Bootssteg im Goldlicht:
Absicht umsetzen

Tolles Licht kann der Grund für eine Fotografie sein – und auch ihr Inhalt. Aber es darf nicht von langweiligen Motiven überlagert werden.

Kommentar des Fotografen:

Bei dem Bild ist es mir vor allem um das goldene Licht an diesem Nachmittag des 14. März am Etang du Stock in Lothringen gegangen.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Thomas Wenskat:

Mir fallen an diesem Bild sofort die goldenen Schilfhalme im Hintergrund und die grossartige Struktur des Holzes auf dem Steg auf.

Aber ich käme nie auf die Idee, dass es das Licht war, was Dich zu der Aufnahme motiviert hat:

Ich frage mich vielmehr sofort, was Dein Motiv war, und komme zum Schluss, dass es der wenig interessante Steg gewesen sein muss.

Tatsächlich kann Licht, Farbe und Form der ganze Inhalt einer Aufnahme sein. Ich habe das auch schon in in der Landschaftsfotografie-Serie behandelt: Bisweilen steht man draussen mit der Kamera und ist hingerissen von der Farbe des Himmels, dem Licht auf einer Sanddühne oder den Sonnenstrahlen im Dunst eines Herbstabends.

Aber diese Dinge sind unheimlich schwierig zu fotografieren, weil es sich nicht um Motive, sondern um Impressionen handelt. Diese liegen nicht in der Landschaft, sondern finden in deinem Kopf statt; um sie in ein Bild zu fassen, ist Deine ganze Kreativität gefragt.

Um deinen Eindruck zu vermitteln, musst Du ein bescheidenes Motiv suchen, das sich weitgehend dem Anliegen unterordnet, den Kern Deiner Stimmung und dessen, was Du subjektiv gesehen hast, auszudrücken. Du musst also nach einem Objekt suchen, das als Leinwand für die Umsetzung des Eindrucks dienen kann, den Du abbilden willst.

Dir ist das hier leider gar nicht gelungen: Erst durch Deinem Kommentar kriegte ich eine Ahnung dessen, was Dein Bild beabsichtigt. Das macht es nicht automatisch zu einer schlechten Aufnahme, aber jedenfalls zu einer schlechten Umsetzung Deiner Absicht.

Der Bootssteg könnte innerhalb der Konzeption “goldenes Licht” durchaus eine Rolle übernehmen. Hier wirkt er aber wie das Hauptmotiv, und zwar leider auch noch ein wenig spannendes. Kommt hinzu, dass zwar der Steg selber, das Wasser mit der leicht gewellten Oberfläche und der angenehmen Spiegelung und sogar die Plastikfender mit dem Schilf im Hintergrund ein Motiv abgeben – aber der hässliche Kunststeg mit seinen grauen Verankerungsrohren am andern Ufer stört empfindlich. Ausserdem neigt sich das ganze Bild, wie der Linie des Stegs anzusehen ist, heftig nach rechts.

In dieser Komposition erfüllt das Bild weder Deine Absicht, noch kann es durch das Motiv irgendetwas retten. Es ist einer dieser Fälle, in denen man etwas gesehen hat, das sich ganz einfach am aktuellen Standort nicht umsetzen lässt. Wenn es sich nicht um eine HDR-Aufnahme handelt, ist das Licht in der Tat bemerkenswert. Der Steg liegt im Schatten und hat trotzdem eine goldene, indirekte Beleuchtung; das Wasser in seinem Schatten ist tiefschwarz und ändert die Farbe bis hin zur Spiegelung des Schilfs in das Gold, welches Dir aufgefallen ist und das du festhalten wolltest.

Das kannst Du nun aber ganz einfach nicht an Deinem Standort. Du hättest Dir hier die Elemente merken müssen, die das Licht am besten zur Geltung bringen: Ein Objekt als Vordergrund, am besten im Schatten und mit einem Schattenwurf ins Wasser, und das Schilf in der Spiegelung im Hintergrund als “Krönung”. Dann hättest Du dem Ufer entlang gehen und nach einem Standort suchen müssen, der diese Elemente vereint und dabei ein einfaches, unaufdringliches Motiv abgibt, das die Lichtfarbe unterstützt, aber nicht dem Betrachter den Eindruck gibt, es sei das zentrale Objekt deiner Aufnahme.

Das ist eine enorm schwierige Aufgabe, die noch dazu mit der Frustration enden kann, dass man entweder diese Stelle nicht findet oder sich das Licht so schnell verändert, dass man es gar nicht mehr einfangen kann.

Gelegentlich aber wird die Bemühung vom Erfolg gekrönt, und meistens handelt es sich bei den Bildern, die so entstehen und bei denen die Dinge ganz natürlich zusammenfallen, um die besten Aufnahmen überhaupt.

Der schnelle Druck auf den Auslöser dagegen in der Absicht, ohne weiteren Aufwand wenigstens einen Teil der Impression abzulichten, geht in 99 Prozent der Fälle daneben. Denn es ist deine künstlerische Aufgabe (und Arbeit, richtige, anstrengende Arbeit!), die Impression mit den Mitteln, die Dir zur Verfügung stehen, so eindeutig wie möglich auszudrücken. Kleine Zugeständnisse an Deine Bequemlichkeit rächen sich grade bei diesem Bildtyp mehr als bei jedem, der von einem gegenständlichen Motiv lebt. Denn dieses bleibt auch dann noch spannend, wenn es nicht ganz optimal fotografiert wurde.

Ich habe übrigens in deiner Aufnahme ein Bild gefunden, das vielleicht weniger das goldene Licht zum Ausdruck bringt, aber doch mit seiner Hilfe ein sehr attraktives, etwas abstraktes Stilleben abgibt. Auch das ist eine Weisheit, die ich anderswo gelernt habe und inzwischen gerne wiederhole: Fast immer findet sich in Deinem Bild das, was Du fotografieren wolltest, auch wenn es nicht das ganze Bild ist.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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1 Kommentar

  1. Thomas Wenskat
    schrieb am 28. Mai 2009 um 11:18 Uhr (#)

    Hallo,

    vielen Dank für die Kritik – kann es auch komplett nachvollziehen. Ich musste jedoch schmunzeln, denn in der Regel ist es genau die Reduktion auf Details, die ich zu erreichen suche. Erstaunlich, wie einfach und gleichzeitig die Fotografie doch sein kann.

    Viele Grüße,

    Thomas

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