Kirschblüten:
Tiefenkomposition

geringe Schärfentiefe erlaubt spannende Bildeffekte, setzt aber auch die Anforderungen an die Bildkomposition höher: Es mus dreidimensional gesehen werden.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Mathias Krüger).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Mathias Krüger).


Kommentar des Fotografen:

Waren mit der Familie am Ostermontag auf Wanderschaft (Gewaltmarsch ;)) und ich hatte die Kamera glücklicherweise dabei. Am Wegesrand entdeckte ich eine in voller Blüte stehende Kirsch, welche ich mit möglichst geringer Tiefenschärfe einfangen wollte, da dies oftmals eine sehr verträumt wirkende Stimmung erziehlt. Was sagen die Profis?

Peter Sennhauser meint zum Bild von Mathias Krüger:

Grade bei Pflanzen ist das Spiel mit der geringen Tiefenschärfe häufig sehr hilfreich, um beispielsweise Blumen freizustellen oder andere Motive deutlich gegen den Hintergrund abzuheben, in welchem sie ansosten völlig untergehen würden.

Aber was bei einfachen Strukturen und wiederkehrenden Objekten – Sonnenblume aus einem Feld herausisoliert – fast immer gut wirkt und für den Betrachter sofort fassbar wird, kann bei einer Übertreibung mehr zur Verwirrung als zur Bildaussage beitragen. Die Schärfentiefeneffekte wirken überraschend, weil sie einer Fokussierung des Auges entsprechen, die der Betrachter aber nicht willkürlich vollzogen hat.Auch das kann seinen Reiz haben, in dem sich Bilder komponieren lassen, die dem Betrachter einige geistige Verrenkungen abverlangen, bis er das Motiv und die auf zwei Dimensionen abgebildeten drei Dimensionen erfassen kann.

Allerdings sollte der Effekt sehr bewusst eingesetzt werden. Wenn Du hingegen wie hier eigentlich vor allem eine Blüte freistellen und dabei die Wiederholung des Motivs im Hintergrund als Stilmittel einsetzen willst, kann vor allem die geringe Schärfe im Vordergrund zu einem Stolperstein werden.

Aus dem Raum wird dann plötzlich ein Durcheinander, in dem das Motiv untergeht, statt dass es von der Unschärfe umrankt wird. In diesem Fall trifft das teilweise auf die Äste mit den Knospen zu, die in den Vordergrund hineinragen. Sie ergänzen das Motiv, die eine Blüte, nicht mehr ausschliesslich, sondern sie stehen bis zu einem gewissen Grad dazu in Konkurrenz: schliesslich ragen sie beinahe aus dem Bild heraus.

Dabei gilt aber ein ähnlicher Grundsatz in Bezug auf die Schärfentiefe, wie er bei der Landschaftsfotografie für das Gegenteil gilt: Auch dort wirkt es “fehlerhaft”, wenn in einer Weitwinkelaufnahme mit grosser Schärfentiefe und kleiner Blende ein Teil des Vordergrunds unscharf erscheint.

Bei den Freistellungen eines Hauptmotivs durch geringe Schärfentiefe – du hast hier allerdings mit Blende 2.8 auf eine Brennweite von 112mm noch moderate Einstellungen gewählt – erwarte ich als Betrachter auch, dass das Motiv selber in der vordersten Ebene der Bildschichtung liegt. Wenn andere Gegenstände näher an mich “heranragen”, wird die Tiefenwirkung schwieriger und nicht besser fassbar.

Das heisst nicht, dass man nicht mit einer geringen Schärfentiefen-Ebene vorgehen kann, aber zumindest muss dann die Bildkomposition auch in der Tiefe wohlüberlegt sein: Es sollte kein Element im Vordergrund das Hauptmotiv überlagern oder so in seinem Raum liegen, dass es die Erfassung der Hauptlinien und der Räumlichkeit erschwert. Hier liegen die Blütenknospen links beinahe vor der einen, halbgeöffneten Blüte am Ast, und das kleine, nach oben ragende Zweiglein voller Knospen ist auf den ersten Blick nicht mehr vor- oder hinter dem Hauptmotiv zu erfassen. Das macht den Raum schwieriger erkennbar und hebt einen grossen Teil der Tiefenwirkung auf, statt dass sie verstärkt würde, wenn von jedem Teil des Astes sofort klar ist, ob er im Vorder- oder Hintergrund liegt.

Abhilfe würde eine etwas kleinere Blende und die Fokussierung weiter im Vordergrund schaffen, was dafür sorgt, dass der ganze Vordergrund in einem moderaten Schärfebereich liegt und die Knospen vorne, auch wenn sie nicht mehr gestochen scharf sind, sich doch deutlicher von jenen im Hintergrund abheben.

Bedingung ist, wie gesagt, eine sorgfältige Planung der ganzen Komposition auch in der dritten Dimension, und viele Kontrollblicke entweder durch den Sucher mit der Abblendtaste oder auf dem Monitor der Kamera nach den ersten Aufnahmen.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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Ein Kommentar

  1. Danke für die sehr ausführliche Bildkritik. Wenn ich wieder auf so ein Motiv stoße (im Moment blüht ja der Apfel ;)) werde ich versuchen, eure Tipps umzusetzen :)

    Gruß Mathias

Ein Pingback

  1. [...] Sennhauser von fokussiert.com hat sich in der neusten Ausgabe der Bildkritik mit meinem schon bekannten Apfelblütenmotiv Kirschblütenmotiv beschäftigt. Hatte [...]

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