Experimentelles Selbstporträt:
Anstoß zum Nachdenken

Selbstporträts geben einem Fotografen die Gelegenheit, sich in die Rolle zu versetzen, in der sich sonst andere befinden. Anstatt nur abzubilden, der Wirklichkeit einen Fetzen zu entreißen, wird man selbst auf jenen gebannt. Man muß sich damit auseinandersetzen, wie einen die eigene Kamera sieht. Das ist in Thomas Wenskats Bild sehr gut gelungen, wenn ich auch ein oder zwei Dinge persönlich anders gemacht hätte. Das tut dem Bild allerdings keinen Abbruch.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Thomas Wenskat).

Kommentar des Fotografen:

Als ich dieses Bild in der Kritik gesehen habe, ist mir diese Aufnahme eingefallen, die ich vor einiger Zeit von mir gemacht habe. Die Idee, nicht direkt in den Spiegel, sondern die Hand anzublitzen, ist jedoch nicht von mir. Ich habe ein ähnliches Bild schon einmal gesehen und wollte das auch mal testen. Nicht ganz leicht war es, den richtigen Fokus zu finden, da ich im Dunkeln gestanden habe. Nach einigen Versuchen ist es jedoch gelungen.

Profi Sofie Dittmann meint zum Bild von Thomas Wenskat:

Gezeigt wird ein Selbstporträt in schwarz-weiß, in völliger Dunkelheit mit durch die rechte Hand abgeschirmtem Blitz fotografiert. Dadurch wirkt es sehr experimentell, und ist nach Angaben des Fotografen auch so intendiert gewesen.

Das Foto erinnert mich an den Stil der frühen Fotopioniere, besonders an eines von Stanislaw Ignacz Witkiewicz, das ich vor Jahren in einer Ausstellung zum Thema Fotografie zwischen den Kriegen (1918 – 1945) gesehen habe („Foto“ in der Nationalgalerie in Washington/DC), und das mich seitdem „verfolgt“. Im Interesse der Transparenz möchte ich hier noch betonen, daß mein persönlicher Fotogeschmack und –stil in diese Richtung tendiert. Deshalb fiel mir dieses Selbstporträt ins Auge – weil es aus der Menge der anderen eingereichten regelrecht herausstach.

Während meiner Recherchen habe ich auch die Webseite des Fotografen besucht. Was sofort auffiel, war die Tatsache, daß bei Thomas Wenskat hauptsächlich Landschaften, Blumen und dergleichen zu finden sind. Die einzigen Porträts, die ich fand, waren entweder Selbstporträts des Fotografen, oder Szenen im Stile von „Street Photography“, allesamt ungestellt wirkend und offen. Das machte die Sache noch interessanter, denn normalerweise findet man viele Porträts anderer Leute, und wenig Selbstporträts. Es soll an dieser Stelle noch erwähnt werden, daß ich das vorliegende Bild auf Thomas Wenskats Twitterprofil wiederfand.

Meine Erklärung also mangels anderer Informationen: Porträts sind nicht der allgemeine Fokus des Fotografen, er fotografiert sich als Übungsstück und, um die Bilder zur Selbst-Promotion zu benutzen.

Viele Fotografen, die ich kenne, scheuen sich davor, sich selbst abzubilden – inklusive meiner selbst. Um es anders auszudrücken, es gibt einen Grund, warum ich HINTER der Kamera bin, anstatt davor. Aus diesem Grund macht es ein Freund von mir, der Fotografieprofessor ist, seinen Studenten zur Pflicht, Selbstporträts zu fotografieren. Er selbst pflegt schon seit Jahren eine Art Tradition, die er „Self-Portrait Sunday“ nennt, um gerade die Scheu zu überwinden, die viele von uns daran hindert, uns selbst zu fotografieren. Schaut es Euch hier mal an.

Zum Porträt selbst: Der Abgebildete lächelt nicht. Er ist sehr ernst und regelrecht angespannt-konzentriert. Die Hand, die als „Schild“ gegen den Blitz benutzt wird, verdeckt auch gleichzeitig das linke Auge, als würde der Fotograf hinter etwas hervorschauen, sich hinter einer Art gedachter Barriere verstecken. Der Blick ist vom Betrachter abgewandt. Die Szene wirkt, als suche sich der Fotograf im Spiegel, als hätte er sich in ihm verloren und nähme den Betrachter nicht wahr. Gesicht, Hände, Kamera sind das einzige wirklich wahrnehmbare Bildelement, das sich auf den extremen oberen Teil des Fotos konzentriert.

Durch die Art, wie das vorliegende Selbstporträt fotografiert ist, mußte sich der Fotograf mehr auf die technische Seite konzentrieren als auf den Bildaufbau. Es ist sehr schwierig, im Dunkeln ohne Stativ ein solches Selbstbildnis zu fotografieren, wenn auch mit Blitz, den die Hand auffängt.

Anderer Schnitt, mehr Luft nach oben.Das macht sich bemerkbar: Ich persönlich hätte nach oben hin mehr Raum gelassen, denn die Komposition ist nach oben hin verschoben – jedoch ohne wirklichen Grund. Wenn man Regeln durchbricht, dann sollte es einen Grund haben. Der einzige, den ich hier finden konnte, war, daß es eben so fotografiert wurde, und das reicht irgendwie nicht. Dadurch, daß sich die abgebildete Person auf Wesentliches reduziert, wird das Auge automatisch zum Gesicht und der Hand hingezogen. Was auch so passiert wäre, aber hier gibt es nichts, was das Auge wandern ließe. Deshalb braucht es meines Erachtens nach oben hin etwas mehr Atemfreiheit, damit sich die im Foto erzeugte Spannung durch die Bildaufteilung etwas auflöst.

Ich habe mich auch gefragt, wie das Foto gewirkt hätte, wenn der Abgebildete mich angeschaut hätte – ähnlich wie in dem oben erwähnten Selbstporträt von Witkiewicz. Vielleicht wäre dann der Eindruck, den das Bild jetzt schon macht, noch verstärkt worden.

Weder das eine noch das andere tun dem Bild allerdings wesentlich Abbruch, und ich werde das gleiche demnächst mal selbst versuchen. Ansonsten würde ich mir wünschen, mal Porträts anderer Leute von diesem Fotografen zu Gesicht zu bekommen – nur um zu sehen, was er daraus machen würde.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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  1. […] wir intern weitergeführt und darauf auch die Kritikerin eingeladen haben, bei uns mitzumachen. Sofies erster Text ist gestern […]

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