Ubahn-Szene:
Halbe Geschichte

Strassenfotografie erzählt kleine Geschichten in einem einzigen Bild. Die Kunst besteht darin, den roten Faden zu legen.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Jakob Hieke).

Kommentar des Fotografen:

Dieses Bild habe ich Anfang Januar in der Hamburger U-Bahn aufgenommen. Ich war schon eine Weile im Wagen, als mir die symbolhafte Wirkung der schwarzen Kapuze bewusst wurde. Sofort änderte ich meinen Sitzplatz, fokussierte und machte das Bild. Es gefällt mir besonders die einsame, melancholische Stimmung des Bildes. Interessant macht es meiner Meinung auch die Gegensätze, die es vereint. Die Kapuze ist ein Symbol der Abgrenzung von der Außenwelt, allerdings in einem menschenleeren Wagen, in dem man sich nicht abzugrenzen braucht/kann. Außerdem die Leere selbst, wo doch die Wagen der U-Bahn sonst gewiss immer überfüllt sind.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Jakob Hieke:

Du hast in der U-Bahn – also gewissermassen auf der Strasse – eine Szene gesehen, die Dir symbolhaft erschien und hast blitzschnell reagiert und sie mit der Kamera eingefangen.

Leider ist das Resultat nicht ganz das, was Dir vorschwebte. Denn als Betrachter erschliesst sich mir die Aussage der Aufnahme erst, nachdem ich Deine Erklärung gelesen habe. Ich komme darauf zurück, warum.

Ich habe mir grade das Bildmagazin „Hamburger Eyes“ gekauft:

Ein Strassenfotografie-Magazin, das Enthusiasten in San Francisco und New York seit fast zehn Jahren herausgeben, um neuen Talenten eine Publikationsmöglichkeit zu verschaffen.

Das kleine Buch von rund hundert Seiten ist prall gefüllt mit umwerfenden Schwarz/Weiss-Aufnahmen. Die meisten sind unscharf, körnig, verwinkelt oder sogar verwackelt. Fast jedes fesselt mich mindestens zwanzig Sekunden lang, bringt mich zum Lachen oder zum Grübeln.

Und keines, kein einziges, verfügt über eine Bildlegende. Ich erfahre weder wo, wann, noch warum die Menschen in den Aufnahmen aus den Strassen der Städte dieser Welt, aus Hinterhöfen, Gärten, Schlafzimmern und U-Bahnen tun, was sie tun. Die Geschichten strömen ganz allein aufgrund der Kraft der Bilder aus den Seiten: Halbe Romane oder kleine, szenische Miniaturen.

Die Aufnahmen haben fast ausnahmslos eine Pointe, einen „Aha!“-Moment, der sich manchmal erst nach einigem Hinsehen erschliesst. Oder sie sind dermassen reich an Stimmung, dass im Kopf des Betrachters eine eigene Geschichte entsteht, weil er sich umgehend ausmalt, welche Situation dem Bild vorausging.

Die Kranke, die aus dem Bett einem Besucher den Stinkefinger zeigt. Eine Junge Frau, die auf einem Müllcontainer in der nächtlichen Strasse auf dem Rücken liegt und in ihr Smartphone starrt. Ein Hund, der auf einer absolut menschenleeren Strasse mitten am Tag an einem Haufen Pferdeäpfel schnüffelt. Die Frau, die aus einem durch die lange Belichtungszeit verwackelten, hell erleuchteten Nachtbus zufällig direkt in die Kamera blickt und deren Gesicht dabei einen anstrengenden Tag spiegelt.

Dieser Blick, im Gesicht des Kapuzenmenschen, fehlt Deinem Bild. Die Stimmung ist zwar vorhanden, aber sie lässt keine Geschichte entstehen. Ich kann auch keine versteckte Pointe entdecken, wie sie bisweilen in komplexeren Strassenfotos steckt. Dabei werden vielfach zwei Elemente miteinander in Bezug gebracht, die erst durch die Blickführung durch den Fotografen in einen Kontext gebracht werden: Die drei jungen Skateboarder, zwei nur von der Brust an abwärts, auf einem Randstein sitzend, einer, frech grinsend, im Vordergrund. Erst auf den zweiten Blick ist die pornographische Zeichnung einer nackten Frau auf seinem Skateboard erkennbar, das er neben sich aufgestellt hat, wodurch der provokative Gesichtsausdruck plötzlich eine Erklärung erhält. Und erst danach erhält der markant aus dem Bild heraustechende Schriftzug „THINK“ auf dem Pullover eines der beiden andern Skaters im Hintergrund plötzlich eine ironische Relevanz.

Dein Bild könnte, um die gewünschte Wirkung zu erzielen, beispielsweise mehr von dem Menschen unter der Kapuze zeigen: Seine Situation in dieser leeren U-Bahn, seine Stimmung. Seine Abgrenzung hat Dich interessiert, aber um sie deutlicher zu machen, müsstest Du sie schon fast durchbrechen.

Oder aber die Umgebung könnte so einbezogen werden, dass der Zusammenhang, den Du in Worten sehr eloquent beschreibst, deutlicher wird. Zum Beispiel, indem das Plakat am rechten Rand des Bildes, das offenbar ein paar fröhliche Menschen zeigt, grade so in den Schärfentiefenbereich einbezogen wird, dass der Kontrast zwischen der Kapuze, dem leeren, kalten Zug und dem Werbebild von Freunden und Spass in der Gruppe entsteht.

Die Elemente wären vorhanden. Aber in Deienm Bild muss der Zusammenhang vom Betrachter erstellt werden, Du führst nicht direkt darauf hin. Es gibt keine Anhaltspunkte, welche Motivteile du in einen Zusammenhang bringen willst – ist es der Mensch und der Bildschirm über ihm, oder wolltest Du die Spiegelungen im Wagen zeigen? Ist das ganze womöglich eine abstrakte Lichtspielerei? Deine Absicht wird nicht klar, und damit ist die Geschichte nur halb erzählt.

Was mich an gelungener Streetfotografie immer wieder verblüfft, ist, wie scheinbar zufällig alles an seinen Platz fällt: DAs Bild mag verwackelt und verwinkelt sein, aber alle Beziehungen der Motivteile funktionieren und sind eindeutig sichtbar. Bei genauem Hinsehen aber zeigt sich, dass da ein sehr geübtes Auge am Werk war. Es sind keine Zufälle: Die Komposition und die technische Umsetzung sorgen dafür, dass der Betrachter geleitet wird und just jene Schlüsse zieht und Aussagen erkennt, die der Fotograf beabsichtigt hat. Ich glaube, dass es dazu sehr viel Übung braucht und dass dabei eine riesige Menge missglückter Bilder entsteht, die ganz einfach nicht „funktionieren“. In diesem Sinne ist für mich schon eine halbe Geschichte in einem Bild ein erster Schritt, dem weitere (und weitere Bilder) folgen müssen.

Die Technik muss dabei dem Inhalt dienen: Hättest Du hier abgeblendet, um das Plakat in den Schärfenbereich zu kriegen, dann wäre die Belichtungszeit enorm gestiegen – Du hättest (mit einer digitalen Kamera) zugleich die Empfindlichkeit hochschrauben müssen. Das Resultat wäre Körnung/Rauschen, vielleicht sogar Verwackelung gewesen – aber das ist in diesem Genre kein Problem, wenn die Bildkomposition dafür das tut, was Du wolltest; wenn der Schärfentiefenbereich möglichst genau den Kapuzenmenschen und das Plakat umfasst und damit den Bezug und eine Aussage schafft, der sich kein Betrachter mehr entziehen kann.

Ich halte das Bild für einen guten Ansatz für Streetphotography, aber nicht für einen Erfolg – es ist in der Aussage zu schwach. Wenigstens haben Strassenfotografen gegenüber Studio-, Landschafts- und anderen Konzeptfotografen den Trost, dass es nicht immer an ihnen liegt, wenn es eben auch mal kein Bild „gab“ an einem Abend.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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5 Antworten
  1. Schtonk! says:

    „Der Tod fährt mit“

    Wäre ein passender Titel ;-)

    Naja, wenn man mehr als die Kapuze aufnimmt, wird es rechtlich schwierig. Dann muss man ja eine Erlaubnis haben.

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  2. Andreas says:

    Boah – ein sehr spannender Artikel – anregend, klar und stark! und er macht Mut und Lust auf Streetphotography. und er bereitet vor auf viele Enttäuschungen, die man zu erwarten hat, wenn man damit anfängt… aber wird dann auch darauf gefasst sein.
    Vielen Dank!

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  3. Peter Sennhauser says:

    @Florian: Mehr als den Link im Artikel kann ich leider nicht liefern. Ich weiss, dass das Magazin in einer Auflage von jeweils 3000 Stück gedruckt wird, 10$ kostet und jedesmal ausverkauft wird. Aber mit einer E-Mail sollte sich was machen lassen, denke ich. Interesse aus Übersee schmeichelt ja doch sehr…

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  4. florian says:

    moin peter,

    kannst du mir eine bezugsquelle für das magazin “Hamburger Eyes” in deutschland, am besten berlin oder münchen nennen? oder online?

    besten dank, gruß, florian

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