Travemünder Leere:
Knallige Tristheit

Peter Sennhauser, 15. Juni 2009 11:03 Uhr, 1 Kommentar Kommentare

Wie eine leere Bühne liegt ein Steg im Spotlicht eines Sonnenstrahls: Ein einfaches, leeres Motiv wird nur durch das Licht sehr lebendig.

Kommentar des Fotografen:

Das Bild entstand am Strand in der Nähe von Travemünde. Bei recht unbeständigen Wetter wollte ich die Weite und bedrückende Leere (nicht mal Möwen waren unterwegs) der Ostsee vermitteln und dabei das Bild dreidimensional wirken lassen.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Mario Mertsch:

Ich bin erstmal ganz einfach beeindruckt von dem Bild – aus technischer Sicht sowieso. So sehr, das ich sofort beschlossen habe, die Ricoh-Kameras nochmals unter die Lupe zu nehmen:

Die Aufnahme hat fast durchgehende Schärfe und dennoch verhältnismässig wenig Bewegung in den Wolken, was mit einer Spigelreflex mit geschlossener Blende kaum möglich wäre. Tatsächlich hast Du mit einer recht offenen Blende bei kurzer Belichtungszeit gearbeitet, was dank der Kompakten Ricoh mit 1:1.7-Zoll-Sensor recht grosse Schärfentiefe ermöglicht, und das Resultat gefällt mir in Schärfe, Farbe und Tonwertverteilung. Vielleicht einfach tolle Lichtverhältnisse, vielleicht auch ein wenig Nachbearbeitung, von der Du allerdings nichts sagst.

Ich finde, Du hast Deine Ziele erreicht: Die unwirkliche Stimmung ist fühlbar, die Wolken scheinen sehr schnell zu ziehen, und dabei ist das Meer unpassend ruhig; der Turm mit seinen Scheuklappen wirkt trist und der Steg betont die Menschenleere.

Zugleich hat das weiche Licht für eine schöne plastische Betonung der wenigen Elemente gesorgt, deren Anordnung gut funktioniert: Tiefe entsteht durch die Diagonale der Küstensteinlinie, Raum entsteht durch die drei Motive im Vordergrund, den Turm, den Mast mit Rettungsring und -Stange, und den Steg, der die Linie schneidet. Die Übermacht des dramatischen Himmels wird gerechtfertigt durch die Flaggenanlage auf dem Turm. Alles wirkt völlig natürlich, ergibt aber eine ausgewogene Komposition.

Unschlüssig bin ich mir darüber, ob der schiefstehende Turm – wohl eher ein Verzerrungs Effekt des Weitwinkelvorsatzes der Ricoh – dem Bild Abbruch tut und korrigiert werden sollte. Ein schneller Versuch hat zunächst den Turm zwar grade gerückt, aber ihn in eine Ellipse verzerrt, was auch nicht besser ankommt. Hier finde ich allerdings die stürzenden Linien gar nicht schlimm, sondern dem Bild zuträglich, weil der Turm gewissermassen gegen Wind und See anstehen muss.

Das fleckenhafte Sonnenlicht auf dem Steg lässt ihn wie eine Bühne im Spotlight erscheinen, die aber leer geblieben ist, und unterstreicht damit Deine Bildaussage. Die Tonwertverteilung passt perfekt vom absoluten Schwarz im Schatten des Turmes bis zum absoluten Weiss in den Wolken, die knalligen Farben stehen zwar im Kontrast zur Stimmung und scheinen mir etwas zu stark gesättigt, aber in Deiner künstlerischen Freiheit als Kontrapunkt zum grünen Meer und dem blauen Himmel ist auch die Grellheit des Rettungsturms vertretbar.

Bei längerer Betrachtung stört mich eigentlich nur der rechtge Winkel zum Mast mit dem Rettungsring, der dadurch seine Form als erkennbares Objekt verliert. Mit einigen Schritten nach links hätte sich das zwar beheben lassen, aber damit wäre die Gruppierung des Turms mit dem Mast und die Isolierung des Stegs aufgelöst worden. Ich denke, Du hast das kleinere Übel gewählt.

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1 Kommentar

  1. Henning Welslau
    schrieb am 15. Juni 2009 um 13:03 Uhr (#)

    Hallo,

    mir sagt das Bild auch zu. Die Wolken bringen Spannung ins Bild.

    Den Turm habe ich Ostern 2009 auch als Motiv gewählt, leider war der Himmel nicht sehr spannend… so habe ich in der blauen Stunde einige Langzeitbelichtungen probiert.

    http://flickr.com/photos/…/3449703789/sizes/l/

    http://flickr.com/photos/…/3463010348/sizes/l/

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