Eisweiher:
Grafik und Komplexität

Peter Sennhauser, 14. Mai 2009 11:07 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Schwarz-Weiss-Aufnahmen lassen mehr als Farbbilder eine Zweiteilung der Aufnahmen in grafische Elemente und komplexere Schattierungen zu.

Kommentar des Fotografen:

Fasziniert hatte mich die ruhige, eisige Winterstimmung an eine sonst sehr belebten Badesee…

Peter Sennhauser meint zum Bild von huber michael:

Man möchte beinahe darauf hinausspazieren in den See: Mir gefällt das Bild, weil es mindestens drei Dinge mischt. Zunächst ist da der impressionistische Teil der ruhigen Weiherlandschaft mit den einsamen, aus dem Eis ragenden Elementen.

Dann ist da die natürliche Stimmung, die ich sofort ergründen möchte – kalter Winter, Eiskristalle oder einzelne Schneeflocken auf dem Eis, Nebel? Und schliesslich erhebt sich im Hintergrund des Bilde4s die in wesentlich feineren Grauschattierungen verschwindende Kulisse eines von Bäumen gesäumten Ufers, durch den nebel in einer Traumstimmung verwaschen, mit einem einsamen Haus…

Es gibt viel zu entdecken in diesem Bild, das doch auf den ersten Blick eine simple, grafische Qualität hat. Und ich behaupte hier, dass dieser Effekt in schwarz-weiss wesentlich einfacher und wirksamer erzeugt werden kann als in einem Farbbild.

Das liegt daran, dass Farbe hier ablenken würde von den wichtigen und wirksamen Elementen, und dass ihre Abwesenheit zugleich nichts an der Stimmung zu verändern scheint: Es ist schliesslich eine graue oder, wenigstens in der Nähe, schwarz-weisse Landschaft.

Die Komposition aus Steg, Bootspflock und Namensschild hat etwas Lebendiges und vermittelt den Eindruck dreier Wesen, die in dieser steif gefrorenen Landschaft von der Kälte bei einem Treffen überrascht wurden. Die auf dem Eis liegenden Blätter und Aststücke helfen, die wie weichgezeichnetes Wasser wirkende Oberfläche zu dem zu machen, was sie ist: Eben eine harte, steife Oberfläche; ebenso ziehen die weißen Punkte die Aufmerksamkeit auf sich, die Schneeflocken oder Blasen im Eis sein könnten.

Alles Dinge, die ich bei der ersten Betrachtung des Bildes genauer untersuche, nachdem ich zuerst feststellen muss, dass es sich nicht um eine weiche Wasseroberfläche handelt, was dem Bild etwas mysteriöses verleiht, denn auf den ersten Blick ist das nicht erkennbar.

Wenn die Verhältnisse klar sind und ich die Beziehung zwischen den drei Hauptprotagonisten hergestellt habe, ist das Bild noch immer nicht “zu Ende”: Jetzt ergründe ich den Hintergrund, die fein verästelten Bäume im Nebel, die sich erstens von dem harten Vordergrund durch die weiche, flauschige Zeichnung abheben und zweitens wiederum erst bei näherem Hinsehen ein Haus verbergen, zu dem ich sofort anfange, mir Geschichten auszumalen.

Alles in allem ein scheinbar einfaches, grafisches Bild mit komplexer Tiefe, an dem mich einzig die Mittung der Hauptmotive und der nach links geneigte (und tonnenverzerrte, das heisst nach oben gewölbte) Horizont stört. Diese zwei Dinge würde ich beheben, und sonst gar nichts.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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