Walker Evans:
Den Klassiker studieren

Walker Evans, der Begründer der “Straight Photography”, der “direkten Fotografie”, ist in Winterthur zu studieren.

Die Bilder der Klassiker sind uns immer irgendwie präsent im Hinterkopf wie flüchtige Bekannte, deren Name uns nur gerade nicht einfällt. Wenn wir uns entscheiden, sie wirklich kennen zu lernen, werden sie richtig spannend.

Es lohnt sich aus vielen Gründen, sich mit den uns flüchtig bekannten Bildern von Walker Evans näher zu beschäftigen:

Wir haben die Gelegenheit, uns die Originale anzuschauen. Das ist auch eine sinnliche Erfahrung und immer beeindruckender als die Reproduktion. Wir erkennen ihre ästhetische und technische Beschaffenheit und vergleichen mit unseren eigenen Werken. Wir sehen nicht nur die Bilder, die immer wieder mal irgendwo zitiert werden, sondern noch viele, viele mehr. Wir erkennen plötzlich die Modernität dessen, was vor siebzig Jahren gesehen und gedacht wurde. So können wir manches aus heutiger Zeit besser einordnen und bemerken: Damals war es radikaler gedacht.

Walker Evans’ detailreiche Großbildaufnahmen des amerikanischen Lebens, vor allem der Armut des ländlichen Lebens in Alabama während der großen Depression in den Dreißigerjahren, haben Fotogeschichte geschrieben und Generationen von Fotografen und Fotografinnen geprägt. Die Ausstellung im Fotomuseum Winterthur mit 130 Werken umfasst alle seine Schaffensphasen: frühe Straßenfotografien aus den Zwanzigerjahren, die Dokumentation der Wirtschaftskrise der Dreißigerjahre in den USA und auf Kuba , Landschafts- und Architekturaufnahmen, die Bilder aus den großen Städten: Porträts in der U-Bahn, Ladenfronten, Werbetafeln.

Walker Evans begründete seinerzeit den neuen direkten Stil – “Straight Photography”. Er beschäftigte sich mit vermeintlich “gewöhnlichen” Themen und hob die Barrieren zwischen dem sogenannten Wichtigen und dem Trivialen auf. Aus seiner scheinbar distanzierten Kälte ergab sich ein Stil, der reich an ausdruckstarken Inhalten war, zur Poesie fähig und zugleich wider jede falsche Romantik, Sentimentalität oder Nostalgie.

Walker Evans
Fotostrecke starten: Klick auf ein Bild (5 Bilder)

Walker Evans‘ Werk entfernte sich denn auch weit von dem, was bis dahin in der Fotografie als Kunst gegolten hatte. Nicht die augenfällige Schönheit interessierte ihn, sondern eine neue Sachlichkeit. Er verschrieb sich einem Stil, der Tatsachen unverstellt betrachtete, versuchte die Dinge in ihrer Eigenheit so darzustellen, wie sie waren, scheinbar ohne Eingriff, ganz präzise, ohne Emotion und Idealisierung.

In den Fünfzigern, Sechzigern, Siebzigern, eigentlich bis heute, knüpfen Fotografen daran an. Seien es Robert Frank, Garry Winogrand oder Lee Friedlander, William Eggleston oder das, was später “New Colour Photography” genannt wurde mit Stephen Shore zum Beispiel.

Walker Evans
Bis 23. August
Fotomuseum Winterthur, Grüzenstraße 44 + 45, CH-8400 Winterthur (Zürich)
Infoline +41 (0) 52 234 10 34, fotomuseum@fotomuseum.ch
Geöffnet Dienstag bis Sonntag 11 – 18 Uhr, Mittwoch 11 – 20 Uhr, Montag geschlossen

Fotomuseum Winterthur
Walker Evans bei Masters of Photography

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3 Kommentare

  1. Dr. Bruchholz, Ljudmila
    schrieb am 9. Juni 2009 um 15:03 Uhr (#)

    Uli, ein hervorragender Artikel! (informativ, neugierig machend!). Daß der Begriff FSA (Farm-Security-Administration)nicht fiel, ist vielleicht dem Umstand geschuldet, daß Ihr hier “rein fotografisch argumentiert”. Ist nicht nur o.k., sondern schult die Sinnlichkeit der Wahrnehmung fotografischer Bilder. In der Kürze ist wohl alles Wesentliche gesagt worden. Bin auch der Meinung, daß das Studium der Original-Abzüge eine enorme Bereicherung ist. Da mich die Kubafotos von Walker Evans besonders interssieren (sah ein oder zwei davon vor Jahren in einem Buch über den Fotografen), werde ich `mal die Fotostrecke ansehen und dann entscheiden, ob ich der Schweiz einen Besuch abstatten werde und kann.

  2. Sofie Dittmann
    schrieb am 9. Juni 2009 um 22:31 Uhr (#)

    Super Artikel. Hatte mal Walker Evans im Original gesehen, wäre jetzt aber gerne in Winterthur. LOL Da ich ein großer Fan der frühen Pioniere und von Street Photography bin, ist das hier ein besonderer Leckerbissen! Danke!

  3. Dr. Bruchholz, Ljudmila
    schrieb am 10. Juni 2009 um 05:32 Uhr (#)

    Sofie hat recht: die Arbeiten des Künstlers sind Leckerbisssen für´s Auge,(und Ulis Beitrag Wissen-Nahrung)für uns. Da für mich persönlich der Augensinn der wichtigste ist, glaube ich fast zu spüren wie sich die unterschiedlichen Fassenden der Wolkenkratzer anfühlen (es gibt ja in Manhattan, nur da war ich dreimal, Skycraper die nach 1902 gebaut wurden, die wunderschön sind. Man will immer nur den Kopf nach oben recken. Weil das praktisch nicht geht (Motto: Hans Guck in die Luft), habe ich mir damals ein Buch gekauft, wo Farbfotografien zu diesem Thema drin sind.
    Uli hat recht, die Klassiker werden nicht umsonst so genannt. Hat man ein Werk von ihnen gesehen, das einem im Gedächtnis bleibt, dann ist es drinn im Kopf und als Vergleichsmaßstab “abgespeichert”. Als ich bei meinem ersten Besuch dieser großartigen Stadt (Juli 1996 glaub ic h) die 52th oder 54th Street/W, entlangsschlenderte,sah ich auf der anderen Straßenseite eine Baulücke(was allein schon ein Erlebnis war)und machte ein Farbfoto von dem Bauzaun samt großem Schriftbild eines weltberühmten Modeunternehmens drauf, einem Baum davor und einem vorbeisausenden Bus. Der Farbzusammenklang Braun/Orange und der Hell-Dunkel-Kontrast nahmen mich gefangen. – Wer den ältesten Wolkenkratzer (das Fuller-Building alias Flatiron)aus den kunstfotografischen Edeldrucken von Alfred Stieglitz, Edward Steichen, Alvin Coburn u.a. kennt und wirklich vor dem Gebäude steht, wird sich fotogarfisch erproben wollen. So ging es auch mir im Dezember meines zweiten Aufenthalts in N.Y.

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