Herbstpier:
Motivsuche

Peter Sennhauser, 9. Juli 2009 11:01 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Landschaftsaufnahmen können von Leere leben. Aber sie muss umso stärker inszeniert und durch Tiefe zur Geltung gebracht werden.

Kommentar des Fotografen:

Das Bild habe ich in Belgien aufgenommen. Habe dem Himmel die Farbe entzogen für mehr Kontrast. Die Stimmung ist herbstlich, was mir besser gefällt. Als fortgeschrittener Anfänger freue ich mich auf die Kritik.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Miro K.:

Landschaftsfotografie ist eine scheinbar einfache Bildgattung: Eine tolle Landschaft als Motiv, die richtige Belichtung – fertig ist das Bild.

Häufig – wie hier – geht es aber gar nicht um die Elemente der Landschaft, sondern um die Stimmung, um Linien, Licht oder Farben. Dann muss der Fotograf die bestimmenden Elemente finden.

Mir ist hier nicht klar, was Deine Bildabsicht war. Du schreibst, die herbstliche Stimmung habe Dir gefallen, und dass Du dem Himmel Kontrast entzogen hast. Jetzt wäre es hilfreich zu erfahren, warum: Das Bild hat bereits so wenig Ankerpunkte und wenig Tiefe, es bietet ausser der etwas klischierten Möwe wenig, was mich zu fesseln und zur weiteren Ergründung bewegen vermag.

Bleiben wir kurz bei der Technik und der Komposition: Auf den allerersten Blick stört mich der gekippte Horizont. Wasser hat die Eigenschaft, absolut waagerecht zu liegen – ein schräger Horizont einer Wasserlinie wirkt deswegen immer falsch, es sei denn, er ist mit brutaler Absicht so schräggestellt, dass etwas anderes die Achse des Bildes aufgreift. Aber eine leichte Verkantung der Kamera – hier handelt es sich um fast ganz genau ein Grad Linksneigung – bekommt dem Horizont nicht, und wenn noch dazu der Pier diese eine starke Bildlinie betont, fällt die Neigung doppelt auf.

Der zweite Makel ist die Unentschlossenheit bei der Aufteilung von Himmel und Wasser. Du hast den Horizont fast genau in die Bildmitte gelegt, was weitere Spannung aus dem Bild entfernt. Der kleine Leuchtturm steht im goldenen Schnitt links, aber der Horizont teilt die Aufnahme fast ganz genau mittig. Das ist eine typische Erscheinung, der man leicht verfällt: Achte in ähnlichen Kompositionen einmal darauf, wie Du mit der Aufteilung von Himmel und Erde umgehst – wir haben die Tendenz zur Zweiteilung, aber in fast allen grossartigen Landschaftsaufnahmen ist dies nicht das gewählte Verhältnis.

Landschaftsfotografie lebt von Motiven, Linien, Licht, Farbe und Tiefe. Wenn Du Dein Bild auf diese Eigenschaften (die nicht alle vorhanden sein müssen) analysierst, welche findest Du dann? Die Linien sind extrem reduziert, es gibt eigentlich nur den Horizont und den Pier; die Farben sind fast monochrom, das Motiv ist sehr einfach, und Tiefe ist kaum vorhanden.

Mit welchen Mitteln hättest Du arbeiten können? Die Wasseroberfläche bietet Bewegung und Linien, die zudem einen spannenden Kontrast zur Geraden des Horizonts und der menschlichen Künstlichkeit des Piers hätten geben können. Der Himmel mit den Wolken könnte für Farbnuancen oder aber ebenfalls für einen starken Kontrast zu den dunkleren Bildteilen sorgen. Ein anderer, ungewohnter Blickwinkel, etwa entlang dem Pier in die graue Leere der See hinaus, hätte die Tiefe und die Unendlichkeit betonen können.

Du hättest Dir vor der Aufnahme überlegen können, was denn für Dich die Stimmung, den Herbst ausmacht, und wie Du diesen Punkt betonen kannst.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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