauften nicht genug.

Außerdem sind Fotos im schlechtwettererprobten Berlin eine “leicht verderbliche Ware”, und ich suchte nach anderen Vertriebswegen – im Internet. So stieß ich auf Bildagenturen, die Fotos online verkauften. Ich meldete mich an, lud Fotos hoch und bekam zu hören: “Blumen und Natur sind ja ganz nett, aber davon haben wir genug. Wir suchen Menschenbilder”.

Zufälligerweise fragte mich kurz danach eine Freundin, ob ich Fotos von ihr für einen Kalender machen könne, den sie zu Weihnachten ihrem Freund schenken wolle. Das war die Gelegenheit, People-Fotos auszuprobieren. Die Fotos kamen gut an – sowohl bei ihrem Freund als auch bei den Bildagenturen, und die Freundin gehört heute noch zu meinen “Lieblingsmodellen”.

Ich fragte weitere Freunde, machte Fotos, ließ die Bildagenturen verkaufen und beendete nebenbei mein Studium der Politikwissenschaft. Nun stand die Frage im Raum: Bewerben oder selbständig werden? Ich rechnete mir aus, dass ich, wenn ich meine Nebeneinnahmen durch doppelten Einsatz verdoppeln konnte, wohl auch von der Fotoproduktion leben könnte. Mein Entschluss stand fest: Ich werde Fotoproduzent!

Es hat einen Grund, warum ich mich Fotoproduzent nenne und nicht Fotograf oder Foto-Designer. Eine Produktion in meiner Definition umfasst neben dem Fotografieren auch die Planung, Organisation und Verwaltung eines Fotoshootings. Fotografen haben dafür meist Assistenten oder Büros – ich mache alles selbst.

Fünf Geheimnisse

Die Voraussetzungen einer gelungenen Fotoproduktion liegen in fünf Bereichen: Die Wahl der Models, die Planung der Motive, die Verfügbarkeit von Location/Requisiten, Kenntnisse des Rechts und natürlich die technische Ausrüstung. Letzteres ist das einfachste: Schon mit zwei Studioblitzen oder einem gut platzierten Systemblitz lassen sich gut verkäufliche Motive fotografieren. Der Rest an Technik ist Bonus. Er dient meist “nur” dazu, die Arbeit schneller, einfacher oder angenehmer zu machen.

In der Regel nutze ich für meine Studioaufnahmen eine große Octobox für weiches Hauptlicht und einen beleuchteten Hintergrund. Fertig. “On location” nehme ich am liebsten einen entfesselten Systemblitz mit Diffussorschirm und einen großen Reflektor. Das ist halbwegs transportabel und sogar batteriefähig.

Das Recht ist eine Hürde, über die sich wenige Amateure wagen, die aber entscheidend ist. Wer nicht weiß, was erlaubt und verboten ist, wird schnell Briefe von Rechtsanwälten mit hohen Geldforderungen erhalten. Das Lesen von relevanten Gerichtsurteilen, die Kommentare dazu im Internet und in Fachzeitschriften gehören zu meinen drögen, aber notwendigen Routineaufgaben.

Modellsuche: Nicht jede/r ist geeignet

Spannender ist schon die Modelsuche, weil sie stark vom Zufall geprägt ist. Anfangs fragte ich Freunde, diese fragten dann wieder Freunde, und mittlerweile bekomme ich regelmäßig Anfragen über meine Webseite und entsprechende Model-Portale im Internet. Dort suche ich auch regelmäßig nach passenden Modellen.

Woran erkenne ich, ob ein Modell geeignet ist? Es muss lachen können. Ein gutes Model kann Faxen machen, albert auch mal herum und ist offen für Experimente. Wer nur steif dazustehen kann, weil er Angst hat, ansonsten komisch auszusehen, wirkt auf Stockfotos nicht glaubwürdig.

Bei der Suche nach geeigneten Motiven zum Verkauf kommt eine Analysefähigkeit zum Einsatz, die mir während des Politikstudiums beigebracht wurde, kombiniert mit der klassischen Frage jedes Kunstunterrichts: “Was will uns der Künstler damit sagen?”.

Ich blättere regelmäßig in jeder Zeitung und Zeitschrift, welche bunte Fotos abdruckt, sei es die Frau im Bild, der Spiegel, Schöner Wohnen, Haus und Garten, Obdachlosenmagazine oder Kinderhefte. Besucher staunen nicht schlecht, wenn sie in unserem Wohnzimmer einen riesigen Stapel mit bunten Illustrierten sehen, die üblicherweise nicht zur täglichen Lektüre eines Mannes gehören.

In den Zeitschriften schaue ich mir an, welche Fotos gekauft wurden, warum sie genau für diese Artikel ausgesucht und wo sie gekauft wurden, wie sie entstanden sein könnten und mehr. Besonders gelungene Beispiele kommen in eine Sammelmappe.

Aber auch alle anderen Quellen von Bildern interessieren mich: Fotoausstellungen, Postkartenständer in Souvenirshops und die neuen Kollektionen großer Bildagenturen werden regelmäßig besucht und bewertet.

Dazu kommen Statistiken von Bildagenturen und diejenige meiner eigenen Datenbank, was gerne gesucht und was gerne gekauft wird. Kombiniere das mit aktuellen Trends, die Du in der Zeitung findest, und Du hast ein weiteres gutes Motiv.

Die Requisiten ergeben sich aus den Motiven, aber jeder Fotograf sammelt mit der Zeit zusätzlich Dinge an, die besonders fotogen sind. Meine Liebingsrequisiten sind beispielsweise ein großes Sparschwein, eine Lupe und Kopfhörer. Gute Orte, um Requisiten zu kaufen, sind Flohmärkte, Restpostenläden oder Auktions-Webseiten.

Der Vorteil meiner Arbeit ist gleichzeitig ihr Nachteil: Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit sind sehr fließend. Wenn ich abends auf dem Sofa in einer Illustrierten blättere, meint meine Freundin manchmal, ich solle aufhören zu arbeiten.

Planung und Ziele

Ich kann verreisen und im Urlaubsort trotzdem ein Fotoshooting arrangieren, ich kann in der Bahn Fotos sortieren und auf Partys neue Models ansprechen. Diese Arbeitsweise verleitet dazu, sich mehr Freizeit zu gönnen, als es für das Geschäft gut ist.

Schriftliche Vorgaben sind deshalb wichtig. Ich habe einen Jahresplan, wieviele neue Fotos ich produzieren will, wieviel Umsatz ich erzielen möchte und weitere Ziele, die ich alle in zahlen fasse, damit ich hinterher wirklich kontrollieren kann, ob eine Vorgabe erreicht wurde oder nicht.

Diese groben Ziele teile ich in kleinere auf, bis hin zum Tagesplan, heute z.B. 50 Fotos zu retuschieren oder Models anschreiben, Agenturen anrufen, Abrechnung machen und Fotos hochladen.

Wer glaubt, mein Job bestehe zum grössten Teil aus der vergnüglichen Jagd nach fröhlichen Bildern, wird jetzt nochmals über die Bücher gehen. Ich verbringe vielleicht 10 Prozent meiner Arbeitszeit hinter der Kamera. Darüber mehr im zweiten Teil der Serie über den Job als Fotoproduzent.

Stockfotografie: Robert Kneschke
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1 Kommentar

  1. martin
    schrieb am 7. Mai 2009 um 18:50 Uhr (#)

    spannender artikel! du gibst wirklich interessante einsichten in ein berufsfeld, von dem ich bisher noch nicht allzu viel wusste.

    vor zwei wochen erschien in der sonntagspresse übrigens ein ähnlicher bericht dazu über schweizer stock-fotografen: SonntagsZeitung, Der Traum vom Foto-Millionär, 26. April 2009, S. 87.

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