Küchenarbeit:
Werbebild

Ein Porträt ist per Definitionem die Abbildung einer Person – der höhere Anspruch aber verlanngt, dass nicht nur die körperliche Erscheinung, sondern das Wesen des Modells abgebildet wird.

Kommentar des Fotografen:

Ich war im April 2009 im Haus eines Bekannten in Belo Horizonte (Brasilien) eingeladen, einen geselligen Tag mit Freunden zu verbringen. Die (dort weit verbreitete) Haushaltshilfe war fuer die Kueche verantwortlich und ging still im Hintergrund ihrer Arbeit nach. Neben vielen Fotos mit ausgelassener Stimmung wollte ich auch die ruhige Gelassenheit der Haushaltshilfe widergeben. Besonders angezogen hat mich die Harmonie der Farben. Danke fuer eine professionelle Bewertung.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Markus Kohlhoff:

Ich werde aus diesem Bild nicht ganz schlau. Du hast es als Porträt eingereicht; es ist fotografisch schön gemacht, technisch weitgehend frei von Gründen für eine Beanstandung, und es strahlt eine gemütliche Ruhe aus.

Aber als Porträt hätte ich es nicht bezeichnet. Als Familienbild ist es eine schöne Arbeit und dürfte dem Modell schmeicheln. Aber für Dritte bleibt es ein Rätsel, dessen Sinn sich nicht wirklich erschliesst.

Dieser Typ Bild ist üblicherweise das, was man zum Beispiel in der Werbung sieht, wenn es um die Plätzchen auf dem Teller geht, oder um Haushaltunfall-Versicherungen – oder eben um alles, was mit Häuslichkeit, Ruhe, Gelassen- und Geborgenheit in Verbindung zu bringen ist – aber am wenigsten geht es dabei um die Person im Bild.

Die geringe Schärfentiefe lässt uns im übertragenen Sinne augenblicklich über ihre Schulter und auf die Plätzchen gucken. Der Rest der Küche macht den Eindruck, benutzt und gut gepflegt zu sein – die Kräuter und die Töpfe im Hintergrund wirken geradezu arrangiert: Hier wird gearbeitet, aber es wird sehr ordentlich gearbeitet, und noch dazu mit frischen Kräutern. Alles hat Bedeutung und Gewicht, und die wenig ausdrucksstarke Junge Frau tritt in diese Kulisse zurück, vielleicht auf die Art, wie es von einer Hausangestellten generell erwartet wird.

Technisch gesehen ist dies eine sehr gelungene Tageslicht-Aufnahme, wobei das Gegenlicht aus dem Fenster gut bewältigt und die Akteurin richtig belichtet ist. Mich stört einzig die blaue Saumbildung am Kopf der Jungen Frau dort, wo dahinter der Himmel ausbrennt – was an sich kein Problem ist – der sich möglicherweise mit einer etwas geschlossenen Blende hätte beseitigen lassen. Dies sind allerdings die Dinge, die auf dem Monitor einer DSLR praktisch nicht zu erkennen sind, jedenfalls nicht, wenn man die kritischen Bildstellen nicht mit der Vergrösserungsfunktion unter die Lupe nimmt.

Rein künstlerisch, als alleinstehendes Porträt, sagt das Bild nicht genug aus. Im Vordergrund steht hier eindeutig nicht die Persönlichkeit der jungen Frau, sondern ihre Tätigkeit in einem ganz bestimmten Umfeld. Daher rührt denn auch der Eindruck, es handle sich um ein Bild für einen Prospekt oder ein Kochbuch: Die Plätzchen und die Küche an sich sind mindestens ebenbürtig mit dem Modell (das übrigens ohne den glänzenden Ohrring noch weiter in den Hintergrund zurücktreten würde).

Insgesamt vielleicht ein Beispiel dafür, dass man sich für ein ausdrucksstarkes Porträt unbedingt auf das Modell einlassen muss und umgekehrt: Es geht nicht darum, dass die Junge Frau für die Kamera hätte posieren müssen, aber sie scheint sie auf eine Art und Weise zu ignorieren, die typisch ist für eben diese Gattung der Prospekt- und Werbebilder, bei denen wir unbemerkte Zeugen einer Szene sein sollen – oder wenn sie ich ganz bewusst ausgeblendet hat, weil sie nicht wusste, was sie vom ganzen halten sollte.

Dies ist ein sehr gelungener Schnappschuss, ein Reportage-Bild oder eine Werbefotografie – aber ein Porträt ist es nicht.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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2 Kommentare

  1. Markus Kohlhoff
    schrieb am 11. Mai 2009 um 15:11 Uhr (#)

    Eine Person im Bild macht noch kein Portrait – diesen guten Gedanken werde ich im Hinterkopf behalten. In der Tat ging es mir eher um die Atmosphäre als um den Ausdruck von Persönlichkeit. Von daher finde ich den Einwand, dies sei kein Porträt gerechtfertigt. Aber eine Person in ihrer Arbeitsumgebung zu zeigen sagt doch auch etwas über die Person aus. Oder ist das dann schon “nur noch” Dokumentation?

  2. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
    schrieb am 11. Mai 2009 um 20:26 Uhr (#)

    Gute Fragen, Markus, sicher diskussionswürdig. Eine scharf abgrenzende Definition gibt es wohl nicht. Menschen in ihrer Umgebung können als “Situationsporträts” aufgenommen werden: Der Junge hier ist vielleicht so ein Situationsporträt, oder die hier porträtierte Bildhauerin. Ich würde behaupten, es handelt sich um Porträts, weil es auf den ersten Blick und eindeutig um die Person geht und die Umgebung nur zur Illustration ihres Umfelds dient. Und grade merke ich auch, dass wir verhältnismässig wenig solcher Aufnahmen erhalten haben.

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