Vignettierung:
Strahlende Menschen

Peter Sennhauser, 4. Juni 2009 20:48 Uhr, 4 Kommentare Kommentare

Randabschattung oder Vignettierung versuchen wir in der digitalen Dunkelkammer meist zu korrigieren. Dabei kann sie einem Bild das gewisse etwas geben.


Dem Softerotik-Fotografen und Regisseur David Hamilton wird nachgesagt, er soll als Weichzeichner einen Nylonstrumpf über das Objektiv seiner Kamera gezogen und mit einer Zigarette ein Loch ins Zentrum gebrannt haben. Das Resultat sollen angeblich die Hamilton-typischen, watteweichen Schmusefotos gewesen sein – lange, bevor sowas mit Photoshop an jedem Bild geübt werden konnte.

Mehr als den Mädchen-Fotografen aus meiner Teenie-Zeit interessiert mich heute die Technik von Profis wie dem spanischen AP-Fotografen Emilio Morenatti, der in Asien für die Agentur unterwegs ist und häufig erstaunliche Bilder über den Dienst schicken lässt. Ihnen sind allen einige Dinge gemeinsam:

Ein meistens sehr erdiger Farbton, der durchaus auf die Umgebung in Pakistan und Afghanistan zurückzuführen ist. Aber immer herrscht bei Morenatti auch eine Art Dämmerlicht; er scheint ausschliesslich bei Sonnenuntergang unterwegs zu sein, was man wohl von einem Landschafts-, aber weniger von einem Pressefotografen erwartet.

Und die Menschen in seinen Bildern werden fast immer durch ein spezielles Licht aus der Masse oder der Umgebung hervorgehoben.

Mehrfach schienen mir die Bilder vignettiert, und ich würde auch bei diesem hier aus der heutigen Serie der besten Pressebilder behaupten, dass die Ecken deutlich dunkler sind als das Zentrum.

Vignettierung nennt man die Abschattung der Bildecken, die bei (billigen) Objektiven oder durch ins Bild ragende Sonnenblenden und dergleichen entsteht. Meistens sehen die schwarzen Rundbögen – vor allem, wenn sie klar erkennbare Grenzen haben – nicht sehr attraktiv aus und werden software-technisch zum verschwinden gebracht.

Plugins und auch die Objektiv-Korrektur in Photoshop, aber auch in Lightroom erlauben es, in einer der typischen Vignettierung ähnlichen Art die Ecken des Bildes aufzuhellen, um die Abschattung auszuräumen.

Aber das Umgekehrte funktioniert auch. Und das habe ich vor einigen Tagen nach einem Besuch bei guten Freunden ausprobiert, weil mir das Bild von Nonna Giorgina und Enkelin Kayleigh überbelichtet und schrecklich beleuchtet schien.

Was sich dank RAW-Dateien leicht beheben lässt – den allgemeinen Belichtungsgrad um eine halbe Blende zu senken – ist schwieriger zu bewerkstelligen, wenn das Bild an den Ecken und Kanten zu hell ist und das Motiv dadurch ausbleicht. Versuchshalber habe ich deswegen den Vignettierungseffekt in Lightroom aktiviert, den Schieberegler weit in den negativ-Bereich gezogen und das ganze am beschnittenen Bild wiederholt.


Das Resultat finde ich um Welten besser als das Ursprungsfoto; die Gesichter der beiden scheinen zu leuchten, das Auge des Betrachters wird nicht mehr vom Sonnenglanz im Hintergrund abgelenkt.

Ein zweiter Versuch mit einem eher langweiligen Bild von Patensohn Damian ergab ebenfalls ermutigende Resultate: Auch hier ist der Hintergrund zu hell und steht in Konkurrenz zum Gesicht (welches ich ausserdem lokal auf der rechten Seite mit dem Pinsel um eine halbe Blende abgedunkelt habe).

Es fällt mir nicht mehr im Traum ein, einem Profi-Fotografen wie Emilio Morenatti irgendeine Technik zu unterstellen, zumal Fotografen der grossen Presse-Agenturen ein striktes Verbot jeglicher Bildmanipulation einzuhalten haben.

Aber ich werde ihn in meinem seit langem geplanten Interview auf jeden Fall fragen, wie seine Bilder zu diesem wunderbaren Vignettierungs-Effekt kommen. Und wenns dafür einen Objektiv-Vorsatz gibt, werde ich schon wieder Geld für Zubehör ausgeben.

Oder ich machs weiterhin in Lightroom oder Photoshop.

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4 Kommentare

  1. HF
    schrieb am 2. Dezember 2009 um 11:36 Uhr (#)

    Ja, aber.
    Ich finde Vignettierung wird schon seit einigen Jahren derart exzessiv genutzt, dass es total abgegriffen und billig wirkt. Das Problem sind vermutlich die omnipräsenten Hobbyfotos mit viel zu viel Vignettierungseffekt. (Wir Hobbyfotografen haben ja meistens kein Maß für Bildbearbeitung. Hochzeitsfotografen übrigens ebenso wenig.)
    Als dezenter Effekt wirkt es tatsächlich schön, aber nur solange man nicht merkt, wo die Wirkung her kommt.
    UND ein mittelmäßiges Bild wird dadurch auch nicht besser, man kann nur von der offensichtlichen Langweiligkeit ablenken.

  2. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
    schrieb am 3. Dezember 2009 um 01:05 Uhr (#)

    @HF: Vollkommen einverstanden – nur gilt das für ungefähr jeden effekt, den wir inzwischen entdeckt haben, von HDR über Fake Tilt/Shift bis eben zur Vignettierung, Sättigung und Lowkey/Highkey.

    Natürlich probieren Amateure alles aus, was sie können – was richtig ist – genauso, wie es früher die Profis getan haben. Bloss kriegen wir leider heute all die experimente und Übertreibungen jederzeit, sofort und im Übermass zu Gesicht. Flickr dabei sowohl Fundgrube wie Horrorkabinett.

    Was die Hochzeitsfotografen angeht, liegt das Problem wohl weniger bei den Fotografen als beim Geschmack ihrer Kundschaft. Und der wäre für mich ein Grund, mich nicht dieser Profession zu widmen…

    PS: Ein wenig muss ich auch ob dieser beispielbilder lachen, die ich persönlich hier verbrochen habe – natürlich sind die total übertrieben.

  3. dierk
    schrieb am 5. Dezember 2009 um 22:52 Uhr (#)

    Ansel Adams schreibt, dass er jedes Bild an den Rändern nachbelichtet, also immer Vignettierung.

    Ich habe bei meinen Bearbeitungen auch fast immer etwas Vignetierung rein genommen, da das Licht so mehr auf das wesentliche konzentriert. Das ist heute mit LR oder noch besser mit Nik Silver Efex mit vielen Einstellungen (z.B. unten mehr, oben weniger) möglich.

    Peter, deine Beispiele sind wohl eher als Negativbeispiele gedacht, da der Effekt viel zu überzogen ist? Oder du hast den Feather bei Lightroom (? mein LR ist in Englisch) nicht gross genug gewählt und somit den Übergang zu sehr sichtbar gemacht? Der Standardwert von 50 ist viel zu niedrig, finde ich.

    zumal Fotografen der grossen Presse-Agenturen ein striktes Verbot jeglicher Bildmanipulation einzuhalten haben.

    verstehe ich nicht, da es so etwas schlicht nicht gibt, bei analog über z.B. die Wahl des Filmes und der Verarbeitung und bei digital schon gar nicht, da bei JPG die Kameraeinstellungen das Bild bearbeiten (verfremden) oder bei RAW die Konverter-Software??

    viele Grüsse
    dierk

  4. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
    schrieb am 5. Dezember 2009 um 23:45 Uhr (#)

    Dierk: Nein, ich hatte die Bilder nicht als Negativ-Beispiele gedacht, aber zur Sichtbarmachung etwas übertrieben.
    Was das Bildmanipulationsverbot bei den Agenturen angeht: Meines Wissens ist alles ausgeschlossen, was den Bildinhalt verändern würde. Vognettierung gehört allerdings, wie ich mir inzwischen habe sagen lassen, nicht dazu – alle “Dunkelkammer-Effekte” sind offensichtlich erlaubt (Emilio Morenatti vignettiert auch).
    Bekannt sind Skandale von Fotos mit digitaler Doppelbelichtung (nachträglich zugefügter Rauch nach Luftangriff im Libanon), Farbmanipulationen (Blutlachen nach dem Terroranschlag auf Touristen in Luxor, die tatsächlich Wasser waren) und regelmässig Sperrungen von Bildern bei AP, weil nachträglich Unscharfmaskierungen, Klon-Eingriffe und dergleichen entdeckt wurden.
    Da Fotografien leider als “objektiv” und “wahrhaftig” wahrgenommen werden, müssen die Agenturen besonders aufpassen, ihren Anspruch auf journalistische Arbeit nicht zu verletzen. Unsereiner weiss, dass jede Fotografie eine subjektive Darstellung ist, genau so wie jeder von einem Korrespondenten verfasste Bericht. Retuschen an Bildern würden aber ebenso wie “gerundete” Zahlen in einem journalistischen Text zu Recht als Irreführung ausgelegt.

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