Aufzugbild:
Abstrahieren

Kleinigkeiten im Alltag bieten manchmal die reizvollsten Abstraktionen. Die müssen aber auch als Abstraktion behandelt und fotografiert werden.


Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Uwe Neumann).

Kommentar des Fotografen:

Unser neuer Aufzug bietet reizvolle Grafik!

Peter Sennhauser meint zum Bild von Uwe Neumann:

Die besten Bilder sind die einfachen. Das ist auch so ein hohler Leersatz, der manchmal stimmt und manchmal nicht.

Denn „einfach“ heisst nicht, schnell geknipst, und es muss oder soll auch nicht immer heissen „sofort erfassbar“. „Einfach“ ist einfach abhängig vom Bildtyp.

Eine umwerfende Spiegelung odr das Lichtspiel in den fenstern eines vorbeifahrenden Zugs, ein totes Blatt im Weiher, eine wasserpfütze oder ein Treppenhaus, all dies bietet spannende Motive. Du hast gesehen, dass sogar die ecke eines neuen Chromstahl-Aufzugs ein Motiv abgibt.

Nur solltest Du es so fotografieren, dass es nicht mehr eine Ecke in einem neuen Chromstahl-Aufzug ist, oder wenigstens nicht auf den ersten Blick wie genau das aussieht.

Hier sind die Linien und Muster und Farben schon fast mondrianmässig spannend. Aber satt dass ich mich damit auseinandersetze, den Linien folge, mich frage, woher das eigenartige Rot rührt und was das ganze eigentlich ist, sehe ich sofort die Ecke eines neuen Chromstahlfahrstuhls.

Wem ist das noch nicht passiert: Man sieht ein eindeutiges Motiv – den Mond am nackten Himmel durchs eigene Schlafzimmerfenster mit einem Zipfel Vorhang im Bildausschnitt, zum Beispiel – und greift rasch nach der Kamera. Aber statt der eigenen Stimmung mit der klaren Trennung von Drinnen und Draussen und unten und oben erscheint auf dem Monitor der Kamera ein wenig spannendes Bild, das mehr aussieht wie ein Auslösertest als wie ein Kunstwerk.

Ich für meinen Teil glaube daran, dass sich diese Bilder einfangen lassen. Aber es geht manchmal halt nicht so „einfach“, wie man gerne möchte: Um den gleichen starken Eindruck durch die Kamera zu erwecken, den man selber grade von Auge erlebt hat, ist etwas Aufwand nötig.

Denn Du siehst nicht so, wie die Kamera sieht. Die kleine Ixus, die Du hier verwandt hast, lichtet mit durchgehender Schärfe (immerhin – ohne Blitz!) eine Fläche ab, die Du vielleicht durch Fokussierung, Perspektive und Lichtstimmung anders gesehen hast. Das Bild ist nicht uninteressant, aber es ist eben eindeutig ein Fahrstuhl. Du hast aber einen Fahrstuhl betreten und etwas anderes gesehen – eine spannende Kombination von Licht, Linien und Farben. Also müsstest Du versuchen, diese Abstraktion einzufangen. Ein etwas anderer Bildschnitt könnte bereits die Offensichtlichkeit des Gegenstands verwischen, eine höhere oder tiefere Haltung (Perspektive) der Kamera eventuell auch.

beschnitten, leicht gedreht.Ich habe es zunächst mit einem anderen Bildschnitt versucht, der den unteren Raum kappt – an dem ist nämlich zimelich eindeutig erkennbar, dass wir in einem Fahrstuhl stehen und nach oben blicken. Die Linien in der oberen Bildhälfte verlieren an Wirkung, die Lichtsituation ist erfassbar, statt durch ihre Einfachheit ein Rätsel aufzugeben.

Architekturfotografie ist dies ausserdem nur dann, wenn Du für einen Fahrstuhlhersteller oder einen Immobilienmakler arbeitest.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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1 Antwort

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  1. […] je nach Meinung beschränkte oder bereichernde – Sichtweise der Kamera angewöhnt, wird auf Schritt und Tritt Motive entdecken, die zu fotografieren sich durchaus lohnt. George Barr schreckt in seinem Buch […]

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