Farblaub:
Scharf oder unscharf, bitte

Landschaftsfotografie kann auch Details umfassen. Aber im Bild sollte sich nichts befinden, was nicht eindeutig dem Motiv, der Linienführung oder der Stimmung dient.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Sabine Pankratz).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Sabine Pankratz).

Kommentar der Fotografin:

Ich fand die Stimmung sehr schön und das Farbspiel.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Sabine Pankratz:

Ich habe die Erfahrung schon oft gemacht: Man zieht los mit der Kamera, um grandiose Landschaftsbilder zu machen. Und es tut sich einfach nichts: Der Himmel ist langweilig wolkenfrei, die Umgebung verzückt zwar, ist aber bildlich kaum festzuhalten, oder es bietet sich einfach nichts als Vorder- oder Hintergrund an. Dann hilft es meistens, den Blick und die Ansprüche zu senken:

Stillleben und Schärfentiefe
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Am Boden, neben dem einen Baum oder ganz einfach in seiner vielfarbigen Rinde stecken tolle Bilder noch und noch. Wer Hemmungen hat, im Wald einen einzelnen Ast zu fotografieren, weil er eben den Wald ablichten wollte, der sieht ihn vor lauter Bäumen nicht…

Schluss mit dummen Bemerkungen. Jedenfalls: Interessante Details belohnen für manche lange Wanderung mindestens so gut wie das grosse Bergpanorama (denn das hat schon jeder). Aber man muss sich öffnen für die kleinen Bilder am Wegesrand, entdecken, untersuchen und dann eben auch fotografieren.

Nur darf man dabei dann auch keine halben Sachen machen. Wenn ein Motiv ein Bild wert ist, verdient es auch die volle Aufmerksamkeit der Fotografin. Mal eben schnell den Oberkörper drehen und aus der vollen Augenhöhe herab eine Aufnahme schiessen gilt nicht.

Das bunte Herbstlaub, der gleichmütige Stein und das stille Wasser dahinter hast Du hier als Motiv erkannt, und es ist ohne Zweifel eins. Allerdings stört an der Aufnahme der “Rahmen” dieser unscharfen, offenbar im Vordergrund liegenden Zweige oder Stauden. Sie tragen absolut nichts zum Bild bei, sondern verwirren nur die Aussicht auf das kleine Stillleben. Zugleich ist der – wegen der Farben der Blätter – spannendste Bildteil jener im Zentrum des Bildes, von dem aber wiederum aufgrund der offenen Blende nur wenig im Schärfebereich liegt.

Natürlich ist es eine Faustregel, dass bei Landschaftsaufnahmen mit geschlossener Blende gearbeitet werden soll, und bisweilen ist geringe Tiefenschärfe in einem Naturbild ein grosser Gewinn. Mein Lehrer Gary Hart zeigt das hier sehr beeindruckend, und in diesem Bild spielt er mit Tiefen- und Bewegungsunschärfe. Dazu aber muss sie ganz bewusst eingesetzt werden, und jedenfalls nicht nur darum, weil im Dämmerlicht des Waldes anders keine handhaltbaren Verschlusszeiten möglich sind.

Die Schlussfolgerung aus dieser Behauptung ist klar: Auf Landschaftsfoto-Spaziergängen muss das Stativ dabei sein. Denn auf dem Dreihbein muss sich die Fotografin sofort nicht mehr um Verschlusszeiten kümmern und kann die ideale Blende wählen.

Hier wäre eine deutlich kleinere Blende problemlos anzuwenden gewesen, da keinerlei bewegte Motivteile vorhanden sind. Die lange Brennweite und die offene Blende haben hier aber den Schärfebereich auf wenige Zentimeter verkürzt, schon das Ästlein am linken Rand des Steins geht in der hinteren Unschärfe unter und irritiert den Betrachter dadurch.

Ich hätte den Ausschnitt viel enger gewählt und die seitlichen Unscharfbereiche weggelassen; ausserdem hätte ich mit dem Stativ eine Reihe Langzeit-Aufnahmen mehr von oben herab und allenfalls eine Komposition mit offenere Blende, aber sehr flach über den Boden hinweg zum Stein versucht.

Anbei, in der Bildstrecke, einige meiner eigenen Beispiele. Sie sind auf Hawaii entstanden und nicht zu meiner vollen Zufriedenheit geglückt. Im Beispiel mit den Farnen im Lavastrom beispielsweise wird deutlich, dass die Schärfentiefe grösser hätte sein sollen – der Vordergrund ist unscharf – oder aber deutlich kleiner, aber dann wäre ein flacherer Winkel angebracht gewesen. Die Bilder vom Felsbrocken zwischen den beiden Wasserfällen sind mit einem Lensbaby und vollständig offener Blende entstanden, was für einen extremen Abstraktionsgrad sorgt. Das Stillleben der Pflänzchen am öligen Wasser (das Wasserbecken am Fuss des Wasserfalls war voller faulender Mangos) hätte sehr viel mehr potential gehabt und leidet ebenfalls unter einer zu grossen Blende, was sich bei “Draufsicht” häufig negativ auswirkt, weil der steile Winkel fast, aber eben nur fast alles in Schärfe taucht.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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Ein Kommentar

  1. finde das Geschmacksache. Mit großer Tiefenschärfe fände ich das Bild langweilig und es hätte seine Rätselhaftigkeit verloren. Mir ist es nur etwas zu unruhig

3 Pingbacks

  1. [...] Schärfer, bitte Landschafts- und Naturaufnahmen sollten mit Schärfe und Fokus besonders vorsichtig umgehen und sie ganz bewusst einsetzen. [...]

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