Die Spaziergängerin:
Schnappschuss

Streetfotografie im Wald: Menschen mit der Kamera in freier Wildbahn zu beobachten, ist fast immer spannend. Aber für einen richtig guten Schnappschuss braucht es mehr technische Perfektion.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Johannes Senn).

Kommentar des Fotografen:

Dieses Bild beschreibt für mich Frühling. Diese lässige Geste, die das Mädchen zeigt, während es beschwingt durch den Wald spaziert. Die Aufnahme entstand ganz spontan bei einem meiner ersten Fototouren dieses Frühjahres, das Mädchen lief an mir vorbei und ich habe mich schnell umgedreht und sie auf meinen Chip gebannt. Besonders gefällt mir, dass man nicht sieht wohin ihr Weg führt.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Johannes Senn:

Die Haltung der jungen Frau zieht uns tatsächlich in ihren Bann. Locker schwingt sie ihr Haar zurück und beschreitet offensichtlich erwartungsfroh den Wald:

Den Frühling sehe ich allerdings hier nicht so, wie du das gerne hättest: Es scheint zwar trocken zu sein und die Bäume sind belaubt, aber die junge Dame ist relativ warm gekleidet – und vor allem hilft die Umwandlung in Schwarz/Weiss nicht sonderlich: Frühling ist nun mal grün oder bunt. Oder aber, wenn monochrom, leichtbekleidet, warm, blühend, lebendig.

Hier ist aber ausser der Geste des Mädchens nichts zu sehen, was den Eindruck verstärken könnte. Selbst der kleine Hund springt nicht freudig herum, sondern wuselt an der Leine fast schon widerwillig mit.

Die Unschärfe im rechten Vordergrund ist wichtig, sie sorgt für die Darstellung der versteckten Beobachtung – so kriegt das Bild etwas leicht voyeuristisches. Die Bildaufteilung ist gelungen, sie führt in der Komposition von links über die Frau mit dem Hund ins Dunkel des Waldes hinein. Der Lichtschein im Hintergrund greift die Route auf und verschafft dem Bild im Waldesinnern eine gute Tiefe.

In der technischen Umsetzung lässt die Aufnahme einiges zu wünschen übrig.Zunächst ist sie deutlich überbelichtet: Die Belaubung rechts glänzt bis zum zeichnungsfreien Weiss, und auch der kleine Hund ist nur noch ein ausgebrannter weisser Fleck mit Beinen. Das ist ohnehin schade, weil er wahrscheinlich einen Sekundenbruchteil später eine Bewegung abgegeben hätte, die in irgendeiner Form den beschwingten Gang der jungen Frau ergänzt hätte.

Ich habe meine Kamera deswegen bei solchen Gelegenheiten grundsätzlich auf Hochgeschwindigkeit eingestellt und drücke den Auslöser – grade bei Schnappschuss-Gelegeneheiten – gerne drei oder fünf Bilder lang.

Das bietet mehrere Vorteile:

  • Bei Porträts ist sichergestellt, dass ich das Motiv nicht mit geschlossenen Augen beim Blinzeln erwische;
  • bei längeren Verschlusszeiten sorgt das Seriefeuer dafür, dass meistens die zweite Aufnahme die am wenigsten verwackelte ist
  • Ich gewöhne mir ein sehr langsames, druckpunktbezogenes Auslösen mit dem ganzen vordersten Glied des Zeigefingers an, was ebenfalls gegen Verwackelung („Abreissen“) hilft und mir erlaubt, mich völlig auf die Szene zu konzentrieren.
  • Die Bildserie stellt sicher, dass ich den spannendsten Moment des Ablaufs auf dem Sensor habe.

Dir ist hier ein netter Schnappschuss gelungen, der zwar von der Beschwingtheit des Mädchens, aber fast ebenso von der Lokalität (Waldrand, Kurve des Weges, Tiefe durch Licht im Hintergrund) lebt.

Der Ort wäre weitere Versuche mit andern Spaziergängern und vielleicht sogar unter Absprache mit den „Modellen“ wert gewesen.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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  1. […] noch habe ich zu Serienbelichtungen geraten. Und jetzt muss ich, konsequenterweise, darauf hinweisen, dass es bei der Nutzung des […]

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