Herzinfarkt II:
Die Kraft des Persönlichen

Manchmal sind Fotos ganz einfach wertvoll, weil sie persönliche Befindlichkeiten besser ausdrücken als alle Worte der Welt.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Martin Lacher).

Kommentar des Fotografen:

herzinfarkt II. Zugefallen während einem Spitalaufenthalt nach 2. Herzinfarkt binnen 6 Monaten. Fotos dieser Kategorie zeige ich jeweils bestenfalls engen Vertrauten. In diesem Fall nach der Frage nach meinem damaligen Befinden. Für einmal wage ich es, nach der Wirkung auf Aussenstehende zu fragen.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Martin Lacher:

Ist das ein gutes Bild? Was ist ein gutes Bild? Sind Nan Goldins Fotos „gut“, oder jene von William Eggleston?.

Es gibt sehr viele Definitionen von Qualität, und bei Bildern und Fotos sind sie so vielfältig wie die Techniken, mit der die Technologie angewandt werden kann.

Diese Fotografie hier berührt mich, weil sie ganz offensichtlich nicht ästhetisch sein will, keine Ansprüche an ein bildhaftes Motiv hat und noch nicht einmal die Farben als solche zum Gegenstand hat.

Aber trotzdem oder grade deswegen hat sie eine klare, sehr einfache Aussage, strahlt eine Emotionalität aus, die auch ohne die Erklärung des Fotografen fassbar ist und durch sie noch viel eindeutiger wird.

Brauchen Fotografien Titel? Darüber streiten sich die Teilnehmer in den Foto-Foren rund um die Welt.

Diese Fragen sind einer eigenen Diskussion würdig. Aber hier geht es um Martin Lachers Bild, das meiner Ansicht nach unbedingt einen Titel braucht. Es ist kein Zufallsbild und keine missglückte Belichtung, sondern ein eindeutiger Ausdruck einer urpersönlichen Stimmung, ein Bild, das er „jeweils nur engen Vertrauten“ zeigt.

Ich kann das Bild nicht kritisieren, weil es reiner Impressionismus ist. Kenne ich den Titel und den Hintergrund seiner Entstehung, dann ist es ein extrem starkes Bild. Die Frage, die ich hier für einmal in die Runde werfen möchte: ist es, wenn man den Titel und den Hintergrund nicht kennt, ein schlechtes Bild? Und wenn Deine Antwort ja lautet: Warum hast Du es angeschaut und diesen Text dazu gelesen? Warum ist es mir bei der Durchsicht der neu eingereichten Bilder immer wieder ins Auge gesprungen?

Ich würde mich über eine ehrliche Diskussion freuen.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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10 Antworten
  1. Martin Lacher says:

    Höchste Zeit daß ich mich melde. Eure Reaktionsgeschwindigkeiten überstiegen meine Möglichkeiten und Formulierungsfertigkeiten, ich mutiere zunehmend zu einem sehr langsamen und bedächtigen Zeitgenossen.
    Danke für Eure Beiträge! Noch nie habe ich in so kurzer Zeit so viel darüber nachgedacht warum ich wann fotografiere, was ich behalte und wenn überhaupt wem zeige, warum ausgerechnet dieses Bild an dieses Forum schickte. Im Vertrauen darauf, daß das Bild nicht publiziert wird, wenn ich vollends daneben liege.
    Ich bekomme regelmässig zu hören, daß meine Texte, Bildmethaphern stark wirken wenn ich mich in ihnen schonungslos zeige, beruflich wie auch privat. Ablehnung und Unverständnis gehören zu den mir vertrauten Reaktionen ebenso wie Annahme und Zustimmung. Dialogischer Austausch ist das Ziel, oft Notwendigkeit. Nicht selten ist mir diese „Stärke“ unheimlich, nicht zuletzt weil ich sie nicht durchschaue.
    Es ist neu, daß ich Fotografien über den engsten Bekanntenkreis hinaus zeige und mich damit um so mehr ausliefere. Von euch habe ich mir erhofft, mehr darüber zu erfahren was dabei passiert und komme voll auf die Rechnung. Ich habe dieses Forum als Ort der feineren Töne gewählt, ein Ort wo Menschen in der Verbindung von Wort und Bild geübt sind. Schade war mir das beim Einreichen des Bildes nicht so klar, heute könnte ich in der Kommentarfunktion mein Anliegen ausformulieren.
    Als sehr kognitiv geschulter Mensch in einem Beruf mit hohen rationalen Ansprüchen hat für mich das Irrationale, Unbewußte immer einen sehr hohen Stellenwert behalten und ist Sprache für mich – trotz der Eloquenz welche man mir manchmal zuspricht – ein sehr limitierendes Ausdrucksmittel. Dort wo ich sprachlos werde, suche und finde ich Bilder, für mich, manchmal auch für zwischenmenschliche Auseinandersetzung. Es ist aber erstmalig daß ich einem Bild einen Titel gegeben habe und er war für mich unumgänglich, reiße ich doch ein Sujet aus einem eindeutigen Zusammenhang und stelle es in einen andern, persönlichen, der aus meiner Sicht niemandem ohne Hinweis zuzumuten ist. Wofür dieser Helgen (schweizerdeutsch) steht, begriff ich erst aus der Distanz von etwa einem Jahr, zugemutet habe ich ihn einigen Vertrauten schon nach wenigen Wochen als Antwort auf die Frage wie es mir gehe.
    Bildsprache und fotografisches Handwerk sind mir immerhin soweit bekannt, als daß mir beim Einreichen der Fotografie klar war, daß es als schlecht gemacht bezeichnet werden kann.
    Wenn ich lese, was ihr an Wirkungen auf Euch beschreibt und annehme, daß diese in der Kombination von Text und Bild entstanden (und nicht ausschliesslich auf Grund des Titels und Kommentars), scheint es mir doch möglich, aus diese Weise intersubjektiv über das rein zufällige hinaus zu kommunizieren. Ein Mittel allerdings, das ich weiterhin sehr vorsichtig und zurückhaltend einsetzen werde, besonders wenn ich mich so leichtfertig über die Konventionen der Bildsprache hinwegsetze. So was einzuschicken hat Mut gebraucht und war nur möglich, weil es für mich wenigstens im Subjektiven etwas Adäquates hatte. Ich bin kein guter Handwerker, zur Zeit aber intensiv am üben. Eure Kommentare haben mich zur Einsicht geführt, daß ich wenig Vertrauen in meine fotografischen Ausdrucksmöglichkeiten habe und darum ein sehr plakatives Bild behalten habe. Sollte ich damit an diesem Ort der feineren Töne jemanden vor den Kopf gestoßen haben, tut mir das leid, ebenso wenn ich hier für mich Dinge kläre die für andere längst selbstverständlich sind. Mir sind alle geposteten Beiträge Anregung, welche über das fotografische hinausgeht.

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  2. Peter Sennhauser says:

    @ Thorsten, Ulrich: Die Reduktion (ist Abstraktion nur Reduktion? Ich sehe darin mehr die Überführung eines Gegenstandes in etwas ganz anderes) ist hier doch ziemlich prominent die Verdunkelung des letzten Tageslichts durch eine bedrohliche Rauchsäule. Die Tatsache, dass Ihr Euch hier auf eine Diskussion einlässt, hat doch auch damit zu tun, dass das Bild Euch irgendwie berührt hat?

    @Dirk: Diese kurze, prägnante Zusammenfassung gefällt mir sehr. Auch mit Bezug auf dieses Bild.

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  3. Dirk says:

    Vielleicht sollte man hier zwischen zwei Dingen unterscheiden:
    Dem Kunsthandwerk und der Kunst.
    Kunsthandwerk benötigt das Beherrschen eines Handwerks. Man muss in der Lage sein, zu malen, zu fotografieren, einen Teppich zu knüpfen, zu schweißen, zu schnitzen usw. usw.

    Wenn es um Kunst geht, gelten m. E. solche Fähigkeiten nur am Rande. Man kann ein Kunstwerk erstellen, ohne eine einzige Fähigkeit zu besitzen. Man kann Kunst schaffen, indem man gar nicht handwerklich tätig wird und z. B. einfach einen Auftrag gibt.
    Kunst benötigt m. E. mehrere Dimensionen. Es reicht nicht (und es ist auch nicht notwendig) ein schönes Bild zu erstellen, aber man muss in der Lage sein, einem Gegenstand (oder etwas anderem?) eine oder mehrere Dimensionen zu gehen.

    Und eben das ist hier geschehen. Das Foto ohne den Kontext „der II. Herzinfarkt“, ist einfach nur ein Bild, aber dieser Kontext hebt es aus all den anderen Fotos heraus. Es berührt. Es erschreckt. Es verunsichert. Es lässt diskutieren. Und, ja, nach meiner Meinung ist es aus diesen Gründen ein Kunstwerk.

    Ob es nun ein gutes Bild – nach den Maßstäben klassischer Fotographie – ist…
    Nun ja, das ist ein anderes Thema, und an dieser Stelle eigentlich egal.

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  4. Ulrich Brodde says:

    @peter
    für abstrakte bilder bin ich der falsche ansprechpartner.
    da wo andere ganze welten sehen, sich an gegenläufigen diagonalen berauschen, die leichtigkeit des seins in der manifestation des kreises erkennen, da sehe ich nur:
    nix!

    höchst selten werde ich vielleicht noch von einer dem foto innewohnenden ästhetik angesprochen.
    mir fehlt es nicht an phantasie, nur wird diese von abstrakten fotos oder bildern nicht angeregt.

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  5. Thorsten Olbrich says:

    Peter nicht das ich jetzt von Kunst Ahnung hätte aber Abstraktion beutet dich soviel wie auf das Wesentliche zu reduzieren. Wenn ich das Bild auf das Wesentliche reduziere sehe ich die Farben: schwarz, rot, gelb (gold) also vielleicht die deutsche Flagge?
    Wenn ich mich sehr sehr anstrenge könnte ich in dir Wolke noch einen Kopf mit einer großen Nase reininterpretieren.
    Ich rede immer noch von dem Bild ohne auf die Hintergründe der Entstehung zu achten.

    Also erkläre mir doch bitte was du in dem Bild siehst was mir ganz und gar verborgen bleibt.

    Ach bevor ich es vergesse warum dir das Bild immer wieder ins Auge gesprungen ist vielleicht war das schlechte Wetter dran schuld. Dir war kalt und das Bild strahlt eine gewisse wärme durch die Farben aus :-)
    Es gibt ja aber auch genug Menschen die erst um die halb Welt fliegen müssen damit sie einen Sonneunter- oder aufgang sehen können.

    Nicht böse nehmen aber du willst ja immer Diskussionen

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  6. Peter Sennhauser says:

    Danke zunächst in die Runde.

    @Corinne: Mut hat hier Martin Lacher bewiesen. Ich war mehr ratlos und versuche zu verstehen, was mich an dem Bild so anzieht, obwohl ich es doch auch technisch nicht grossartig finde.

    @bee: Ich glaube auch, dass es in einem Photowettbewerb keine Chance hätte. Trotzdem berührt es mich, und das hat es schon, bevor ich die Beschreibung gelesen habe.

    @Thorsten: Du hast natürlich recht. Andrerseits ist diese Bild doch auf den ersten Blick als Abstraktion zu erkennen und damit nicht mehr nach rein technischen Gesichtspunkten beurteilbar?

    @Ulrich: Gute Definition. Was aber sind dann abstrakte Bilder? Sie erzählen nie Geschichten, sondern animieren doch, die eigene zu erfinden?

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  7. Ulrich Brodde says:

    ein foto ist ein foto.
    eine geschichte ist eine geschichte.

    ein gutes foto ist für mich ein foto, das eine geschichte erzählt. das kann auch ein rein technisch gesehen „schlechtes“ foto sein.

    ein foto, zu dem eine geschichte erzählt werden muss um die geschichte des fotos zu erklären, ist für mich kein besonders gutes foto, auch wenn es rein technisch gesehen ein „gutes“ foto ist.

    wenn nun, wie in diesem fall, ein technisch schlechtes foto nur durch eine zusätzliche geschichte aufmerksamkeit erregt, dann ist es für mich ein besonders schlechtes foto. pressefotos mit nennung des ortes und der begleitumstände mögen eine ausnahme sein.

    dem bildautor martin lacher wünsche ich persönlich alles gute und dass er noch viele solcher momente bei guter gesundheit erleben und fotografieren kann.

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  8. Thorsten Olbrich says:

    Ich kann diesem Bild nichts abgewinnen.
    Das untere drittel ist komplett schwarz und strukturlos und der Rest ist auch nicht sehr interessant.
    So ein Foto fällt für mich in die Kategorie Urlaubsbilder einem selbst mögen sie gefallen weil sie die Erinnerung und Emotionen transportieren können aber sonst kann damit keiner was anfangen.
    Ach ja ich lese übrigens nie bevor ich mir das Bild nicht selbst angeschaut habe und mir überlegt hab was daran gut oder schlecht ist.

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  9. bee says:

    Nachdem ich erfahren habe, in welchem Zusammenhang das Bild entstanden ist, kann ich es leider nicht mehr „neutral“ beurteilen. In einem Fotowettbewerb würde es vermutlich durchfallen. Gleichzeitig finde ich, dass dieses Bild mit dem Hintergrundwissen, wie und warum es entstanden ist, sehr viel mehr Aussagekraft hat als viele andere Fotos, die ich sehe und selbst mache.

    Vielen Dank, dass du uns das Bild gezeigt hast.

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  10. Corinne ZS says:

    Ich kenne noch eine weitere Variante: Bilder, die ich mache, und deren Bedeutung sich mir noch nicht erschliesst. Zwei solche Bilder habe ich bei Euch eingereicht, eine grüne Spirale und ein Blattschatten auf einem Stein. Es ist, wie wenn sie mir Geschichten erzählten, die ich nicht verstehe. Für mich persönlich absolute Hingucker, fast schon Begleiter.

    Wir könnten ja einmal „Die Fotografie als Amulet“ besprechen – ein altes Thema und eins, das sich durch Kulturen zieht: Das Bild von Frau und Kind in der Brusttasche des Erschossenen, das Bild des Hochzeitstages im Herzanhänger, das Bild der Geliebten im Portemonnaie (gleich neben der American-Express-Karte).

    Daneben die Bilder, deren Inhalt und Aussage uns durchs Leben begleitet, auf einem kollektiven Weg (etwa das Bild von Kim Phuc, wie sie schreiend auf die Kamera zu rennt, von Napalmbomben der Amerikaner verbrannt) oder auf einem persönlichen. Wie hier. Dass ich die Bildbesprechung gelesen habe liegt natürlich daran, dass ich auf Peters Meinung zum Bild gespannt war. Nun kenne ich sie. Und bewundere gleichzeitig seinen Mut, hier – im kalten Licht des Internets – zarte Seelenklänge anzuschlagen.

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