Landschaftsaufnahme vom Boot:
Brücke zur Nacht

Landschaftsaufnahmen aus Booten sind spannend, weil sie eine ungewohnte Perspektive erlauben. Aber Boote sind schlechte Standorte für Landschaftsfotografen.

Kommentar des Fotografen:

Während einer Schifffahrt mit Hurtigruten um die Westküste Norwegens ist am frühen Abend dieses Bild entstanden; durch eine leichte Unterbelichtung um 2/3 Blendenstufen wollte ich die Abendstimmung einfangen und die Brücke als symbolische Verbindung und Spannungsbogen zwischen Abend und Nacht nutzen

Peter Sennhauser meint zum Bild von Harald Manger:

Dies ist eine Landschaftsaufnahme mit einer einfachen Aussage und ebenso einfachen Formen, die aber sehr einprägsam sind. Wir blicken in die untergehende Sonne hinter der geschwungenen Brücke, haben rechter Hand die Nacht und im Bildzentrum den schwindenden Tag. Und stehen sofort unter dem Eindruck, hinaus zu fahren ins dunkle Meer, das hinter uns wartet.

Die Beobachtung, dass die Brücke faktisch zur Verbindung zwischen Tag und Nacht wird, finde ich umsetzungswürdig; die Umsetzung selber ist Dir nicht schlecht gelungen. Nebst technischen Einschränkungen kommt aber die Komposition des Bildes einen Hauch überladen daher.

Du wolltest mit den Bögen der Brücke und den korrespondierenden weichen Rundungen der Hügel dahinter, dem Verlauf von Vordergrund rechts und Hintergrund im Bildzentrum mit untergehender Sonne einen Bogen schlagen.

Zunächst ist die Wahl eines mittigen Horizonts hier vielleicht ausnahmsweise einmal angebracht: Das Wasser im Vordergrund ist nicht sonderlich tragend für das Bild, der Blick wandert eindeutig von rechts aus den dunklen Hügeln entlang der Brücke und der Wolkenwalze nach links ins Bild. Der Widerschein der Sonne im interessanterweise glatten Fahrwasser des Bootes ist sehr schön, weil er einen weiteren Bogen in das Bild hineinbringt.

Damit ist allerdings in der vermeintlichen Einfachheit genug versteckte Komplexität vorhanden: Die Fischerboote am linken Bildrand, die in der Unterbelichtung beinahe verschwinden, sind zu viel des Guten und werden zur Ablenkung. Ich glaube, das Bild würde dort einen Beschnitt um einen Fünftel Breite vertragen, ohne den Rhythmus der Linien zu stören.

Ob die Belichtung mit der gewählten Abwärtskorrektur ausreicht, wage ich zu bezweifeln. Noch immer brennt eine grosse Fläche um die Sonne herum stark aus, was nicht so schlimm ist, mehr stört, dass dabei auch der markante Hügel hinter dem linken Brückenkopf deutlich überstrahlt wird. Vielleicht hätte sich hier mit einem Neutralgrau-Verlaufsfilter etwas machen lassen.

Dann aber weiss ich auch, wie schwierig es überhaupt ist, auf Booten mit ihrem Geschaukel brauchbare Bilder und namentlich Landschaftsaufnahmen zu schiessen, vor allem, wenn man ansonsten gewohnt ist, sich nicht um Verschlusszeiten kümmern zu müssen, weil man als Landschaftsfotograf konsequent mit dem Stativ arbeitet – auf dem Boot nützt das nämlich nichts, es muss eine Verschlusszeit in ausreichender Kürze gewählt werden, mit der Verwackelungen ausgeschlossen werden können.

Ich denke aber, Du hättest hier noch deutlich stärker unterbelichten können – auch durch eine händisch gesenkte Verschlusszeit, weil Du mit dem 20mm-Sigma genügend Reserven vor einer echten Verwackelungsgefahr gehabt hättest. Grundsätzlich gilt nämlich in der Digitalfotografie: lieber eine leichte Unter- als eine Überbelichtung, denn die Helligkeitswerte einer RAW-Aufnahme erlauben das Anheben dunkler Partien eher als die Rettung ausgebrannter Stellen. Einfacher gesagt: Ein noch deutlicher unterbelichtetes Bild hätte Dir vielleicht mehr Spielraum gegeben, im Bereich um die Sonne noch Zeichnung zu kriegen und dennoch die dunklen Bildpartien mit Struktur, wie dem Wasser, in Photoshop oder Lightroom anzuheben.

Ich habe leider in einer ganz ähnlichen Situation, allerdings am sehr frühen Morgen (und lustigerweise mit der gleichen Kamera/Objektiv-Kombination wie Du), bei der Ausfahrt aus der San Francisco Bay vom Heck eines Schnellbootes aus versucht, Brücke und Nebel und daraus auftauchende Sonne mitzunehmen. Der Fehler, den ich dort gemacht habe, war ein ähnlicher: Statt unterzubelichten, habe ich die Empfindlichkeit hochgeschraubt und mit ISO 1000 auf der Nikon D70 doch einiges Rauschen in den Nebel gebracht.

Das Bild gefällt mir dennoch, und zwar aus einem ähnlichen Grund wie Deins – diese Abfahrtsstimmung ist einfach umwerfend…

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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2 Kommentare

  1. Erik M
    schrieb am 24. Juli 2009 um 01:43 Uhr (#)

    naja, nachdem die maxime in digital heisst: expose to the right, würde ich jetzt niemandem anraten unterzubelichten.
    an deiner stelle hätte ich jetzteinen grauverlauffilter vors objektiv gesetzt und überbelichtet.
    aber ja, wohl halt ansichtssache.

  2. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
    schrieb am 24. Juli 2009 um 08:02 Uhr (#)

    @Erik: Eine Diskussion über das beste Verhältnis von Signal zu Rauschen gibt’s hier, und es wird in der Tat empfohlen, eher nach rechts zu belichten – aber dabei jegliches Ausbrennen zu vermeiden, weil das Signal nach Überbelichtungen weg ist. Ich habe indes gelernt, auf das Licht zu messen – was bei einer Aufnahme direkt in die Sonne unweigerlich zu einer Unterbelichtung führen muss. Mit dem Grauverlauffilter würde ich nicht über- sondernd korrekt nach Matrixmessung belichten – er ist ja dazu da, den Kontrast anzugleichen. Verstehen wir uns jetzt miss?

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