Fotografie als Hobby:
Die vierte Dimension

Peter Sennhauser, 23. Juni 2009 19:49 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Fotografie ist, nüchtern betrachtet, ein simpler Vorgang. Warum also sind wir so fasziniert vom Knöpfedrücken? Weil wir mehr lernen können als bei irgendeiner anderen Tätigkeit.

Er wisse doch gar nicht, was er eigentlich wolle, klagte ein Freund kürzlich , dessen Leben durch die Trennung von Frau und Kindern auf den Kopf gestellt worden ist: Vorher hatte sich alles um Familie und Job gedreht. “Ich brauche etwas anderes”, sagte er.

Ich begann nachzudenken, welche Dinge denn in meinem Leben eine grosse Rolle spielen – und warum.

Neben meiner Leidenschaft für meine Arbeit – Journalismus in all seinen Formen – stand sofort die Fotografie als facettenreichstes “Hobby” fest. Dabei besteht sie, etwas gar nüchtern gesehen, aus dem Drücken von verschiedenen Knöpfen. Aber drumherum besteht eine Fülle von interessanten Inhalten, kreativen Vorgängen und einem nie abreissenden Strom an Erkenntnissen – und als Krönung oben drauf die Möglichkeit, etwas von persönlichem und künstlerischem Wert zu schaffen, das bleibt.

Kaum eine andere Tätigkeit bietet so viele Aspekte und Richtungen, aus denen man sich dem Kern nähern kann.

  • Wer kreativ sein will und ein gutes Auge hat, aber nicht malen kann, erhält mit der Fotografie ein anderes Medium zur Gestaltung.
  • Wer sich für Technik und Physik interessiert, findet in der Fotografie ein mehr oder weniger geschlossenes Feld voller fantastischer Experimente und Geräte.
  • Wer Computer und Digitalisierung toll findet, kriegt durch die Fotografie Rohmaterial für endloses Ausprobieren.
  • Wer wissen will, woher unser ästhetisches Empfinden rührt, kriegt in der Fotografie Theorien, Regeln und Beweise in Hülle und Fülle.
  • Wer Menschen begegnen und Geschichten erzählen will, kriegt mit der Kamera sozusagen den Passierschein zu Vorgängen, von denen er ansonsten ausgeschlossen bliebe.

So geht es weiter, und ich möchte und könnte mich nicht auf eine dieser Motivationen festlegen: Sie faszinieren mich alle zugleich, und ständig tauchen neue auf – Geschichte anhand von Fotografie, Geschichten auf Basis von Fotografien; Fragen nach dem, was Fotografie darf und was Kunst soll oder philosophische Diskussionen über den Zusammenhang von Bild und Wahrheit – es nimmt kein Ende.

Dazu kommen beinahe unendliche Variationen des Fotografierens selber: Von der Landschafts- über die Porträt-, Studio-, Makro-, Unterwasser- und Architekturfotografie bis zum Fotojournalismus; die Entwicklung und Umsetzung ganzer langjähriger Projekte und Einblicke in die Welt, die nur durch die fotorafische Abbildung überhaupt möglich sind.

Die Fotografie bietet so viele verschiedene Felder, dass einem die Ideen gar nie ausgehen können. Wenn ein Aspekt ausgereizt scheint oder langweilig wird, wende ich mich dem nächsten zu, starte neue Projekte und versuche eine§ andere Perspektive zu gewinnen.

Als Bonus sammeln sich obendrauf langsam die “Keeper”, jene Hand voll wirklich gelungener Bilder, die ein bleibendes Resultat des Lernprozesses und immer wieder Ansporn und Quelle der Freude an der Gestaltung sind.

Und auch damit noch nicht genug: Weil die Fotografie sich fast immer und überall ausüben lässt, begleitet einen das “Hobby” von der Arbeit in den Urlaub zum Familienfest – und überall bieten sich neue Gelegeneheiten und ganz andere Motive und Einsatzarten. Fotografie lässt sich mit jeder Tätigkeit, Aufgabe und Lebensphase verknüpfen und verändert sich dabei ständig.

Ich habe mich gefragt, welche andere Beschäftigung mir eine ähnliche Fülle an Möglichkeiten und Befriedigungen bietet – und es ist mir schlicht und einfach keine eingefallen. Selbst beim Musizieren wird die Breite der Möglichkeiten durch Abhängigkeit von einem Instrument wieder beschränkt, und zugleich bietet es wenig von der Gerätespielerei, die mich in der Fotografie bisweilen lange beschäftigen kann: Sie hilft mir namentlich über kreative “Krisen” oder Pausen hinweg, indem ich mich eben temporär mit der Ausrüstung und pragmatischen, weniger von meinem individuellen Zustand abhängigen Dingen auseinandersetze.

Auch kein Sport bietet eine ähnliche Fülle. Ich bin Gleitschirm geflogen und habe Tennis, Billard und Golf gespielt, und obwohl Letzteres tatsächlich Suchtpotential hat, war es doch auch eine relativ dimensionsarme Betätigung: Auf dem Golfplatz kann ich abtauchen ins Grün und den Schwung, aber nach vier Stunden muss ich dieser Welt wieder komplett entsteigen und habe nichts mehr davon ausser vielleicht einer guten Erinnerung und einem verbesserten Handicap.

Ausserdem sind mir Leute, die sich nur noch über ihr eines Hobby unterhalten, ein Graus, auch wenn ich phasenweise nur noch von Golf oder den letzten Gleitschirmflügen gesprochen haben mag.

Die Fotografie dagegen liefert mir weit mehr als gelegentliche Gelegenheiten zum Fachsimpeln über Lichtstärke und die Vorzüge des einen Objektivs über ein anderes: Sie sorgt für Begegnungen mit Menschen, die ich ohne Kamera und die Absicht, ein Bild zu schiessen, nicht gehabt hätte, für Erinnerungen und Entdeckungen, die nur durch die Jagd nach dem einzigartigen Bild entstanden sind, aber Geschichten abwerfen, die mit der Fotografie fast gar nichts zu tun haben und mit denen ich auch völlige Laien unterhalten oder in eine Diskussion verwickeln kann.

All dem aber wohnt vor allem eine Tiefe inne, die nie wirklich zu ergründen ist. Auch wenn ein Motiv schon millionenfach abgelichtet wurdekeine zwei Bilder sind wirklich identisch, keine zwei Fotografinnen benutzen exakt den gleichen Blickwinkel, haben das gleiche Licht zur Verfügung und benutzen die gleiche Technik. Ferner ist auch die Technik nie wirklich abgeschlossen erlernt, es gibt immer noch etwas, was man ausprobieren und verbessern kann – selbst an einem einzigen Bild.

Und darin sehe ich die grösste Faszination der Fotografie: Sie ist ein endloses Feld an Erfahrungen und Experimenten. Unsere Neugier und die Freude am Lernen finden ein grenzenloses Betätigungsfeld.

Ein erfolgreicher Werbefotograf mit dreissig Jahren Erfahrung hat mir hierzu kürzlich die Bestätigung geliefert. In einer Krise habe er nach zwanzig Jahren geglaubt, die Fotografie fange an, ihn zu langweilen.

“Bis ich merkte, dass es der Job ist, der mich langweilt, und nicht die Fotografie.”

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