Spuren der Zeit:
Schwarzweisse Einsamkeit

Es lohnt sich meistens, für ein besseres Motiv dreckige Kleider zu riskieren – oder in diesem Fall: Einen nassen Bauch.

Kommentar des Fotografen:

Das Bild ist letzten Januar auf einer kurzen Fototour im schweizerischen Jura entstanden. Ich legte mich in die schneebedeckte Wiese vor das Objekt, um den von Wetter und Alter gezeichnete Zaunpfahl mit passendem (= unstörendem) Hintergrund zu fotografieren. Um das Alter weiter zu dramatisieren entwickelte ich das Bild schwarzweiss mit hohem Kontrast.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Michael Bolli:

Ein einsamer Zaunpfahl, verwittert und unnütz, als ob er vom eigenen Stacheldraht erdrosselt worden wäre.

Sehr schönes Motiv, das durch Einfachheit und Kontrast und die vielen Linien brilliert.

Was mir besonders gefällt:

Die Tatsache, dass Du Dich vor dem Pfahl bäuchlings in den Schnee geworfen hast. Viele Bilder von durchaus spannenden Objekten und Motiven leiden nämlich unter der Faulheit von uns Fotografen: Die Sicht auf die Dinge aus menschlicher Augenhöhe ist gewohnt und gewöhnlich, und genau deshalb meistens die schlechteste Wahl. Überraschende Anblicke und überzeugende Freistellungen werden, wie Du hier ganz richtig bemerkst, meistens von sehr viel tiefer unten als den durchschnittlichen 1.5 Metern erreicht.

Nur ist der Aufwand, diese Perspektive zu finden, gar nicht gering. In die Knie gehen reicht meistens nicht: Man muss auch noch auf den Knien rings um das Objekt herumrutschen, um die wirklich gute Ansicht zu finden, und ich gestehe gern, dass mir das häufig auch nicht leichtfällt (oder dass ich genau deswegen überhaupt auf eine Aufnahme verzichte).

Du hast hier den Aufwand nicht gescheut, und es hat sich eindeutig gelohnt. Nicht nur ragt der Zaunpfahl so wie ein Turm in den Himmel, statt als kümmerlicher stumpf aus dem Schnee zu lugen, wie es wohl aus Augenhöhe der Fall gewesen wäre. Du hast zusätzlich den Hintergrund gefunden, der eine optimale Freistellung erlaubt und den Pfahl durch einen weissen Fleck zusätzlich isoliert.

Die Belichtung scheint mir genau richtig, und Du hattest zusätzlich das Glück, dass auf der Vorderseite des Pfahls einige Schneeflecken kleben, die ihm in der harten Schwarz-Weiss Version zusätzliche Struktur geben.

Als einziger kleiner Mangel ist vielleicht die Schärfentiefe, oder vielmehr die Lage des Fokus, zu bemerken. Zwar gefällt, dass der eine Draht im Hintergrund in den Schnee führt und dort leicht unscharf wird. Noch besser aber würde mir das gefallen, wenn die Drahtschlaufen im Vordergrund durchgehend scharf wären. Ich nehme an, Du hast auf den Pfahl selber fokussiert, was die vordersten Drahtstücke grade noch aus dem Schärfebereich ragen lässt. Hättest Du leicht vor den Pfahl fokussiert, dann wären sie scharf geworden, der in den Schnee hinauslaufende Teil dagegen noch etwas unschärfer.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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