Nürnberger Kaiserburg:
Harry Potter lässt grüssen

Im Winter und in Schneelandschaften, die das spärliche Licht reflektieren, lassen sich spektakuläre Nachtaufnahmen machen. Die vornübergeneigte Kaiserburg wird zur Zauberschule aus einem Harry-Potter-Film.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Christian Günther).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Christian Günther).

Kommentar des Fotografen:

Als ich auf dem Heimweg von der Weihnachtsfeier war, bin ich an der verschneiten Burg vorbeigekommen. Die Lichtstimmung war gerade so mystisch, dass ich meine Nikon und das Stativ geholt habe, und ein paar Aufnahmen von der Nürnberger Burg gemacht habe. Das war auch das erste Mal, dass ich RAW Bilder gemacht habe um Sie in Lightroom etwas nachzuarbeiten. Soweit ich mich noch erinnere habe ich Farb-, Tonwert- und Kontrastkorrekturen gemacht und einen Verlaufsfilter angewendet. Ich finde das Bild ganz gelungen, bis auf den Bus, der da noch steht. Den konnte ich leider nicht wegfahren.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Christian Günther:

Den Bus kannst Du nicht wegfahren – aber wegzaubern kannst Du ihn. Und bei einem Bild, das die Kulisse für einen Harry-Potter-Film abgeben könnte, wird man Dir das ja auch verzeihen:

Am besten geht das in Photoshop (und den meisten andern Bildbearbeitungsprogrammen) mit dem Klon-Werkzeug – Du kannst hier das Geäst links über dem Bus replizieren. In Lightroom ist es etwas schwieriger, dermaßen große Flächen loszuwerden – das Klonwerkzeug in Lighroom ist für die Retusche kleiner und kleinster Fehler und nicht ganzer Gegenstände konzipiert. Aber mit sorgfältiger Planung und dem übereinanderlegen verschiedener Klon-Ringe gelingt es auch da (ich habe in diesem Bild beispielsweise meine Schuhe weggeklont, wie im Vergleich hier zu sehen ist.

Bearbeitung des Busses in Lightroom

Bearbeitung des Busses in Lightroom

Der Trick besteht darin, zuerst mit einem grossen Klonkreis mit voller Deckung einen geeigneten Hintergrund über das Objekt zu klonen und danach mit kleineren Details von geringerer Deckungskraft dafür zu sorgen, dass keine Wiederholung von Details auffallen. Das geht bei Hintergründen wie Wald, Sand oder Wiese am besten, und man kann es deutlich besser machen als ich hier.

Aber nun zum Bild an sich. Zunächst handelt es sich wohl weniger um ein Architektur- als ein impressionistisches Kunstbild – dessen Zauber man sich kaum entziehen kann. Die Burg wird zum Wesen, das mit glühenden Augen auf seinem Hochsitz thront. Es ist viel mehr als die Dokumentation von Mauern, die Dir hier gelungen ist.

Dabei kamen Dir drei Dinge zu Hilfe: Die Nacht, der Schnee und die stürzenden Linien.

  • Nachts sind alle Katzen grau, aber grade Gebäude werden mit ihren erleuchteten Fenstern plötzlich zu lebendigen Wesen – der Burgfried hier rechts im Bild ist schon ein eigener Charakter.
  • Der Schnee hilft, die Beleuchtung gleichmässiger zu verteilen, weil von den weissen umliegenden Flächen viel mehr Licht reflektiert wird und wie ein Diffusor für weniger harte Schatten vom Scheinwerfer sorgt, als sie in den Sommernächten zu erwarten sein wird. Noch wichtiger aber sind die weissen Dachflächen, die in ihrere dunklen Originalfarbe im Nachthimmel verschwinden würden und hier für besten Kontrast sorgen.
  • Die stürzenden Linien schliesslich lassen die ganze Burg sich vornüber neigen – ein Effekt, den man meistens zu vermeiden oder in Photoshop mit der Perspektiven-Korrektur zu beheben versucht. Hier aber haucht er der Burg noch mehr von ihrem dämonischen Leben ein, in dem sich der Betrachter fühlt, als ob sie sich nächstens ihm zuwenden und ihn in Augenschein nehmen wird.

Technisch fragwürdig ist die Belichtung mit 3200 ISO: Warum verzichtest Du auf Bildqualität und nimmst zusätzliches Rauschen in Kauf, wo Du doch das Stativ dabei hattest? Angesichts des unbewegten Motivs spricht absolut nichts gegen eine Belichtungszeit im Minutenbereich oder noch länger. Auch die Belichtungskorrektur ist überflüssig, wenn Du Zeit und ein Stativ hast und anhand der ersten Testaufnahme jede weitere mit eigenen Einstellungen im Manuellen M-Modus anpassen kannst: Mach eigene Belichtungsreihen, indem Du händisch die Blende schließt und/oder die Verschlusszeit anpasst, und verlass Dich bei den Resultaten nicht auf das, was Dir der Kameramonitor zeigt.

Die Entscheidung, RAW zu fotografieren, dürfte sich gelohnt haben, denn grade solche Bilder verfügen über einen Kontrastumfang, der in JPG ganz einfach nicht reinpasst. Davon abgesehen, scheinen mir die vordersten Dächer der Burg etwas ausgebrannt. Mit RAW kannst Du problemlos darauf belichten und in Lightroom die dunklen Bildteile um ganze Blendenwerte in der Belichtung pushen.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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3 Kommentare

  1. Hallo Peter,

    danke für die ausfühliche Bildkritik. Es ist nicht nur gut zu wissen, was man an seinen Bildern noch verbessern muss, sondern auch, warum manche davon gelungen sind, sprich, warum gerade Nachtaufnahmen mit Schnee so schön ausgeleuchtet sind.

    Zu den 3200 ISO muss ich dir recht geben. Da wundere ich mich selbst darüber. Aber mal eine Frage zu dem Rauschen auf lange belichteten Bildern. Wie kann man das vermeiden? Oder rauschen Bilder nur bei hohen ISO Werten?

    Wenn ich ein Foto retuschiere, ist es dann noch ein Foto? Wie streng muss man da mit sich sein? Oder ist grundsätzlich alles erlaubt?

    Gruß
    Christian

  2. Hallo Christian

    Gute Fragen. Ich habe hier und hier schon mal ein bisschen drüber nachgedacht.

    Ich bin der Ansicht, die Frage nach der Vertretbarkeit von Manipulationen und Retuschen hängt auch von der Art des Bildes ab. Als Bildjournalist darfst Du gar nichts inhaltlich an Deinen Bildern retuschieren. Als Künstler bist Du dagegen völlig frei. Und als Betrachter wünsche ich mir einfach ein gewisses Mass an Transparenz: Was ist Fotografie, und welche Bildteile oder -Veränderungen sind Bearbeitung.

  3. Hallo Peter,

    den Artikel “Mut zur Retusche” mit der Telefonleitung hatte ich noch nicht gelesen. Den finde ich super, und du hast völlig recht und ich nun etwas mehr Mut zur Retusche.

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