Selbstporträt als Diptychon

Sofie Dittmann, 21. Juli 2009 11:03 Uhr, 7 Kommentare Kommentare

Das vorliegende Selbstporträt ist innovativ, humorvoll und regt zum Nachdenken an, hat aber ein paar technische Mängel. Diese sind allerdings leicht zu korrigieren.

Kommentar der Fotografin:

Selbstbildnis

Profi Sofie Dittmann meint zum Bild von Adriana Navalesi:

Auch wenn Selbstporträts an sich schwierig zu fotografieren sind, gewinnen sie doch, wenn sie nachträglich zumindest ein bischen poliert werden. Ich persönlich versuche zwar auch so zu fotografieren, daß hinterher nicht mehr viel zu tun ist. Das heißt aber nicht, daß ich offensichtliche Dinge wie Lichtklekse nicht retouchiere.

Adriana Navalesis Foto ist ein Selbstporträt, präsentiert als Diptychon. Die Fotografin fotografiert grundsätzlich in diesem Modus, und stellt entweder zwei ähnliche Aufnahmen einander gegenüber, so wie im vorliegenden Fall, oder in jüngster Zeit ein Selbstporträt mit einer Landschaft. Die Bilder gehören thematisch zusammen, sie sind als Sequenz, als Paar zu beurteilen.

Der erste Gedanke, der mir bei Adrianas Fotos in den Sinn kam: man hat das Gefühl, jemanden bei etwas ertappt zu haben. Eine Frau, die eine gelbliche Substanz um dem Mund geschmiert hat – Pudding oder so etwas – und an ihrer Oberlippe klebt etwas, das wie Schokolade aussieht. Auf dem rechten Teil des Diptychons sieht sie einen diekt an, der Gesichtsausdruck hat komplett gewechselt. Es ist, als hätte sie jetzt bemerkt, daß eine Kamera auf sie gerichtet ist, und sie sieht irgendwie trotzig aus. Das Stück Schokolade (mal angenommen, daß es tatsächlich Schokolade ist) klebt immer noch an ihrem Mund, sie hat es mit der Zunge nicht wegbekommen.

Zum Foto selbst: Fotografische Mängel können Absicht sein, und wenn sie effektvoll eingesetzt werden, wie etwa bei den Selbstporträts von Lee Friedlander, haben sie ihren Platz. Ich habe bei diesem Diptychon hin und her überlegt, ob das hier der Fall ist, bin aber letztlich zu der Schlußfolgerung gelangt, daß das Bild, wenn es etwas poliert worden wäre, besser ausgesehen hätte. Bei Friedlander waren die „Mängel“ Stilelement. Hier kann ich das nicht finden.

Keines der Fotos sieht aus, als sei es nachbearbeitet worden. Die linke Aufnahme wirkt etwas unscharf und hat Lichtklekse. Diese entstehen, wenn Streulicht aus einem bestimmten Winkel ins Objektiv fällt. Da sie aber auf der rechten Aufnahme nicht vorhanden sind und anzunehmen ist, daß beide innerhalb desselben Zeitraumes aufgenommen wurden, würde mich persönlich interessieren, was sich an der Umgebung verändert hat von einem Foto zum anderen.

Alle Bilder der Fotografin, die ich auf ihrer Webseite angeschaut habe, sehen grundsätzlich so aus, als kämen sie direkt aus der Kamera, ohne bearbeitet worden zu sein. Sie haben zum Teil auch fotografische Mängel, sind etwa unscharf, unter-/überbelichtet etc. Ob die Landschaften, mit denen einige Porträts gepaart wurden, auch von ihr sind, war nicht ersichtlich.

Es ist schwierig, Aufnahmen in dieser Art komplett identisch zu belichten etc., wenn sich die Pose, wenn auch nur etwas, ändert. Auf der anderen Seite sollten sie, wenn sie als Diptychon präsentiert sind (zumindest, wenn es sich um eine Variation des gleichen Bildes handelt), meiner Meinung nach so weit wie möglich angeglichen sein, um den Effekt zu erhalten – oder wesentlich verschiedener sein. Das ist hier nicht der Fall, hätte aber so ausgesehen:

Ich habe lediglich zu Anschauungszwecken die rechte Aufnahme dupliziert, das Gesicht der linken darübergelegt, und in Photoshop den Kontrast etwas korrigiert. Außerdem habe ich das Bild oben abgeschnitten, was es von der Komposition her etwas ausgeglichener erscheinen läßt – der leere Raum oben hat meines Erachtens keine andere Begründung, als daß die Fotos eben abgespeichert wurden, wie sie aus der Kamera kamen. Negativer Raum sollte dem Bild zugute kommen, nicht ihm abträglich sein.

Abgesehen von ein paar oben beschriebenen technischen Dingen, die leicht zu korrigieren sind, finde ich das Diptychon sehr kreativ und gelungen. Wie die anderen, die ich auf ihrer Webseite gefunden habe, läßt es einen schmunzeln, regt aber auch zum Nachdenken an. Und man bleibt in der Betrachtung irgendwie hängen, weil man jedes Mal eine Einzelheit entdeckt, die einem davor nicht aufgefallen wäre.

Abschließend ist zu sagen, daß ich die Webseite der Fotografin mittlerweile in meinen Lesezeichen habe.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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7 Kommentare

  1. Corinne ZS
    schrieb am 21. Juli 2009 um 14:44 Uhr (#)

    Die wahre Künstlerin erkennt man daran, dass es bei ihr reicht, ein Bild einzureichen ohne Text. Davon sind wir normal Fotografierenden weit entfernt, was dazu führt, dass wir wortreich unsere Absicht beim Knipsen anführen, inkl. all der überflüssigen technischen Details, so dass die Kritik auf unseren Angaben aufbauen kann. Hier hingegen kommt uns die reine Kunst entgegen. Wie eindrücklich.

  2. Sofie Dittmann
    schrieb am 21. Juli 2009 um 16:37 Uhr (#)

    @Corinne Ja, grundsätzlich sollte das Bild genügen. Angaben des Fotografen lenken manchmal ab. Ich finde es aber zum Beispiel hilfreich, wenn ich noch andere Fotos als Anschauungsobjekt habe, wie in diesem Fall – solange man dann nicht in die Intentionalismusfalle fällt. :)

  3. Jürgen Schulte
    schrieb am 21. Juli 2009 um 18:41 Uhr (#)

    @Corinne Ich bin da Deiner Meinung, wenn ein Photo in einer Galerie hängt und dort jedem Betrachter eigenen Interpretationsspielraum läßt (lassen soll).
    Hier geht es jedoch m.E. um “Bildkritik” (so steht es jedenfalls in der Navigationsleiste), die dem “ambitionierten Amateur” von “Profis” gereicht wird und diesen in die Lage versetzen soll, seine mehr oder weniger (un)tauglichen Versuche auf dem Feld der Photographie besser einschätzen zu können, aus Fehlern zu lernen, sich weiterzuentwickeln, seine Fähigkeiten zu erweitern.
    Und hierzu gehört es m.E., daß der Photograph seine Intention dem Rezensenten mitteilt. Wie sonst soll jemand beurteilen können, ob die Absicht des Photographen, die story, in der konkreten Bildgestaltung sich auf den Betrachter überträgt?

  4. Corinne ZS
    schrieb am 21. Juli 2009 um 18:58 Uhr (#)

    Kurz und knapp könnte man auch sagen: Der Text ist in der falschen Rubrik erschienen. Vielleicht möchte Dittmann auch einfach die bisher zur Einreichung eines Bildes nötigen Voraussetzungen ändern (nebst ein paar anderen Dingen). Oder sie zieht eine Bildbetrachtung einer Bildkritik vor, die einfach mehr Sinn macht, wenn die Fotografin, der Fotograf das Bild mit einer Fragestellung verbindet. Eine echte Bildbetrachtung ist es aber auch nicht, eher ein Zwischending, weder Fisch noch Vogel. Kunst zu kritisieren finde ich übrigens wenig interessant. Die Wahrheit liegt im Auge des Betrachters, und statt dessen an Details oder der Technik rum zu mäckeln ist kleinlich (oder überheblich). Kunstkritik müsste schon ein wenig kunsthistorisches Wissen transportieren, wenn schon. Wir sind jedenfalls gespannt …

  5. Adriana
    schrieb am 21. Juli 2009 um 19:06 Uhr (#)

    Es freut mich sehr, dass mein Bild in der Kritik erscheint!

    Das erste Bild habe ich mit einer Doppelbelichtung im Gimp gemacht…es wurde also absichtlich mit den Lichklecksen gestaltet.

    Es ist auch nicht einem besonderen Thema gewidmet.. sondern nur aus einer Laune heraus gemacht.
    In der Photocommunity wurde es mit ” La dolce vita” betitelt.

    Ich entschuldige mich hiermit dass ich mich wörtlich nicht so gut ausdrücken kann..aber darum mache ich ja Fotos:))

    liebgruss Adri

  6. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
    schrieb am 21. Juli 2009 um 19:16 Uhr (#)

    Eben wollte ich antworten, da kam Jürgens Kommentar – und ich bin genau der gleichen Meinung: In der Galerie kannst Du davon ausgehen, dass eine Kuratorin die Arbeit des Fotografen gesichtet, beurteilt, veredelt und konzeptionell stimmig zusammengestellt hat. Wenn Du ein einzelnes Bild ohne jede Erläuterung zur Kritik erhältst, ist niemals klar – das zeigt sogar Sophies Urteil hier ganz konkret – ob “Anomalien” beabsichtigt und Teil des Kunstwerks sind oder technisches oder künstlerisches Unvermögen. Genau aus dem Grund müssen bei grossen Fotowettbewerben und bei Vorstellungsgesprächen für jegliche Foto-Aufträge Portfolios vorgelegt werden – zu denen der Fotograf durchaus noch was sagen darf.

  7. Sofie Dittmann
    schrieb am 21. Juli 2009 um 20:43 Uhr (#)

    @Adriana: Es war mir ein Vergnügen. Deine Fotos, und was Du daraus machst, sind wirklich interessant! Wie gesagt, Deine Seite ist in meinen Lesezeichen. :)

    @Corinne Wie hättest Du es denn gemacht? Peter sucht noch Leute, die für ihn Kritiken schreiben. Beschreibung und Interpretation gehören übrigens wie eine Bewertung zu einer guten Kritik dazu. :o)

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